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Hürden für Handel

Baustellen-Bratwurst entschädigt leidgeprüfte Kunden in Weingarten

Parkplatznot und Baustellen belasten die Gewerbetreibenden in Weingarten, die ohnehin schon unter der Online-Konkurrenz leiden.

Direkt vor dem Ladengeschäft der Metzgerei Kunzmann werden unter anderem Fernwärme- und Abwasserrohre erneuert. Das führt zu einem Umsatzrückgang.
Direkt vor dem Ladengeschäft der Metzgerei Kunzmann werden unter anderem Fernwärme- und Abwasserrohre erneuert. Das führt zu einem Umsatzrückgang. Foto: Werner Breitenstein

Die Konkurrenz durch das Internet belastet den Einzelhandel vor allem in ländlichen Gegenden. In Weingarten erschweren zusätzlich die viel diskutierte Parkplatzsituation sowie aktuell eine Baustelle im Zentrum die Lage für die Gewerbetreibenden.

Tanja Benz hat festgestellt, welche Auswirkungen eine Baustelle haben kann. Die Firma Benz Optik, die sie mit ihrem Mann Hartmut Benz führt, unterhält zwei Läden in der Bahnhofstraße, in unmittelbarer Nähe zueinander. Im Baustellenbereich besuchen nun deutlich weniger Leute das Geschäft, während außerhalb davon die Kundenfrequenz konstant geblieben ist. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so einen Unterschied macht“, sagt Benz.

Eine Stunde Parkzeit reicht in Weingarten oft nicht

Generell wäre es schon wünschenswert, dass die Menschen im Ort zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs wären, so Benz weiter. Die Realität sehe jedoch anders aus. Nicht nur auswärtige Kunden sind gewohnt, mit dem Auto vor dem Haus zu parken, und vermeiden, was nicht direkt angefahren werden kann.

Ein weiteres Problem sei die begrenzte Parkdauer von einer Stunde. Im Optik-Bereich dauere eine Beratung oft viel länger. Die Kunden seien dadurch beunruhigt – oder hinterher verärgert über einen Strafzettel. Ein größerer Zeitpuffer wäre zu begrüßen, meint Benz.

Der Metzgerei Kunzmann macht die Baustellensituation besonders zu schaffen. Die Arbeiten finden zum Teil direkt vor ihrem Ladengeschäft am Rathausplatz statt. Die Geschäftsführer Beate Wilhelm und Reiner Kunzmann klagen über einen deutlichen Umsatzrückgang, da die Kunden derzeit lange Wege zu Fuß zurücklegen müssten.

Als kleine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten hat die Metzgerei im vorigen Monat ihrer Kundschaft eine Baustellen-Bratwurst gratis angeboten. Nach Angaben der Geschäftsleitung nahmen etwa 100 Personen an der Aktion teil.

Buchhandlung schließt Ende des Monats

Die Lage der mittelständischen Betriebe betrachtet Kunzmann mit großer Sorge. „Zu viel Bürokratie, zu viele Auflagen bezogen auf Lebensmittelgesetze, die mit sehr hohen Kosten verbunden sind, geben uns das Gefühl, dass die kleinen Einzelhandelsgeschäfte nicht mehr gewollt sind“, lautet sein Fazit.

Die Gemeinde Weingarten nimmt er dabei von der Kritik aus: „Sie steht uns zur Seite, wo sie kann, und trägt immer wieder dazu bei, dass unser Ort schöner wird.“ Vielmehr liege es am Verbraucher, den Einzelhandel vor Ort zu unterstützen, anstatt den bequemen Weg zum Discounter zu nehmen.

Geschäftsschließungen und Leerstände stellen ein immer wiederkehrendes Problem dar. Zum Ende des Monats schließt die Buchhandlung Carolin Wolf in der Bruchsaler Straße. Die Geschäftsführung war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Floristin Annika Schubert sieht für sich keinen Grund zur Klage. Ihr Geschäft „Blumen für alle Fälle“ an der Ecke Jöhlinger Straße/Blumenstraße befindet sich weitab von der Ortsmitte. Und auf ihre „liebe Stammkundschaft“ könne sie sich verlassen.

Weingartens Pressesprecherin Gabi Dittert zitiert eine Studienprognose aus dem Jahr 2020, wonach in den nächsten Jahren jeder zweite Einzelhändler vom Markt verschwunden sein werde, weil immer mehr Menschen online kaufen. Das gefährdet die Geschäfte in den Innenstädten. „Dieses Szenario möchten wir als Gemeinde nicht“, sagt Dittert. „Deshalb suchen wir nach machbaren Möglichkeiten und unterstützen unseren Einzelhandel beispielsweise mit Anzeigen oder dem jährlichen verkaufsoffenen Sonntag.“

Schulungen im Projekt Innenstadtberatung

Der Gewerbeverein Weingarten hat mit der Plakataktion „Wir von hier“ die Geschäftsinhaber persönlich vorgestellt, um die persönliche Bindung zu stärken. Im vergangenen August hat Weingarten die Teilnahme am Projekt Innenstadtberatung der Industrie- und Handelskammer vereinbart, sagt die Gewerbevereinsvorsitzende Kerstin Wisniowski.

Das Projekt wird vom Landeswirtschaftsministerium gefördert. Es beinhaltet unter anderem Schaufenstergestaltung und Online-Präsentation. Erste Frequenzmessungen und Schulungen beginnen im nächsten Monat. Die Gemeinde hat ihre Unterstützung zugesagt.

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