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Beliebter Punkt an Ostern

Im Fährhafen von Leopoldshafen treffen Corona-Flüchtlinge auf Auswanderer

Leopoldshafen wurde an Ostern zum heimlichen Wohnmobiltreff – und zog die unterschiedlichsten Menschen an. Seien sie nun aus Köln, dem Schwarzwald oder Imker aus Kasachstan.

Ein Stück Heimat: Heinz Stein und seine Frau Hannelore sind aus Pforzheim an den Rhein gekommen. Der gebürtige Kölner kann auf seinen Fluss nicht verzichten. Die Enz in Pforzheim sei einfach nicht das selbe. Foto: Sebastian Kapp

Der Fährhafen von Leopoldshafen glich am Ostersonntag einem verkappten Campingplatz. Wohnmobile parkten in einer mehrere hundert Meter langen Schlange. Kaum jemand hatte wirklich vor, das Schiff nach Leimersheim zu nehmen.

Stattdessen entstand für wenige Stunden in dem Areal eine seltsame Atmosphäre zwischen Corona-Flucht und Sehnsucht nach der Ferne.

Aus einer dieser fernen Städte am älteren Rhein, genauer gesagt aus Köln, stammt Heinz Stein. Heute lebt er in Pforzheim. „Meine Frau isset Schuld“, sagt er im breitesten Kölsch. Die habe den einstigen Lkw-Fahrer nicht mehr gehen lassen. An den Rhein komme er regelmäßig. „Der Rhein gehört zu meinem Leben dazu. Das ist für mich Heimat.“

Den Kölner zieht es an „seinen Fluss“, den Rhein

Und zwar anders, als „die hier“ das verstehen, also die Badener oder allgemein Süddeutsche. „Da bin ich als Kind noch mit den Schlittschuhen drüber gefahren. Allein schon wie der Rhein riecht, das ist was Besonderes.“ Leopoldshafen sei gar nicht entscheidend. Hauptsache Rhein. „Wir sind schon bis Remagen hoch mit dem Fahrrad gefahren“, erzählt Ehefrau Hannelore. Das liegt an der Landesgrenze von Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

Hier lebt man, um zu arbeiten.
Heinz Stein aus Pforzheim

Einen Kulturschock habe man schon erlebt. „Ich arbeite als Rheinländer, um zu leben. Hier lebt man, um zu arbeiten“, klagt Heinz Stein. Und seine Frau erzählt von einer Hochzeit im Rheinland, bei der man zufällig dabei war. „Die haben einfach gefragt, ob wir mitfeiern wollten. Dabei kannten die uns gar nicht.“ Sie habe das schockiert, für ihn sei das „total normal“ gewesen.

Fährhafen ist letztes Refugium für Wohnmobil-Urlauber

Allmählich kommen Fährgäste, die erste Fracht des Tages ist aber nur ein Auto, das aus der Pfalz herüber gebracht wurde, unter den Augen der kleinen Wohnwagen-Kolonie. Einer dieser Wagen gehört Angelika Pietsch, die es sich am Ufer mit einem Buch in einem improvisierten Sitz gemütlich gemacht hat.

Aus dem Landkreis Calw komme die Familie, sagt sie in so perfektem Hochdeutsch, dass irgendetwas nicht stimmen kann. Dem ist auch so: Pietsch wurde in Salzgitter am Nordharzrand geboren. Normalerweise wäre sie jetzt wohl mit ihrem Wagen auf Sylt oder in Spanien. Diesmal, durch Corona, geht das ja alles nicht.

„Wir wollen dem ganzen Corona-Wahsinn für ein paar Tage entfliehen“, sagt Pietsch. Dann eben nicht in Andalusien, sondern in Leopoldshafen. „Da alle Wohnmobilplätze geschlossen sind, bleibt einem nur das hier“, sagt sie. „Auf dem Balkon habe ich jetzt lange genug gesessen.“ Und den Schwarzwald? „Den habe ich ganzen Tag um mich“, da müsse sie einfach mal raus.

Russlanddeutscher Imker hat einen schweren Stand

Gegen Mittag wird es voller, die Wanderer laufen bereits nebeneinander her, Parkplätze gibt es kaum noch. Die Familie Stein ist längst losgewandert und zwei Eiswagen sind vorbei gekommen. „Gleich geht der Krieg los“, warnt Imker Eduard Weisenburger. Er sei immer hier, auch wenn weniger Trubel herrscht. 30 Bienenvölker betreut er in Karlsruhe, ist „Imker in dritter Generation“.

Der Name, in Anlehnung an das elsässische Weißenburg/Wissembourg, erscheint erst einmal normal für die Region. Doch der Dialekt ist es nicht. „Ein Mischmasch aus allen möglichen Dialekten“, erklärt Weisenburger, „so haben wir in Kasachstan eben gesprochen“. Weisenburger ist ein sogenannter Spätaussiedler oder Russlanddeutscher.

Anders als viele andere habe seine Familie die deutsche Sprache beziehungsweise den Dialekt-Wirrwarr stets gepflegt. Und so spricht er mal in Schweizerdeutsch, dann wieder in Schlesisch über sein Geburtsland. „Da waren wir die Deutschen, hier sind wir jetzt endlich die Russen.“

Kunden schauen nur selten bei ihm vorbei. Auch die Eisdielen melden noch keinen großen Andrang. Er mache trotzdem so viel Honig wie irgend möglich. „Das ist ein wichtiger Beitrag für die Natur“, betont Weisenburger, dessen eigentlicher Familienname Weißenburger ist, mit ß. Das sei bei der Einreise nach Deutschland verloren gegangen, die Beamten hätten da einen Fehler gemacht.

„Mein Vater hat gesagt: Wenn ich sterbe, schreib den Namen richtig auf den Grabstein.“ Das habe er vor elf Jahren tun lassen, berichtet er. Weitere Generationen von Imkern aus dem Hause Weißenburger/Weisenburger werde es wohl nicht geben. Zwar würden seine Kinder gelegentlich helfen, da er als Dreher bei einem Betrieb in Pfinztal genug zu tun habe. Aber „ich will sie nicht dazu zwingen, das weiterzumachen“. So fließe die Zeit eben immer weiter, genau wie der Rhein mit seinen vielen Geschichten, von denen Corona nur eine ist.

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