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Strafbare Hilfsbereitschaft

Viele Tierfreunde aus dem Karlsruher Norden verwechseln freilaufende mit entlaufenen Katzen

Wer seine Haustier vermisst, ist über jede Hilfe dankbar. Allerdings werden freilaufende Katzen immer häufiger von Privatpersonen eingefangen. Viele Tierfreunde verwechseln die Tiere – damit können sie sich strafbar machen.

Verzweifelte Suche: Davina Casas aus Eggenstein-Leopoldshafen vermisste ihre Siamkatze Nala acht Tage lang. Obwohl sich viele Tierfreunde über die sozialen Netzwerke meldeten, konnte ihr keiner helfen. Foto: Rake Hora /BNN

Immer wieder werden Katzen gefunden oder vermisst. Die lokalen Gruppen in den sozialen Netzwerken sind voll von solchen Meldungen. Aufnahmebereite Tierfreunde sind schnell zur Stelle. Das kann zum Problem werden, denn nicht jedes Tier ist tatsächlich weggelaufen.

In der Facebookgruppe „Pfinztal“ postete eine Frau am Mittwoch Bilder einer Katze, die sie in Wöschbach gefunden hatte. Unter dem Beitrag meldeten sich sogleich mehrere Tierfreunde, die helfen wollten. „Ich nehm die gern zu mir... Falls Sie ins Tierheim muss“, schrieb ein Nutzer.

Auch Davina Casas aus Eggenstein-Leopoldshafen teilte einen Flyer auf Facebook, nachdem ihre Siamkatze Nala am 11. Oktober abends nicht nach Hause gekommen war. Darauf versprach sie eine Belohnung in Höhe von 1.000 Euro. Zudem suchte sie die Umgebung ab, klingelte bei Nachbarn und rief Tierheime sowie die Polizei an.

Tierfreunde melden freilaufende Katzen fälschlicherweise als vermisst

Auf den Hilferuf der 40-Jährigen meldeten sich knapp 100 Nutzer. Rund 400 Menschen hätten ihn geteilt, sagt sie. Außerdem gaben 15 Personen telefonisch Hinweise ab. Keiner davon führte zu Nala. „Der Zuspruch war riesig“, sagt Casas.

Mit einem Flyer suchte Davina Casas aus Eggenstein-Leopoldshafen nach ihrer Katze Nala. Darauf versprach sie auch eine Belohnung in Höhe von 1.000 Euro. Foto: Rake Hora /BNN

Den Enthusiasmus der Tierfreunde sieht Markus Wagner von der Tiertaxi-Zentrale in Stutensee kritisch. Pro Woche erhält er rund ein halbes Dutzend Anrufe von Personen, die Freigänger mit entlaufenen Katzen verwechselten. Freigänger sind freilaufende Tiere.

„Wir sind die erste Anlaufstelle, wenn es um verletzte oder tote Katzen geht“, sagt Wagner. Allerdings dürfe er fremde Katzen nicht einfach einsammeln.

Viele Leute können nicht einschätzen, ob ein Tier hilfsbedürftig ist oder nicht.
Markus Wagner, Tiertaxi-Zentrale in Stutensee

Erst kürzlich habe ein Mann eine Katze in Linkenheim-Hochstetten beobachtet, die seiner Meinung nach zu jung für den Freigang war. Einem solchen Hinweis könne er nicht nachgehen, sagt Wagner. „Viele Leute können nicht einschätzen, ob ein Tier hilfsbedürftig ist oder nicht.“

Fremde Katzen dürfen nicht ohne Grund eingefangen werden

Es passiere öfters, dass Personen Freigänger einfangen und im Tierheim abgeben oder selbst aufnehmen. Einige Male seien sogar tote Tiere aufgesammelt und im Garten vergraben worden. „Ein Mann musste eine Katze wieder ausgraben, weil die Polizei erfuhr, dass sie ihm nicht gehörte“, sagt Wagner. Er verlasse sich nur auf die Ordnungsämter oder die Polizei.

Man darf eine Katze nicht einfach mitnehmen.
Martin Schmitt, Amtstierarzt beim Veterinäramt des Landkreises Karlsruhe

Wer eine Katze finde und einfange, begehe im schlimmsten Fall einen Diebstahl, sagt Martin Schmitt, Amtstierarzt beim Veterinäramt des Landkreises Karlsruhe. Tiere würden rechtlich als Sachgegenstände behandelt, darum sollte man vorsichtig sein. „Man darf eine Katze nicht einfach mitnehmen“, sagt Schmitt.

Erst, wenn ein begründeter Verdacht bestehe oder die Katze offensichtlich verletzt sei, dürfe man eingreifen. Er rät im Zweifelsfall dazu, abzuwarten, ob das Tier weggeht. Bleibt es tagelang sitzen, sollte man das örtliche Tierheim kontaktieren. Tierärzte seien keine gute Wahl, weil immer der zahlt, der die Katze zum Arzt bringt.

Wegen Corona-Pandemie sind mehr Freigänger unterwegs

Im Monat sammle das Tiertaxi aus Stutensee bis zu 30 Katzen ein, die gestorben oder verletzt sind, sagt Wagner. In diesem Jahr sei die Zahl der Fälle im Vergleich zum Vorjahr leicht angestiegen: „Man merkt, dass sich die Leute in der Pandemie mehr Tiere zugelegt haben.“ Dadurch seien mehr Katzen draußen unterwegs.

In diesem Jahr haben wir fast wöchentlich wilde Kätzchen gefunden.
Kati Ahuis, Pressesprecherin von Terra Mater

Wenn Wagner eine Katze findet, sucht er zuerst nach einer Tätowierung oder einem Chip. Darüber kann er den Tierhalter ermitteln. So gehen auch die Tierschützer von Terra Mater aus Graben-Neudorf vor. „Unsere Teams haben immer Lesegeräte dabei“, sagt Pressesprecherin Kati Ahuis.

Der Verein habe ebenfalls bemerkt, dass es mehr freilaufende Katzen gibt. Ein großes Problem seien vor allem verwilderte Tiere. „In diesem Jahr haben wir fast wöchentlich wilde Kätzchen gefunden“, sagt sie.

In Deutschland leben rund zwei Millionen Straßenkatzen

Nur etwa die Hälfte der Katzen, die Terra Mater finde, seien Haustiere. Derzeit versorge man etwa 50 wilde Katzenkinder. Der Grund: Viele Halter sterilisierten ihre Tiere nicht. Dadurch gebe es mehr wilde Katzen. „Besitzer sollten ihre Katzen immer kastrieren“, sagt Ahuis. In Deutschland leben laut dem Deutschen Tierschutzbund etwa zwei Millionen Straßenkatzen.

Davina Casas Katze stand vor knapp einer Woche urplötzlich vor der Haustür. Sie war schon vor dem Vorfall kastriert und gechippt. Trotzdem wurde sie nicht gefunden. „Ich will in Zukunft immer wissen, wo meine Nala ist“, sagt Casas. Damit so etwas nicht nochmal passiert, habe sie sich schon nach einem Peilsender umgeschaut – der wird am Halsband angebracht.

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