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Wärmenetz noch in ferner Zukunft

Bürgerinitiative gegen Geothermie in Graben-Neudorf wirft Bürgermeister Untätigkeit vor

Eine Bürgerinitiative gegen Geothermie wirft Graben-Neudorfs Bürgermeister Eheim (SPD) vor, sich zu passiv verhalten zu haben. Kleine Chancen sehen die Aktivisten noch, den Bau des Kraftwerks zu stoppen.

Luftbild Geothermie-Baustelle Graben-Neudorf
Das Geothermiekraftwerk in Graben-Neudorf soll das größte am Oberrheingraben werden. Foto: Wolfgang Schuster

Im Mai sollen die ersten Testbohrungen in 3.500 Metern Tiefe zum Geothermiekraftwerk auf dem Gelände an der Ernst-Blickle-Straße in Graben-Neudorf beginnen. Wenn die Ergebnisse positiv sind, soll laut Betreiber Deutsche Erdwärme der Bau des Kraftwerks beginnen. Bis 2024 soll es fertiggestellt sein.

Die Bürgerinitiative (BI) Tiefengeothermie Graben-Neudorf/Waghäusel gründete sich im Mai 2020 aus Bürgern aus Graben-Neudorf und Waghäusel, die sich gegen Geothermie an diesen Standorten wenden. Die BI lehnt nach eigenen Angaben die Tiefengeothermie nicht gänzlich ab, sondern will den Bau von Kraftwerken am Oberrhein verhindern.

Die Mitglieder der Initiative befürchten, dass Tiefenbohrungen wegen der seismischen Aktivitäten am Oberrhein Erdbeben hervorrufen. Außerdem haben sie Angst vor Vergiftungen durch radioaktive Substanzen im Thermalwasser unter der Erde. Die Deutsche Erdwärme weist diese Bedenken zurück. Am Oberrheingraben sollen auch in Dettenheim und Waghäusel Geothermiekraftwerke gebaut werden, in Graben-Neudorf ist die Planung am weitesten vorangeschritten.

Die Bürgerinitiative wirft dem Graben-Neudorfer Gemeinderat und Bürgermeister Christian Eheim (SPD) Versagen vor. Ihre Hoffnung liegt darin, durch Flyer und Banner die Bevölkerung aufmerksam zu machen und umzustimmen und dadurch einen neuen Dialog und Änderungen zu erreichen. Außerdem hoffen sie darauf, dass die Probebohrungen erfolglos bleiben.

Behörden wollen jeden Schritt prüfen

Anja Göttsche und Thomas Herzog von der Bürgerinitiative (BI) Geothermie Graben Neudorf sehen Vorteile im schrittweisen Voranschreiten des Projekts: „Nach jedem Schritt werden die Behörden prüfen, ob es weiter genehmigt wird.“ Als Beispiel nennen sie das Grundwassermonitoring, das die Wasserqualität überprüft und feststellt, ob beispielsweise radioaktive Substanzen durch die Bohrungen hineingelangt sind.

Anja Göttsche blickt aus dem Fenster. Die Baukräne sind 800 Meter entfernt. Sie befürchtet, dass ihr Grundstück durch ein Geothermiekraftwerk um bis zu 30 Prozent an Wert verliert. Sie wirft Bürgermeister Eheim vor, sich passiv verhalten und den Bau des Projekts einfach durchgewunken zu haben. Der Gemeinderat habe die Möglichkeit gehabt, sich auf Paragraf 11 Absatz 10 im Landesberggesetz zu berufen. Dieser begründet eine Versagung der Bauerlaubnis mit „überwiegend öffentlichem Interesse“, das dem entgegensteht. Die Erlaubnis sei nun aber erteilt.

Die Bedenken der Initiative sind neben den allgemein befürchteten Risiken des Kraftwerks, die auch andere BIs anführen, dass die Gemeinde Graben-Neudorf keine Vorteile durch den Bau habe. Weder durch die Gewerbesteuer noch durch die Energieversorgung. Wo die Gewerbesteuer genau lande, sei nicht transparent genug gemacht worden, sagt Göttsche. Sie befürchtet sogar, dass sie an Graben-Neudorf vorbeigehen könne.

Was soll mit der gewonnenen Energie passieren?

Christian Eheim teilt auf Anfrage mit, dass er aktuell nicht sagen könne, „in welchem Umfang die Gemeinde Gewerbesteuereinnahmen erzielt“, da das Kraftwerk noch nicht gebaut sei. Ron Zippelius, Sprecher der Deutschen Erdwärme in Karlsruhe, teilt mit, dass die Gewerbesteuer nach dem Gewerbesteuergesetz zu 90 Prozent nach Graben-Neudorf gehe.

Ein weiterer Vorwurf der BI ist, dass die Gemeinde nicht an der Energieversorgung durch das Kraftwerk beteiligt sei. Die gewonnene Energie wird nach Angaben des Unternehmens zunächst in das Stromnetz eingespeist. Im nächsten Schritt solle ein Wärmenetz entstehen, sagt die Deutsche Erdwärme.

„Es muss erst eine Wärmebedarfserhebung geben“, sagt Anja Göttsche, „Mit der wird festgestellt, welche Teile von Graben-Neudorf an ein Netz angebunden werden können.“ Der Aufbau und die Finanzierung der Infrastruktur zur Verteilung der gewonnenen Energie sei Sache der Gemeinde, die Deutsche Erdwärme halte sich da raus. Sie wirft Eheim vor, nicht rechtzeitig gehandelt zu haben.

Christian Eheim sieht die Zeit für genaue Planungen noch nicht gekommen: „Die konkrete Planung eines Nahwärmenetzes kann erst beginnen, wenn das Geothermiekraftwerk erfolgreich und zuverlässig in Betrieb ist. Und, wenn genügend Kunden Interesse an einem Anschluss an das Nahwärmenetz haben“, sagt er. Die BI ist über die aus ihrer Sicht mangelnde Planung empört. „Wenn das Kraftwerk gebaut wird, werde ich mich sicher nicht an einen Baum ketten, um Protest zu zeigen. Doch wir werden alles genau im Auge behalten“, sagt Anja Göttsche. Zuletzt wurden 40 Banner gegen Geothermie unter der Graben-Neudorfer Bevölkerung verteilt.

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