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Trotz Verkaufserlaubnis

Corona-Maßnahmen bescheren Bäckereien im nördlichen Landkreis Karlsruhe Millionenverlust

Bäckereien gehören zu den Auserwählten: Trotz des harten Lockdowns dürfen sie weiterhin verkaufen. Dennoch berichten die Inhaber über deutliche Umsatzeinbußen. In Pandemiezeiten gibt es aber auch einen Verkaufsschlager.

Keine Bewirtung: Mit mehreren Schildern informiert Walter Köhler (rechts) seine Kunden, dass sein Café geschlossen ist. Foto: Catrin Dederichs

Der Mittag ist Sauregurkenzeit bei der Bäckerei Seeger in Stutensee. Brot und Brezeln sind gegessen, an Kaffee und Kuchen denkt kaum ein Mensch.

Die Lösung: ein Mittagstisch mit Maultaschenpfanne, Würstchengulasch oder Spaghetti Bolognese. „Von Januar bis Anfang März hat das super funktioniert“, sagt Amelie Seeger, Tochter des Inhabers. „Damit konnten wir die ruhige Zeit gut überbrücken.“ Konnten. Bis der Lockdown kam und die Bewirtung unmöglich machte.

Corona macht vor den Backstuben in der Hardt-Region nicht halt. Die Inhaber berichten von teils deutlichen Umsatzeinbußen. Amelie Seeger spricht von knapp einem Viertel, obwohl Brot, Brötchen und Kuchen weiterhin erfolgreich über die Ladentheke gehen.

Frühstücksservice lohnt sich einfach nicht, weil viele Menschen im Homeoffice sind.
Amelie Seeger / Tochter des Inhabers Bäckerei Seeger

Eingebrochen sind vielmehr die Geschäftsbereiche Café und Frühstücksservice. „Mit unserem Verkaufswagen fahren wir normalerweise verschiedene Firmen an. Die Mitarbeiter kommen raus und holen sich was“, sagt Seeger. Jetzt bleibt der Wagen in der Garage stehen. „Es lohnt sich einfach nicht, weil viele Mitarbeiter im Homeoffice sind.“

Nicht ganz gestorben ist der Mittagstisch. Maultaschen und Co. verpacken ihre Mitarbeiter in Zuckerrohrschalen zum Mitnehmen. Finanziell lohnt sich das weniger als eine Bewirtung im Café. „Früher sind nach dem Essen viele Kunden noch sitzengeblieben, haben Kaffee getrunken und ein Stück Kuchen gegessen“, sagt Seeger. „Das fällt nun weg.“

Mehr als eine Millionen Euro weniger Umsatz

Mehr geworden ist dagegen die Arbeit rund um die Hygienevorschriften. „Alle halbe Stunde desinfizieren wir die Scheiben und den Spuckschutz. Das ist schon ein Mehraufwand“, sagt Seeger.

Bei Brötchen stimmt der Umsatz: Im Akkord bereitet Florian Rödel von der Bäckerei Friebolin die Weckle fürs Backen vor. Foto: Catrin Dederichs

Dasselbe Spiel bei der Bäckerei Köhler in Graben-Neudorf. Also mehr Aufwand durch Handschuhe, Mundschutz und Desinfektionsmittel bei weniger Umsatz. „Insgesamt haben wir einen Umsatzrücklauf in allen Filialen von 15 bis 18 Prozent“, informiert Inhaber Walter Köhler. In Summe seien das inzwischen mehr als eine Millionen Euro.

Im Jahr verkochen wir einige Tonnen Kaffee, das fehlt jetzt alles.
Walter Köhler / Inhaber der Bäckerei Köhler

Auch Köhler hat die größten Einbußen im Gastronomiebereich. In seinen Cafés sind sämtliche Stühle für die Kunden gesperrt, Kaffee gibt es allenfalls zum Mitnehmen. „Das trifft uns schon hart. Im Jahr verkochen wir einige Tonnen Kaffee, das fehlt jetzt alles.“

Abgesagte Messen sorgen für weiteren Verlust. Um den einigermaßen auszugleichen, sind drei seiner Köche derzeit in Kurzarbeit. Weitere Angestellte könnten folgen. „Im Moment bauen alle Mitarbeiter ihren Urlaub ab“, sagt Köhler. „Es kann aber durchaus sein, dass wir noch einige in Kurzarbeit schicken müssen.“

„Wirklich nicht klagen“ will dagegen Horst Friebolin von der gleichnamigen Bäckerei in Wössingen. Der große Unterschied zu seinen beiden Mitbewerbern allerdings ist: Er verkauft fast ausschließlich außer Haus. „Wir hatten bloß zwei Stehtische und eine Bank, die haben wir schon im März weggeräumt“, erzählt er. Sein Verlust hält sich also in Grenzen, Corona-Soforthilfe hat er keine beantragt. Lediglich Kuchen verkaufe er seit Beginn der Pandemie ein bisschen weniger. Und Weihnachtsgebäck. „Da merken wir deutlich, dass viel daheim gebacken wird.“

Mehl und Hefe als Verkaufsschlager

Zugleich nennt Friebolin zwei neue Verkaufsschlager: Mehl und Hefe. „Im Frühling gingen 15 Kilogramm Hefe in der Woche.“ Auch Mehl habe er seinen Kunden in rauen Mengen und in allen möglichen Sorten abgefüllt.

„So ist das bei uns hier auf dem Dorf“, sagt er. Mit „ein bisschen Bammel“ blickt der Chef nun auf die Weihnachtsfeiertage. Er könne wegen Corona kaum einschätzen, wer zu Hause feiere, die Kalkulation sei schwierig. „Ich trete deshalb diesmal ein bisschen auf die Bremse“, sagt er. „Ich mache also nicht 200 Brote mehr als bestellt sind.“

Es ist jedoch nicht alles schlechter geworden durch die Pandemie. Die Inhaber berichten über ganz viel Menschlichkeit. So sagt Seeger, die Kunden seien sehr freundlich, würden Gesundheit wünschen und Verständnis für die Corona-Auflagen zeigen. „Keiner motzt, dass sie draußen in der Kälte stehen müssen, weil nur drei Leute in den Laden gehen dürfen.“

Ähnlich spricht Friebolin. „Unsere Kunden stehen in meterlangen Schlangen im Regen und halten uns die Treue. Deshalb bin ich sehr zuversichtlich. Wir werden es voll durchziehen können.“

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