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Stille Nacht

Nachtschwester Sisi: Ein langer Heiligabend im Krankenhaus

Dezember 2005: Langsam setzt die Dämmerung ein. Draußen funkelt ein Weihnachtsbaum und lässt das alte Buntsandsteingebäude der Klinik fast romantisch erscheinen. Letzte Besucher eilen nach Hause – Heilig Abend und Krankenhaus sind halt doch nicht so richtig vereinbar. Keine große Sache, hatte es geheißen, ein Routineeingriff. Bis zum Fest sei ich längst wieder zu Hause, hieß es.

Weihnachtsklassiker: Romy Schneider in der Rolle als Kaiserin Sisi. Foto: Rights Managed via www.imago-images.de imago images/Mary Evans

Nun heißt es aber auch für mich: Weihnachten im Krankenhaus. Und ausgerechnet da, wo ich auch arbeite. Oft habe ich vor den Festtagen versucht, Patienten zu trösten: „Weihnachten ist auch im Krankenhaus“, habe ich gesagt. „Vielleicht gerade dort!“

Vor einer Stunde habe ich großzügig meine Besucher nach Hause gescheucht. Nun, wo überall im Land die Glocken erklingen, beschleicht mich ein seltsames Gefühl. Eine Schwester bringt das Abendessen: Haferschleim! Na, toll! Vor mir liegt ein langer Heilig Abend – ohne Lichterglanz, Festmahl und Bescherung.

Mit gemischten Gefühlen sehe ich, wie meine Mitpatientin zur Fernbedienung greift. Wir beide haben nicht denselben Fernsehgeschmack. Sie liebt die Talkshows auf RTL2, ich nicht. Aber heute, an Weihnachten ist auf die Programmgestaltung des öffentlich- rechtlichen Fernsehens Verlass und mit zwei Worten ist alles geklärt: Sisi? Sisi!

Wir schütteln die Kissen zurecht, nehmen noch ein Schlückchen Kamillentee , lehnen uns wohlig zurück und tauchen ein in eine andere Welt. Ab und zu schwebt ein Seufzer durchs Zimmer, aber nicht der Schmerzen wegen. Einfach nur, weil’s so schön ist. Wenn der junge Franz-Joseph der überraschten Sisi die Blumen überreicht. Wie wunderschön die beiden tanzen! Ich schließe die Augen und schwebe in Gedanken mit.

Als ich wieder aufwache, hat sich die Szenerie verändert. Die glanzvolle Hochzeit habe ich wohl verschlafen. Wie gut, dass man die Handlung kennt! Jetzt seht da die chronisch erzürnte Erzherzogin Sophie und ich höre Sisis Mutter zu ihr sagen: „ Wie? Ihr habt Sisi das Kind weggenommen? Und da wundert ihr euch, dass sie den Hof verlässt?“ Habe ich da gerade wirklich die Lippen mitbewegt? Wie ich das nächste Mal aufwache, hat sich das Kaiserpaar wieder versöhnt und Sisi, in einem prächtigen Ballkleid, trägt die Haare offen mit glitzernden Edelsteinsternen darin.

Für mich sieht die junge Kaiserin wie ein Weihnachtsengel aus. Ich jedenfalls fühle mich auf wundersame Weise getröstet. Den Abspann des Films verschlafe ich tief und fest. In dieser Nacht musste aus unserem Zimmer keine Nachtschwester herbei geklingelt werden – wir hatten in doppelter Hinsicht eine wahrhaft Stille Nacht.

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