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Monatelange Wartedauer

Grippe-Impfstoff ist rund um Stutensee Mangelware

Weit mehr Menschen als gedacht wollen sich derzeit gegen Grippe impfen lassen. Dadurch könnte ein Corona-Verlauf milder ausfallen, heißt es. In den Apotheken gibt es Engpässe bei der Versorgung mit Impfstoff.

Vertraut auf Vorsorge: Seit über 20 Jahren lässt sich der 84-jährige Paul H. Roeder aus Stutensee gegen Grippe impfen. Dieses Jahr muss er erstmals monatelang auf seinen Impfstoff warten. Foto: Ingrid Doering

Jedes Jahr im Herbst geht Paul H. Roeder zu seinem Hausarzt, um sich gegen Grippe impfen zu lassen. „Das mache ich schon seit 25 Jahren“, erzählt der 84-jährige, ehemalige Jugendsozialarbeiter aus Stutensee. Er habe „in jungen Jahren mal eine ganz schwere Grippe gehabt“, unter deren Folgen er noch gut ein Jahr danach gelitten habe. Zudem sei sein Vater der Grippe-Pandemie in den sechziger Jahren zum Opfer gefallen.

Auch seine Frau lasse sich Jahr für Jahr gegen Grippe impfen, wenn auch bei einem anderen Arzt. Nur dieses Jahr war alles anders: „Wir wollten uns im September impfen lassen. Aber das hieß es bei meinem Hausarzt, dass es aktuell keinen Influenza-Impfstoff gibt“, erzählt Roeder.

Das Warten begann - und Tag für Tag schaute der rüstige Rentner im Internet, ob es in den Apotheken im Hardt-Gebiet Impfstoff gebe, telefonierte und schaute auch mal hie und da vorbei. Aber überall Fehlanzeige. Mitte November platzte Roeder schließlich der Kragen und er schrieb ans Bundesgesundheitsministerium.

Die Antwort aus Berlin ließ nicht lange auf sich warten: Es werde „erwartet, dass 2020/2021 viele Menschen die Impfung gegen Influenza wahrnehmen werden“, heißt es zunächst darin. Und: Bisher sei „nicht bekannt, dass bestimmte Impfstoffe am Markt nicht mehr verfügbar sind“. Es könne aber „lokal und zeitlich mal zu Lieferengpässen“ kommen.

Kein Einzelfall

Die Vermutung der Großabnehmer bestätigt übrigens ein Allgemeinarzt aus einer Hardt-Gemeinde, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Er habe das von mehreren befreundeten Apothekern so übermittelt bekommen. Wer das aber sein könnte und warum, wisse er nicht.

Eine Apothekenangestellte aus einer Apotheke in Stutensee möchte diese Vermutung allerdings nicht bestätigen: Es werde in jedem Frühjahr eine bestimmte Menge an Impfstoff bestellt, sagt die Frau, die ebenfalls anonym bleiben möchte. Da die Herstellung sehr aufwendig sei und auch einige Zeit in Anspruch nehme, könne es auch mal dauern, bis eine weitere Bestellung eintreffe. Denn: „Das, was im Frühjahr bestellt worden ist, war bei uns ratzfatz weg.“ Es habe schließlich „niemand ahnen können“, dass sich dieses Jahr so viele Leute impfen lassen wollten.

Gesundheitsminister rief zur Grippe-Impfung auf

Diese Erfahrung hat auch Verena Wagner von der Flora-Apotheke in Eggenstein-Leopoldshafen gemacht. Es ärgere sie besonders, dass Gesundheitsminister Jens Spahn an alle appelliert habe, sich gegen Grippe impfen zu lassen und verkündet habe, es gebe genügend Impfstoff. „Das war aber nicht der Fall.“ Weil eben viel mehr Menschen als im Vorjahr noch kalkuliert einen Grippe-Schutz haben wollten. Es heiße ja, dass man dann einen etwas harmloseren Verlauf von Corona haben würde - eine Ansicht, die auch das Gesundheitsministerium vertritt.

Wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen in der Hardt bestellte Verena Wagner schließlich Impfstoffe aus den USA, weil die deutschen Produzenten - auch wegen der Entwicklung und Produktion des Corona-Impfstoffs - kaum mit der Produktion des Anti-Grippe-Mittels nachkamen.

Sogar Leute aus Köln reisten an

In der Flora-Apotheke gibt es - wie andernorts auch - eine lange Warteliste. „Die wird nach und nach abgearbeitet“, sagt Wagner, die fast jeden Tag Anrufe von Ärzten erhält, ob wieder Impfstoff eingetroffen sei. Und natürlich strömen täglich Kunden in die Apotheke, die nachfragen. „Wir hatten sogar schon Leute aus Köln hier“, staunt die Fachfrau.

Für Paul Roeder ging die Sache am Ende doch noch gut aus: Am Donnerstag habe ihn sein Hausarzt angerufen und mitgeteilt, dass Impfstoff eingetroffen sei. Und am Freitag saß der Rentner bereits im Sprechzimmer und ließ sich piksen. Zum Schutz vor Influenza. Wie seit einem Vierteljahrhundert schon.

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