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Marius Biebsch (24) und Tobias Walter (26) im Interview

Jung-Gemeinderat aus Stutensee: „Wir müssen die Jugend ernst nehmen“

Junge Menschen fehlen in den Gemeinderäten nördlich von Karlsruhe. Die Kommunalpolitik wird oft von den Älteren gemacht. Woran liegt das? Zwei junge Gemeinderäte geben Antworten.

Rat der Älteren: Die junge Generation ist in der Kommunalpolitik in der Region unterrepräsentiert. Foto: Frank Löhnig

Marius Biebsch (24) und Tobias Walter (26) sind Ausnahmen. Seit 2019 sitzen sie für die Junge Liste im Stutenseer Gremium. Unser Redaktionsmitglied Dominic Körner hat mit den beiden Jung-Gemeinderäten über ihr politisches Engagement und ihre Erfahrungen als Bürgervertreter gesprochen.

Herr Walter, Herr Biebsch, die überwiegende Mehrheit der Gemeinderäte in der Region ist deutlich älter als Sie. Interessieren sich junge Menschen nicht für die Kommunalpolitik?
Walter

Das Interesse ist da. Aber der Schritt zur Kandidatur oder sich einer Partei anzuschließen, ist für viele eine große Hürde.

Biebsch

Das ist uns auch im Wahlkampf aufgefallen. Viele Junge wollten sich nicht als Kandidat aufstellen lassen, obwohl sie sich für Politik interessieren.

Walter

Das Gefühl, in der Öffentlichkeit zu stehen, mit dem Namen auf dem Stimmzettel – das schreckt sie ab.

Mit Ihnen beiden sind nur zwei von insgesamt 16 Kandidaten der Jungen Liste 2019 in Stutensee in den Gemeinderat eingezogen. Haben es ältere Bewerber leichter, weil sie im Ort bekannter sind?
Walter

Das glaube ich nicht. Mich kannten zum Beispiel vor der Wahl viele Leute nicht und ich habe es trotzdem geschafft.

Biebsch

Sicherlich sind wir bei jungen Mitbürgern bekannter. Aber uns haben auch ältere Menschen gewählt, die es toll finden, dass wir uns politisch engagieren.

Macht die ältere Generation mehr von ihrem Wahlrecht Gebrauch?
Walter

Das ist definitiv ein Punkt. Die Jugend beschwert sich gerne, dass sie nicht mitgestalten und keinen Einfluss nehmen kann. Aber die traditionellen Wähler sind um die 60. Wir hatten allerdings Gefühl, dass 2019 mehr Junge als früher gewählt haben, weil es mit uns eine junge Alternative gab.

Auch die Bewegung „Fridays For Future“ zeigt, dass sich viele junge Menschen politisch engagieren wollen. Warum gelingt es nicht, dieses Interesse auf die Kommunalpolitik zu lenken?
Biebsch

Sie ist nun einmal breit gefächert. Es geht nicht nur um ein zentrales Thema wie den Klimaschutz. Davor haben viele junge Leute Respekt. Und mal ehrlich: Wenn wir eine Wassererhärtungsanlage bauen lassen, ist das kompliziert und klingt nicht besonders sexy.

Walter

Die Jugend ist sehr politisiert. Aber sie interessiert sich nicht für institutionalisierte Politik. Sechs Stunden im Gemeinderat zu sitzen, um seinen Punkt deutlich zu machen, ist nicht ihre Sache. Das Interesse an Einzelthemen ist dagegen groß.

Wie wollen Sie junge Menschen für die Kommunalpolitik begeistern?
Walter

Nach der Pandemie wollen wir einen kommunalpolitischen Stammtisch anbieten, wo man sich ungezwungen bei Bier oder Cola über aktuelle Themen unterhalten kann. Ich fände es auch schön, wenn Kommunalpolitiker an die Schulen gingen und erklärten, welche Aufgaben der Gemeinderat hat. Das habe ich als Schüler selbst nicht gewusst, obwohl ich mich sehr für Politik interessiert habe. Wir müssen offener werden und vielleicht auch mal einen Stadtrat eine Gemeinderatssitzung im Unterricht durchspielen lassen. Die jungen Leute müssen erkennen, dass die Gemeinderäte normale Menschen sind, mit denen man über wichtige Themen im Ort reden kann.

Einen Jugendgemeinderat gibt es in Stutensee nicht. Wäre er eine gute Option?
Walter

Das funktioniert besser in größeren Städten wie Ettlingen. Dort findet sich immer eine kritische Anzahl von Jugendlichen, die sich engagieren wollen. Flexible Formate ohne feste Verpflichtung wie unser Jugendforum halte ich für geeigneter. Wichtig ist, dass man die Jugend einbindet und ernstnimmt.

Biebsch

Das Interesse der Jugendlichen ist stark themenabhängig. Deshalb ist das Jugendforum ein gutes Format, weil die Leute dort über das sprechen können, was sie bewegt.

Sie beide sitzen seit knapp zwei Jahren im Gemeinderat. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Walter

Ich hatte großen Respekt vor dem Amt. Wir haben erst einmal geschaut, wie die Abläufe und Regeln im Gemeinderat sind – zum Beispiel, wer bei Wortmeldungen in welcher Reihenfolge sprechen darf. Wir werden von den anderen Räten gehört und akzeptiert, auch wenn wir vielleicht mal eine naive Nachfrage stellen. Unser Vorteil ist: Wir denken Themen neu. Wenn ein Antrag vor zehn Jahren abgelehnt wurde, stellen wir ihn einfach nochmal.

Zum Beispiel?
Walter

Die Verlängerung der Straßenbahn-Linie über Spöck hinaus. Sie wurde vor einigen Jahren für nicht wirtschaftlich befunden. Seither hat sich die Welt verändert: Die Themen Klimawandel und ÖPNV sind stärker in den Fokus gerückt. Außerdem gibt es neue Rahmenbedingungen zur Förderung. Deshalb setzen wir uns beispielsweise mit den Grünen dafür ein, dass der Ausbau erneut geprüft wird.

Was viele nicht wissen: Der Arbeitsaufwand der Gemeinderäte ist immens.
Walter

Ich gebe zu, das habe ich unterschätzt. Wir erhalten teilweise Vorlagen mit 400 bis 500 Seiten. Die Sitzungen dauern regelmäßig vier bis sechs Stunden. Danach bereiten wir die wichtigsten Themen in den Sozialen Medien auf. Pro Monat stecken wir so mindestens 20 Stunden in die Ratsarbeit.

Biebsch

Es kommt auch immer wieder vor, dass sich Bürger mit sehr individuellen Anliegen bei uns melden. Das habe ich in dieser Form nicht erwartet und erfordert dann weitere Recherchen und Gespräche, um das Anliegen klären zu können.

Welche Ziele wollen Sie in den kommenden Jahren weiterverfolgen?
Biebsch

Ein großes Thema ist die Verbesserung der Bahn- und Busanbindungen. Auch die Digitalisierung in den Schulen ist wichtig. Durch Corona hat sich hier einiges getan, aber wir müssen weiter am Ball bleiben.

Walter

Die Beteiligung von Jugendlichen in der Kommunalpolitik ist zentral. Wir haben das Jugendforum, müssen die Stadt aber regelmäßig daran erinnern, es auch zu nutzen. Wegen der Pandemie ist das alles etwas eingeschlafen. Wir haben daher angeregt, es in digitaler Form anzubieten. Ein weiteres Beispiel ist der neue Abenteuerspielplatz in Spöck, der eine Viertelmillion Euro kosten soll. Da haben wir gesagt: Lasst uns doch die Jugend fragen, ob sie eine Abwandlung will – etwa einen kleineren Spielplatz und dafür noch einen Bolzplatz dazu.

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