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Meister der Wiederverwertung

Nachempfunden: Im Verein „Leben Anno 1482“ aus Stutensee geht es um die Darstellung des Mittelalters

Schmutzig, unhygienisch und verroht – es gibt viele Klischees über das Mittelalter. Der Verein „Leben Anno 1482“ aus Stutensee räumt mit ein paar Mythen auf.

Freizeit: Das Gesellschaftsspiel TricTrac, hier gespielt von Vereinsmitgliedern Tatjana Drexler und Max Grieser, waren im Mittelalter beliebte Beschäftigungen, wenn die Arbeit getan war. Foto: Stephan Drexler

Das Feuer vom letzten Abend ist erloschen, doch die Glut glimmt noch rotorange in der Feuerstelle. Die Magd oder der Knecht sind die ersten an diesem Morgen, die geweckt werden vom noch zaghaften Vogelgesang vor dem Bauernhaus. Draußen ist es noch dunkel.

Die Bediensteten sind Teil der Familie und ihre Aufgabe ist es, auch an diesem Morgen im Jahr 1482 das Feuer in der Küche mit einem geschmiedeten Feuereisen neu zu entfachen. Schon bald räkelt sich auch der Rest der Hausbewohner aus ihren gezimmerten Betten, um ihrem Tagwerk nachzugehen.

So oder ähnlich könnte es sich im ausgehenden 15. Jahrhundert hier in der Gegend zugetragen haben. Der Alltag war vor allem geprägt von Arbeit, wie Bettina und Stephan Drexler vom Stutenseer Verein „Leben Anno 1482“ erläutern. Sie lassen auf Festen mit ihren Vereinsmitgliedern das Leben von vor knapp 550 Jahren wieder auferstehen.

Frisches Wasser musste jeden Tag geholt werden

„Zum Frühstück gab es häufig Grütze, manchmal süß und manchmal deftig, vielleicht mit Speck vom Vortag“, erklärt Bettina Drexler. Außerdem musste Wasser aus einem Brunnen geholt werden, für sechs bis zwölf Menschen – weniger lebten selten unter einem Dach.

Auch ein Morgengebet gehörte zum Ritual in vielen Familien dazu. „Die Kirche und der Glaube gehörten ganz fest zum Alltag, man hat das überhaupt nicht infrage gestellt“, sagt Bettina Drexler. Aber man stand vor einer Epoche großer Umbrüche, neue Ideen leiteten nur wenig später die Einkehr der Renaissance ein.

„Wir haben uns ganz bewusst das Ende des 15. Jahrhunderts ausgesucht, weil es eine Zeit ohne größere Konflikte in der Gegend ist“, erklärt Bettina Drexler.

So könne man sich ganz auf das Leben im späten Mittelalter konzentrieren, „ganz bewusst weg von kriegerischen Darstellungen“. Herausforderung genug, schon bei der Kleidung der einfachen Leute von damals.

„Es gibt keine Schnittmuster für die Kleidung. Alles, was wir haben, sind Abbildungen und Stiche aus dem Mittelalter“, sagt Bettina Drexler, die die Kostüme selber anfertigt.

Kleidung sei damals bis auf den letzten Rest Stoff wiederverwendet worden. „Aus einem Sonntagskleid wurde ein Alltagskleid, dann Kleidung für die Arbeit und schließlich wurden auch noch deren Reste als Lumpen wieder verwendet.“

Schon damals sorgten Verordnungen für Sauberkeit

Dem Ruf des dreckigen und unhygienischen Mittelalterdaseins widerspricht sie: „Ja, es stank nach Tieren und Mist, wie auf einem Bauernhof heute. Aber was würde jemand von damals über die Autoabgase in unseren Städten denken?“

Und Verordnungen sorgten damals schon für Sauberkeit. Es gab Bußgelder für frei laufende Schweine auf der Straße. Und der Mindestabstand von gehaltenen Tieren zum Brunnen war streng vorgegeben.

„Man kannte nicht die genauen Zusammenhänge zwischen Bakterien und Krankheiten, aber dumm waren die Menschen damals nicht“, betont Bettina Drexler. Für Lehrlinge beispielsweise konnte ein Badegroschen unter anderem schon zur Entlohnung gehören.

Damit leistete man sich regelmäßig den Besuch im Badehaus. Baden sei damals ein gesellschaftliches Ereignis gewesen. „Aber natürlich haben sich die Menschen auch sonst gewaschen“, erklärt Drexler.

Rechte und Pflichten gegenüber dem Landesherren

Wer Landwirtschaft betrieb, musste üblicherweise einen Teil der Ernte an seinen Landesherrn übergeben. „Dafür gab es auch Rechte und den Schutz des Landesherren“, so Drexler.

Das Klischee vom nimmersatten Lehnsherren, der seine Untertanen ausbeutet, sieht sie nicht. „Keiner der Landesherren hatte etwas davon, den Menschen alles abzunehmen“, erklärt sie.

Die spärliche Freizeit genossen die Menschen damals vor allem an Feiertagen oder nach getaner Arbeit, unter anderem mit Spielen. „Da gab es Tritrac, das Ähnlichkeiten mit dem heutigen Backgammon hat“, so Stephan Drexler.

Auch Kartenspiele wie Karnöffel waren beliebt. Stephan Drexler hat eigens aus einer Literaturvorlage ein Kartenset mit originalen und rekonstruierten Motiven auflegen lassen.

Mit Einbruch der Nacht kehrte Ruhe ein. Die Magd sorgte dafür, dass ja kein Feuer und keine Flamme noch brannte. „Das war ihre Aufgabe“, so Bettina Drexler. Ein Gebet gen Himmel beendete den Tag.

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