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Budendorf in Planung

Schausteller Willy Krusig ist wegen der Corona-Pandemie frustriert

Stillstand bei den Schaustellern. Das Coronavirus bedroht die Existenz von Besitzern von Buden und Fahrgeschäften. Schausteller Willy Krusig hat auf seinem Gelände ein Budendorf aufgebaut und ein Hygienekonzept entwickelt. Jetzt fehlt ihm noch eine Gaststättenkonzession, damit er öffnen kann.

Die Soforthilfe reicht nicht: Susanne Filder, Vorsitzende des Schaustellerverbandes Sitz Karlsruhe, und Schausteller Willy Krusig sind unzufrieden. Foto: Patric Kastner

Stillstand bei den Schaustellern aus dem Landkreis Karlsruhe. Die Einschränkungen wegen des Coronavirus bedrohen die Existenz von Besitzern von Buden und Fahrgeschäften. Schausteller Willy Krusig hat auf seinem Gelände ein Budendorf aufgebaut und ein Hygienekonzept entwickelt. Jetzt fehlt ihm noch eine Gaststättenkonzession, damit er öffnen kann.

Man merkt es Willy Krusig förmlich an. In ihm brodelt es. Der 64-Jährige ist Schausteller – in dritter Generation. Er sitzt auf einer Bank mitten in einem aufgebauten Budendorf, das von einer großen Kuckucksuhr und einer Windmühle dominiert wird, und zieht an seiner Zigarette. Die Buden, die nun auf seinem Gelände stehen – gegenüber eine Spielothek und ein Supermarkt in Reichweite – wären unter normalen Umständen wahrscheinlich in Ulm. Aber die Umstände sind nicht normal.

Seit Mitte März läuft nichts mehr

„Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen aus dem Urlaub zurück und haben plötzlich Berufsverbot“, sagt er. Seit Mitte März läuft bei ihm wegen der Corona-Pandemie nichts mehr. Zwar habe er 15.000 Euro Soforthilfe bekommen und das auch relativ schnell, aber das Geld reichte nicht einmal einen Monat, sagt er.

Momentan schwimme man auf dem Trockenen. Seine acht Mitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt. Einen Teil seiner Fahrzeuge hat er stillgelegt. 20.000 bis 30.000 Euro zahle er jährlich für Instandhaltungen der Geschäfte und des Holzes.

15.000 Euro Soforthilfe waren schnell aufgebraucht

Zum Glück habe er eine große Familie – zwölfköpfig, Söhne, Töchter, Enkelkinder.

Es ist Dienstagvormittag, die Sonne knallt auf die Buden und Krusigs Gemüt ist, ob der Frage, wie es denn zurzeit aussieht, auch erhitzt.

Wenn die KfW nicht gewesen wäre, wäre sein Geschäft schon den Bach runtergegangen, ist er sich sicher. Zwei oder drei Kredite hat er bereits aufgenommen. „Aber was nutzen einem Kredite, wenn man sie nicht zurückzahlen kann?“, fragt er.

Die Schausteller planen einen sommerlichen Budenzauber

Im Hintergrund laufen noch ein paar Arbeiten – jemand schleift an einem Holzgeländer. Da man keine Möglichkeit habe, in Karlsruhe einen temporären Freizeitpark gestalten zu können, habe Willy Krusig beschlossen, nun hier am Rande der Stadt „etwas ins Leben zu rufen“, erklärt Susanne Filder, selbst auch Schaustellerin und seit 2011 Vorsitzende des Schaustellerverbandes Sitz Karlsruhe. Die 65-Jährige sitzt Willy Krusig gegenüber. Seit dem 15. Lebensjahr ist sie mit dem Schaustellerberuf verbunden – nicht nur ein Beruf, „sondern ein Leben“, sagt sie.

Auch ihre Waffelbäckerei steht gerade still und ist eingemottet. Seit einem Monat wird an dem 1.500 Quadratmeter messenden Holzdorf gebaut. Budenzauber im Sommer, und ein Spielplatz für Kinder soll auch noch kommen.

Ein kleiner Vergnügungspark ohne Fahrgeschäfte. Dabei gelte alles, was die Corona-Verordnungen hergäben: Abstandsregelungen, Wegstrecken, Einbahnstraßensystem. Auch Desinfektionsstationen sind eingeplant.

Das ist der letzte Strohhalm.
Willy Krusig, Schausteller

Eigentlich wollte Krusig das Dorf eröffnen, sobald es ihm gestattet wird – er rechnete mit Ende des Monats. Dann kam eine andere Entscheidung. Er brauche noch eine Gaststättenkonzession, da er alkoholische Getränke ausschenke, habe ihm das Ordnungsamt Karlsruhe am Freitagnachmittag mitgeteilt. Ohne Alkohol könnte er jetzt schon öffnen. Nun brauche alles noch einmal drei oder vier Wochen. Das Dorf bleibe auf jeden Fall aufgebaut. „Das ist der letzte Strohhalm“, sagt er.

"Abstand halten": Willy Krusig mit einem Schild, das in seinem Budendorf angebracht wird. Foto: None

Berufgenossenschaft veranstaltet Seminar zu Corona-Verordnungen

Für Krusig und Filder ist es unverständlich, dass Freizeitparks wieder öffnen dürfen und das Leben in anderen Bundesländern – zwar mit Einschränkungen – weitergehe, auch im europäischen Ausland, aber die Schausteller ihrem Beruf nicht nachgehen dürfen.

„Mit welcher Begründung stehen wir still?“, fragt Filder. Auf Krusigs Betreiben hat die Berufsgenossenschaft ein Seminar veranstaltet, um aufzuzeigen, wie ein Geschäftsleben mit Corona und die Umsetzung der Verordnungen möglich ist. Über 100 Schausteller aus ganz Deutschland seien dabei gewesen. Dann stand eine Begehung des Budendorfs an. Das Fazit: So wie es angedacht wäre, wäre es machbar, berichtet er.

Mit welcher Begründung stehen wir still?
Susanne Filder, Vorsitzende Schaustellerverband Sitz Karlsruhe

Schausteller sind frustriert

Auch bei den Schaustellern im Karlsruher Verband sei der Unmut groß, so Filder. „Bei denen rumort es heftig“, sagt sie. Die Mitglieder wollten schon eine Demonstration organisieren, sie hätten sich jedoch dagegen ausgesprochen, weil sich der Deutsche Schaustellerbund in Verhandlungen mit dem Bundeswirtschaftsministerium befinde. Der Schaustellerszene gehe es sehr schlecht.

Einnahmen werden in Reparaturen gesteckt

„Die Pandemie trifft uns mit voller Härte“, sagt sie. Die letzten Einnahmen hatte man am 23. Dezember. Aber viele hatten auch das nicht, betont sie, weil diese Schausteller nicht auf einem Weihnachtsmarkt vertreten waren.

Die Einnahmen werden in die Reparaturen und Restaurierungen, die in den Wintermonaten anfallen, gesteckt. Und dann geht das Ganze im Frühjahr wieder von vorne los. Raus, auf die Jahrmärkte und Volksfeste. Er wäre gerne draußen auf der Reise und bräuchte keine staatliche Unterstützung, sagt Krusig. So wie es in diesem Jahr aussehe, werde man nicht auf dem Weihnachtsmarkt stehen.

Schaustellerbund: Bei der 185. Hauptvorstandssitzung des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) wurde die aktuelle Lage der Schausteller angesprochen. Auch der Schaustellerverband Sitz Karlsruhe war vertreten. Beschlossen wurde unter anderem, dass es eine Großkundgebung geben soll, um für die Forderungen der Schausteller zu demonstrieren, heißt es. Laut DSB werde das Konjunkturprogramm nachgebessert. Er will auch Unterstützung bei der Genehmigung und Realisierung temporärer Freizeitparks leisten. Laut DSB-Hauptgeschäftsführer Frank Hakelberg müsse es wieder möglich sein, ein Volksfest zu organisieren. Auch soll dem DSB zufolge Klage zur Öffnung von Familien-Volksfesten eingereicht werden. Zuerst in Bayern, dann in weiteren Bundesländern.

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