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Antwort bleibt aus

Touristikerin aus Stutensee kritisiert Corona-Hilfen – selbst Malle bucht keiner

Eine Reisebüro-Inhaberin aus Stutensee wendet sich in einem Brandschreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie kritisiert die aus ihrer Sicht unzureichenden Corona-Hilfen. Eine Antwort erhält sie nicht. Stattdessen muss sie ihr Haus verkaufen, weil sie den Kredit nicht mehr bedienen kann.

Mit dem Rücken zur Wand: Die Reisebüro-Inhaberin Ulrike Joshani aus Friedrichstal kritisiert die Corona-Politik von Bund und Ländern. Foto: Rake Hora /BNN

Ulrike Joshani ist verzweifelt. Der Umsatz ihres Reisebüros in Stutensee-Friedrichstal ist seit Beginn der Corona-Pandemie eingebrochen. Eine Perspektive hat die Branche bis heute nicht.

Ihre Politik hat der Tourismusbranche den Todesstoß versetzt.
Ulrike Joshani, Reisebüro-Inhaberin aus Stutensee-Friedrichstal

Die Corona-Hilfen hält Joshani für unzureichend.

Deshalb wendet sie sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU): „Ihre Politik hat der Tourismusbranche den Todesstoß versetzt“, schreibt die 50-Jährige in ihrer Nachricht unter dem Kontaktformular der Kanzlerin im Netz. Eine Antwort erhält sie nicht, auch keine Eingangsbestätigung.

Brandschreiben an Bundeskanzlerin Angela Merkel

Joshani weist in ihrem Schreiben auf die dramatische Entwicklung bei der Reiseintensität hin. Darunter versteht man den Anteil der Bevölkerung ab 14 Jahren, die mindestens eine Urlaubsreise mit einer Dauer von mindestens vier Nächten unternommen hat.

2019 lag die Reiseintensität nach Angaben des Deutschen Reiseverbandes (DRV) bei 78 Prozent. Im Pandemie-Jahr 2020 betrug sie gerade noch 63 Prozent – das ist der niedrigste Stand seit mehr als 30 Jahren.

„Sie haben mit Ihrer katastrophalen und einseitigen Corona-Politik das System Tourismus, das über 70 Jahre gewachsen ist, in nur einem Jahr völlig zerstört“, kritisiert Joshani in ihrem Schreiben an die Kanzlerin und fügt an: „Sie sollten sich schämen!“

Joshani ärgert sich vor allem über die Corona-Hilfen der Politik. Zwar können Inhaber von Reisebüros durch die Überbrückungshilfe III eine Erstattung der Provisionen beantragen, die ihnen nach März 2020 durch Absagen verloren gegangen sind.

Joshani nutzt das allerdings wenig. „Die Provisionen werden in der Regel erst bei oder nach Reiseantritt fällig“, erklärt sie, „mir liegen also keine Rechnungen zur Beantragung der Hilfe vor.“ Außerdem würden Reisen, die wegen Corona gar nicht erst gebucht wurden, dabei überhaupt nicht berücksichtigt.

Umsatzeinbruch durch Corona

Nun gibt es die Neustarthilfe: Demnach erhalten Unternehmen, die von Januar bis Juni 2021 weniger als 40 Prozent ihres üblichen Umsatzes erwirtschaften, eine einmalige Zahlung von maximal 7.500 Euro. Für den kompletten Abrechnungszeitraum heißt das: 1.250 Euro monatlich.

Joshani, die mit ihrem Reisebüro vor Corona nach eigener Aussage 6.000 Euro Umsatz gemacht hat, ist fassungslos. „Das ist lächerlich.“ Hinzu kommt, dass sich Reisebüro-Inhaber zwischen der Überbrückungshilfe und der Neustarthilfe entscheiden müssen. „Eine Inanspruchnahme beider Förderungen ist nicht möglich“, bestätigt das Bundeswirtschaftsministerium auf Anfrage.

Reisebüro-Inhaberin muss Haus verkaufen

Die Pandemie trifft Joshani mit voller Wucht. Nichts geht mehr – nicht einmal Malle. Zu groß ist die Unsicherheit. „Einige Anrufer haben sich nach Mallorca-Reisen erkundigt“, berichtet Joshani, „gebucht hat keiner.“ Mittlerweile hat sie ihr Haus verkaufen müssen, weil sie die Kreditrate nicht mehr bezahlen konnte.

Die BNN haben das Ministerium mit Joshanis Kritik konfrontiert. Dessen Antwort fällt ernüchternd aus. „Die Bundesregierung hat ein umfangreiches Corona-Maßnahmenpaket aufgelegt und die Förderbedingungen immer wieder verbessert“, teilt eine Sprecherin mit. Auf die konkreten Vorwürfe von Joshani geht das Ministerium nicht ein.

Die Branche braucht eine Perspektive.
Ulrike Joshani, Reisebüro-Inhaberin aus Stutensee-Friedrichstal

Die Reisebüro-Inhaberin fordert von der Politik gezieltere Hilfen und ein durchdachtes Öffnungskonzept. „Der Hotelbetrieb mit Masken und Tests muss möglich sein“, findet Joshani.

Mit Schrecken erinnert sie sich an den Corona-Ausbruch im vergangenen Frühjahr. „An einem Abend bin ich bis 23 Uhr in meinem Reisebüro gesessen, weil eine Familie noch immer nicht wusste, ob sie am nächsten Morgen nach Teneriffa fliegen kann“, erzählt sie. Die verhinderten Urlauber blieben am Boden.

Es war der Beginn einer langen Durststrecke. „Die Branche braucht eine Perspektive“, sagt Joshani. Hoffnungsvoll klingt sie dabei nicht.

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