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I hätt do mol e Frog

Unfälle, Henker, Horrorgeschichten: Wie kam das „Halsabschneiderseck” in Stutensee zu seinem Namen?

Jeder in und um Stutensee kennt das „Halsabschneiderseck” - doch kaum jemand weiß, woher die Kreuzung bei Blankenloch ihren Namen hat. Es kursieren mehrere Geschichten, viele sind düster. Eine Spurensuche.

Warum heißt diese Kreuzung Halsabschneiderseck? Die Lösung der Frage ist nicht ganz so einfach. Foto: Christian Bodamer

Else Gorenflo hat als Kind immer wieder die gleiche Geschichte gehört. Wenn die Erwachsenen auf den Höfen Kinder unterhielten, war die Erzählung vom „Halsabschneiderseck” dabei. Wieso die viel befahrene Kreuzung zwischen Blankenloch, Leopoldshafen und Friedrichstal so heißt, wurde nur schaurig erzählt. „Das war unser Krimi-Ersatz”, sagt Gorenflo.

Die in der Region bekannte Mundartdichterin rätselt wie so viele Menschen, wie der Name „Halsabschneiderseck” entstand. Ihre Version, die sie schon als Kind auf dem Hof und auch von ihrer im Jahr 1885 geborenen Großmutter hörte: Ein Mann ging mit seinem Schubkarren durch den Hardtwald und sah, wie jemandem der Kopf abgeschnitten wird. „Dieser arme Mann ist mit seinem Karren gerannt und kam ohne Räder heim.”

Das Halsabschneiderseck, ein Unfallschwerpunkt? Das lässt sich mit polizeilichen Statistiken nicht belegen. Foto: Rake Hora

Diese Geschichte hört man oft, doch es kursieren noch viel mehr Möglichkeiten. In einer Facebook-Gruppe fragte eine Nutzerin schon vor Jahren nach der Geschichte des „Halsabschneiderecks”, darunter gibt es 35 Kommentare.

Ältere Bürger, Historiker, Vereinsmitglieder. Jeder weiß etwas zum „Halsabschneiderseck” zu sagen. 80-Jährige verweisen am Telefon auf ältere Mitbürger, die das noch besser wüssten. Von Historikern hört man auf Nachfrage ein „Also, das war so...”.

Für manche ist die Unfallrate die Lösung

Bei der Stadt Stutensee weiß man nichts zur Namensherkunft, wie ein Sprecher sagt. Es gibt keine Dokumente, die Aufschluss geben könnten. Rätselraten. So ging es auch Angelica Nagel - sie schrieb an unsere Zeitung. Seit 55 Jahren wohne sie in Weingarten, sagt Nagel. „Wir haben es in der Schule gehört, aber keiner wusste, warum die Kreuzung so heißt.”

Für manche Bürger ist es ganz offensichtlich: An der Stelle, an der sich die Straßen L559 und K3579 im Hardtwald treffen, kracht es oft. Die Kreuzung ist schwer einsehbar.

An diesen Hintergrund glaubt auch der Stafforter Heimatforscher Wilfried Süß. „Es war früher eine spitzwinklige Kurve, die wurde vor 20, 30 Jahren entschärft. Viele junge Menschen wollten in der Kurve Geschwindigkeiten austesten, oft passieren dann Unfälle.”

Dieses hartnäckige Gerücht lässt sich zumindest nicht mit jüngeren Zahlen belegen. „Eine sogenannte Unfallhäufungsstelle liegt nicht vor”, teilt eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Karlsruhe mit. Demnach gab es dort in den vergangenen fünf Jahren zwölf Unfälle mit Sachschäden und leichten Verletzungen.

War es ein Platz für Händler oder Henker?

Ein tödlicher Unfall direkt an der Kreuzung, ein Auto kam von der Straße ab, liegt 16 Jahre zurück.

Die reine Statistik spricht nicht dafür, dass das „Halsabschneiderseck” seinen Namen wegen vieler Unfälle erhielt. Je weiter man in der Geschichte des Automobils zurückgeht, desto unwahrscheinlicher erscheint eine viel befahrene Straße an dieser Kreuzung.

Eine andere Variante, die erzählt wird: Es habe sich um einen Marktplatz gehandelt, an dem gefeilscht wurde. Wer den Verhandlungspartner besonders forderte, galt als „Halsabschneider”. Die „Variante Marktplatz” ist aber aufgrund der Lage mitten im Hardtwald unwahrscheinlich.

Der war rundherum eingezäunt, weil es ein Wildgebiet des Markgrafen war. Wer drin war, war quasi gefangen. Daher kommt die Düsterheit
Manfred Raupp aus Staffort

Dass an dieser Stelle früher Menschen gehängt oder geköpft worden sein sollen, lässt sich mit historischen Quellen nicht belegen.

Wald war eingezäunt: „Daher kommt die Düsterheit”

Für Manfred Raupp waren die eigenen Großeltern die Quelle. Der 79-jährige Stafforter erzählt, sein Großvater habe als Pferdezüchter oft die Route durch den Hardtwald genutzt. „Der war rundherum eingezäunt, weil es ein Wildgebiet des Markgrafen war. Wer drin war, war quasi gefangen. Daher kommt die Düsterheit”, sagt Raupp.

„Der Hardtwald ist noch mystischer als ein Wald, in dem man einfach nur einen Sonntagsspaziergang macht.” Früher habe man Geschichten genutzt, um Kindern deutlich zu machen, wohin sie nicht gehen dürfen.

So bekam Raupp das „Halsabschneiderseck” erklärt: „Zwei Zigeunerfamilien haben sich gestritten. Eine fuhr aus Blankenloch, eine aus Leopoldshafen an die Kreuzung, beide wollten sich nicht die Vorfahrt lassen.” Es gab Streit, ein Messer wurde gezückt, ein Mann schnitt dem anderen am Hals. „Ob er ihn umgebracht hat, weiß ich nicht.”

Eine düstere Sage aus dem 18. Jahrhundert

Eine andere Quelle gibt es aus dem 18. Jahrhundert. Es geht um Seegräber, und wie so viele Erklärungen für das „Halsabschneiderseck” ist auch diese düster. Heinz Bender hat sie vor 25 Jahren in einer Blankenlocher Chronik aufgeschrieben.

Arbeiter aus Blankenloch und Spöck mussten demnach regelmäßig einen Seegraben reinigen und ausstechen. Der Aufseher, ein markgräflicher Seegräber, „war ein recht grober Geselle”. Er verlangte mehr von den Arbeitern, als sie leisten konnten. Sie forderten Brot und Käse, wie es ausgemacht war, doch er war nur zornig und schimpfte.

„Da hieb ein Fröner mit der Sense gegen den Hartherzigen, der blutend ins taufrische Gras fiel und starb. Die anderen erfaßte ein Grausen und sie eilten dem Dorfe zu. Der Übeltäter entfloh in den Hardtwald und wurde nach einigen Tagen selbstgerichtet aufgefunden.”

Weil er im Grab keine Ruhe fand, zeige er sich als Geist bei Stutensee - so übrigens auch sein Opfer. Der getötete Seegräber soll manchem Mäher zu frühester Morgenstunde erschienen sein, mit fuchtelnden Händen, als ob er schimpfte. In der Sage heißt es: „Man darf ihn nicht anreden, sonst wird man an diesem Tage mit der Arbeit nicht fertig - das sagen die alten Leute aus den umliegenden Dörfern.”

Lehrer: Ich erzählte Schülern von der Schreckensfahrt im Hardtwald

Welche Geschichte wird von Lehrern an die junge Generation weitergegeben? Joachim Mack leitet die Pestalozzi-Grundschule in Blankenloch. „Ich selbst habe einige Jahre als Lehrer in Friedrichstal die Version der Schreckensfahrt im Hardtwald als die Geschichte vom Halsabschneiderseck besprochen”, sagt Mack. „Meist mit den Fünftklässlern. Auch die Spöcker Lehrer haben meines Wissens noch vor einigen Jahren diese Version erzählt.”

Dieter Hengst vom Heimatmuseum Friedrichstal zeigt den Schubkarren, der auf die Sage „Schreckensfahrt vom Hardtwald” verweist. Foto: Sebastian Raviol

Die „Schreckensfahrt vom Hardtwald” steht in einer alten Friedrichstaler Dorfchronik. Kaum jemand wüsste darüber besser Bescheid als Dieter Hengst vom Friedrichstaler Heimatmuseum. Er wurde schon als „wandelndes Ortsgeschichtsbuch” bezeichnet.

Heimatmuseum geht auf Friedrichstaler Sage ein

Im Museumsraum zeigt er eine Holz-Schubkarre, vielleicht schon über 100 Jahre alt. „Das ist nicht die originale aus der Sage”, sagt Hengst. Aber eine Schubkarre gehört nun mal zu dieser Sage.

Und die geht so: Ein Mann fuhr eines Herbstabends seinen Schubkarren durch den Hardtwald heim. In der Kurve sah er „einen riesenhaften Mann mit einem langen blutigen Messer unter einem Baum stehen. Am Stamme (...) lehnte eine Frau mit durchgeschnittener Kehle (...).”

Der Mann rannte um sein Leben, zog den Schubkarren hinter sich her, bis er Friedrichstal erreichte. Auf der Strecke verlor er ein Rad.

Landet das „Halsabschneiderseck” in einem Gedicht?

Nach dem Schock gingen am folgenden Tag „einige beherzte Männer mit ihm in den Wald”. Das Rad fanden sie im Graben, von Mord war aber keine Spur. „Nicht ein Tröpflein Blut gewahrte man.”

Im Friedrichstaler Heimatmuseum haben sie ein eigenes altes Holzrad ausgestellt, seit Jahrzehnten mit einem vergilbten Zettel versehen: „Gefunden am Halsabschneiderseck”. Es ist nicht das originale Rad, auch wenn sie das bei Führungen gerne im Spaß erzählen.

Der Mann, das verlorene Rad, die Tat - in etwa ist es auch die Geschichte, die Else Gorenflo als Kind immer und immer wieder zu hören bekam. „Damals war viel Fantasie unter den Leuten”, sagt sie.

Lyrisch verarbeitet hat die Mundartdichterin das „Halsabschneiderseck” aber nie. „Das wundert mich selbst”, sagt Gorenflo und lacht. „Aber das ist eine gute Idee - damit gehe ich mal um.”

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