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Interview zur Social-Media-Nutzung in den Gemeinden

Verwaltungswissenschaftler Witt: Bürgermeister müssen sich dem digitalen Wandel anpassen

Nicht mehr als 50 Prozent aller Bürgermeister nutzen Social Media, schätzt Paul Witt. Der Verwaltungswissenschaftler rät zur Professionalisierung in Bezug auf den Umgang mit digitalen Medien.

Professor Paul Witt, ehemaliger Rektor der Verwaltungshochschule Kehl. Foto: USCHI SCHMIDT

Die Bauherren von einst sind heute Moderatoren. Die Aufgaben haben sich gewandelt. Der Verwaltungswissenschaftler Paul Witt, ehemals Rektor der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl, sprach mit unserem Redaktionsmitglied Patric Kastner.

Ohne Facebook und Twitter geht es heutzutage bei Bundespolitikern nicht mehr. Inwieweit müssen sich auch Kommunalpolitiker in diesem Punkt professionalisieren?
Witt

Ich würde jedem Kommunalpolitiker raten das zu tun, weil man durch die sozialen Medien ganz andere Bevölkerungsgruppen erreicht - anders als über das Amtsblatt oder die Tageszeitung. Es sind Medien, um die Kommunalpolitik nach außen zu verkaufen. Man erreicht mehr jüngere Menschen bei Instagram oder Twitter, bei Facebook erreicht man eher Menschen mittleren Alters.

Es gibt große und kleine Gemeinden - aber wann übersteigt der Aufwand, soziale Medien zu bedienen, den Nutzen?
Witt

Es gibt ganz kleine Gemeinden, in denen Bürgermeister relativ professionell die sozialen Medien bedienen, beispielsweise die Gemeinde Oberwolfach im Ortenaukreis. Und dann gibt es Bürgermeister mit größeren Gemeinden. Einer der Profiliertesten in puncto Social Media ist Boris Palmer in Tübingen, der bei seinem Facebook-Account sehr professionell auftritt…

Er hat aber für manche seiner Aussagen in den sozialen Medien auch Kritik einstecken müssen…
Witt

Genau. Ich möchte das aber nicht bewerten, sondern betonen, dass er sehr aktiv in den sozialen Medien ist. Bei seiner Wiederwahl hatte er eine ernst zu nehmende Mitbewerberin. Er selbst sagt, dass die Wahl ohne Social Media schwierig geworden wäre. Klar ist, dass es in einer größeren Stadt neben dem Bürgermeister eine Person geben muss, die de facto ständig die sozialen Medien bedienen muss. In größeren Kommunen ab 15.000 bis 20.000 Einwohnern geht es nicht ohne professionelle Unterstützung durch die Pressestelle. Ein Facebook- oder Twitteraccount muss rund um die Uhr funktionieren. Einen Post kann man nicht eine Woche unbeantwortet stehenlassen.

Gibt es ein so genanntes Best-Practice-Modell?
Witt

Nein, gibt es nicht. Es ist total individuell. Es ist abhängig von der Gemeindegröße, von der Persönlichkeit des Bürgermeisters, von der Struktur der Gemeinde et cetera. Es ist total unterschiedlich, wie Bürgermeister die Accounts nutzen. Manche machen dies halb-privat und posten auch persönliche Dinge. Andere sind wiederum sehr strikt und trennen zwischen privat und dienstlich. Ich empfehle zu trennen.

Es gibt Kommunalpolitiker, die sich überhaupt nicht für die sozialen Medien interessieren. Stirbt dieser Typus des Kommunalpolitikers aus?
Witt

Der stirbt aus. Da bin ich mir ganz sicher. Überwiegend die älteren Bürgermeister sagen, dass sie nichts von diesen Medien halten. Es ist auch nicht ganz einfach zu handhaben, wenn Hassmails oder Hasskommentare eingehen. Die Verbreitungswirkung der sozialen Medien wird zunehmen. Ich glaube nicht, dass sich die Meinung, sich nicht in diesem Bereich zu engagieren, aufrechterhalten lassen kann.

Jung, dynamisch und digital-affin – wächst eine neue Generation kommunaler Führungskräfte heran?
Witt

Von einer neuen Generation würde ich nicht sprechen. Ich wage aber eine Prognose: Wenn 50 Prozent der Bürgermeister mit den sozialen Medien arbeiten, ist es viel. Man muss sich den geänderten Verhältnissen anpassen. Das Berufsbild des Bürgermeisters hat sich immer gewandelt. Es war nie starr. Nach dem Krieg waren die Bürgermeister Bauherrn, das ist längst vorbei. Jetzt sind die Bürgermeister eher die Moderatoren und müssen die Bürger mitnehmen. Die nächste Etappe ist, dass sie auf dem digitalen Markt bestehen und sich dem öffnen müssen.

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