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Blutkrebs

Diagnose Leukämie: Das richtige „Match“ ist die Überlebenshoffnung

Die Diagnose ist jedes Mal niederschmetternd: Leukämie ist nicht heilbar, es sei denn, man findet einen Stammzellenspender. Dafür sind unter anderem der Weingartener Verein „Blut e.V.“ und die DKMS zuständig.

Wollen den Blutkrebs besiegen: Ein Team des Weingartener Vereins „Blut e.V.“ bereitet eine Typisierungsaktion vor. Foto: Peter Stadtherr

Gerade drei Monate war Dietrich Hendel im wohlverdienten Ruhestand. „Jeden Tag ein bisschen laufen und bei schönem Wetter im Garten arbeiten.“ Das war sein Plan. Doch es kam anders: Atembeschwerden, Schlaflosigkeit und bleierne Müdigkeit. Der 66-jährige Journalist ging zum Arzt, ließ sich checken. Mitte April dann die erschreckende Diagnose: Leukämie. Blutkrebs.

Seit dieser Zeit liegt Hendel im Städtischen Klinikum, darf wegen Corona noch nicht einmal seine Frau zu Besuch empfangen, und wird Tag für Tag mit mehr oder minder starker Chemotherapie behandelt. Seine einzige Hoffnung, die Krankheit zu überleben: ein Stammzellenspender.

Vereine locken Tausende zum Typisieren

Das, was der frühere BNN-Redakteur und Chef der Redaktion Hardt jetzt erlebt, haben Jochen Wollasch und Manuel Kurz schon hinter sich. Wollasch, seit den 1960er Jahren Mitglied der Band „Moonlights“, erkrankte 1999 an Leukämie. Eigens für ihn wurde im gleichen Jahr in Karlsruhe der Verein „Moonlife“ gegründet, der im Dezember 1999 über 2.500 potenzielle Knochenmarkspender in die Europahalle brachte.

Nach drei Monaten im Ruhestand erkrankt: Der langjährige Leiter der BNN-Hardtredaktion, Dietrich Hendel, hat Leukämie und wartet auf einen passenden Stammzellenspender. Foto: Patrick Kastner

Wollasch ist noch nicht hundertprozentig gesund, wird weiter medikamentös behandelt. Jedes Vierteljahr muss sich der 77-Jährige in einer Frankfurter Klinik durchchecken lassen, doch damit könne er leben, erzählt er im BNN-Gespräch. Der Verein „Moonlife“ löste sich übrigens 2009 auf, da die Arbeit nicht mehr ehrenamtlich zu bewältigen war.

Manuel Kurz war 19, als er seinen Reizhusten abklopfen lassen wollte und man statt eines Schadens an der Lunge Leukämie diagnostizierte. „Die Diagnose hat mich völlig vor den Kopf gestoßen“, erinnert sich der heute 31-Jährige aus Dettenheim. Sein Hausarzt habe ihn an einem Freitag ins Krankenhaus eingewiesen. „Da hatte ich dann genügend Zeit, mir bis Montag Gedanken zu machen.“ Montags ging es dann zügig mit Chemotherapie los. Über 38 Wochen, mit gelegentlichen Unterbrechungen, verbrachte der Dettenheimer in der Uniklinik Heidelberg. Im Herbst 2008 sei Leukämie noch nicht Schwerpunkt im Städtischen Klinikum gewesen, erklärt er.

Im April 2009 verzeichnete der Verein „Blut“ aus Weingarten bei einer Aktion für Kurz in Dettenheim über 1.000 Neutypisierungen. „An einem Tag so viele Leute. Das war überirdisch“, sagt Kurz. Im Frühsommer 2009 dann plötzlich die Nachricht: Es gebe einen Spender. Doch wenig später musste das „Match“, wie Fachleute das Übereinstimmen der Proteinstruktur der Zellen zwischen Spender und Empfänger bezeichnen, gecancelt werden. „Der Spender war krank geworden.“

Das Hoffen und Bangen ging weiter. Nach einem Vierteljahr passte die Proteinstruktur zu 85 Prozent. „Wir sind dann das Risiko eingegangen.“ Nach knapp fünf Stunden war das Blut komplett ausgetauscht und drei Wochen danach bildeten sich selbstständig die ersten Zellen. „Da war dann auch das gelegentliche Hadern und das Grübeln darüber weg, ob es jemals klappen wird.“

Aktuell gibt es laut Angaben von DKMS Stiftung Leben (ehemals Deutsche Knochenmarkspenderdatei) auch im Landkreis Karlsruhe Menschen, die an Leukämie erkrankt sind und auf Rettung harren. Julia Ducardus, Pressesprecherin der DKMS in Köln, weiß von einer 17-jährigen Bankkauffrau und von weiteren Patienten, doch hätten diese bislang nicht signalisiert, dass ihr Anliegen öffentlich gemacht werden soll. „Viele Menschen mit Leukämie haben auch nicht die Manpower um sich, um große Aktionen zu starten“, weiß die DKMS-Frau.

Treffen mit dem Lebensretter ist geplant

Spender und Empfänger bleiben in der Regel anonym, es sei denn, dass das beide ändern wollen. Nach einem Jahr Anonymität wagte Manuel Kurz den Schritt und fragte, ob der Spender sich zu erkennen geben wolle. Der wollte – und seither schreiben sich die beiden regelmäßig. Der Mann wohnt in Leipzig, arbeitet beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) und ist fast doppelt so alt wie der Empfänger. „Meine Familie und ich planen, ihn bald zu besuchen“, sagt Kurz, „um ihm auch mal persönlich zu danken.“

DKMS ist die größte Typisierungs-Organisation

Um Spender zu finden, das passende „Match“ auszuloten, sind Typisierungen notwendig. Die größte Organisation, die solche veranstaltet, ist die DKMS, eine gemeinnützige Organisation mit Sitz in Tübingen. Rund sieben Millionen potenzielle Spender umfasst allein ihre Datei, die – wie die Typisierungsdaten aller anderen Organisationen – in die zentrale Spenderdatei Ulm fließen.

Kostbarer Inhalt: Laborproben einer Typisierungsaktion für Stammzellenspender. Foto: Peter Stadtherr

Typisieren kann sich jeder gesunde Mensch von 18 bis 55 Jahren. Hat er das 60. Lebensjahr vollendet, wird er aus der Spenderdatei gelöscht. Laut Sprecherin Ducardus sind in Baden-Württemberg aktuell eine Million Menschen typisiert. Was die Zahl der tatsächlichen Lebensretter betrifft, der Menschen, die eine Stammzellenspende abgegeben haben, liege der Landkreis Karlsruhe bei 635.

Und zähle damit zu den Stadt- und Landkreisen mit der höchsten Quote in Baden-Württemberg. Nur die Landkreise Esslingen und Ludwigsburg (jeweils rund 900) haben mehr „Endspender“, wie es Ducardus formuliert.

Typisierung: Minimaler Aufwand – hohe Trefferquote

Der Aufwand einer Typisierung ist minimal, muss doch zunächst nur ein Wangen-Schleimhautabstrich gemacht werden. Gut zwei Dutzend Organisationen und Vereine, die Typisierungsaktionen veranstalten, gebe es in Deutschland, schätzt Mandy Koch vom „Blut“. Der Weingartener Verein wurde vor 25 Jahren gegründet, um damals einer Frau aus dem Ort zu helfen.

Finanziert wird er durch Spenden, durch Basare im Städtischen Klinikum Karlsruhe und den alljährlichen „Lebenslauf“ in Weingarten, der Mitte Mai coronabedingt wieder nur virtuell stattfinden konnte, aber dennoch 1.200 Teilnehmer lockte. Der Verein freut sich, dass allein im vergangenen Jahr trotz Corona rund 1.300 potenzielle Spender gewonnen wurden.

Außer Typisierungen im süddeutschen Raum bietet der Verein Selbsthilfegruppen, Onko-Working-Kurse für Krebskranke und mehr. Wichtigstes Ziel sei es, den Blutkrebs zu besiegen, sagt Koch. Darauf hoffen Dietrich Hendel und viele andere Patienten.

Hinweis der Redaktion

In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir berichtet, Jochen Wollasch sei geheilt. Das stimmt nicht, wir haben es korrigiert.

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