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Leben nur vom Ersparten

Karlsruher Schausteller-Familie Kießling wartet sehnsüchtig auf Messen und Jahrmärkte

Eigentlich wäre die Karlsruher Schausteller-Familie Kießling im vergangenen Jahr bei 30 Veranstaltungen gewesen. Dort hätte sie Crêpes, Würstchen und Langos verkauft. Und ihr buntes Karussell aufgebaut. Doch dann kam Corona.

Halten zusammen: Die Karlsruher Schausteller-Familie Kießling hofft, dass sie bald wieder auf Messen und Jahrmärkten in der Region ihr Essen anbieten kann. Bis dahin harrt die Familie in ihrem Zuhause in Kraichtal-Münzesheim aus. Foto: Tanja Schmith

Das bunte Karussell mit roten und grünen Autos, Motorrädern und dem Feuerwehrauto aus dem Jahr 1956 steht seit einem Jahr eingepackt in einer Lagerhalle. Ebenso wie die Essensbuden und die Biergartenmöbel.

Die Karlsruher Schausteller-Familie Kießling wäre im vergangenen Jahr auf 30 Veranstaltungen gefahren, hätte Essen verkauft oder das Karussell aufgebaut. Doch dann kam Corona.

Am Faschingssonntag 2020 verkaufte die Schausteller-Familie noch Würstchen beim Umzug in Durlach. Das war der einzige reguläre Termin des Jahres. Alle Jahrmärkte, Messen und Veranstaltungen danach wurden nach und nach abgesagt.

Das Geschäft ist unser Leben.
Ursula Kießling, Schaustellerin

„Und die Absage heißt, dass wir arbeitslos waren“, sagt Ursula Kießling. Die 69-Jährige ist in einer Schausteller-Familie groß geworden. Ihre Kinder, die 47-jährige Alexandra und der 33-jährige Kurt-Manuel, arbeiten beide mit im Familienbetrieb.

Auch deren inzwischen 91 Jahre alte Oma war bis vor etwa 20 Jahren aktiv dabei. „Das Geschäft ist unser Leben“, sagt Ursula Kießling stolz.

Die ganze Familie arbeitet mit

Schausteller zu sein liegt den Kießlings sprichwörtlich im Blut. Ursula Kießlings Großeltern hatten einen kleinen Zirkus. Als der Krieg kam, fanden sie in Kraichtal-Unteröwisheim Zuflucht – die Bauern versteckten die Zirkus-Pferde auf ihren Höfen.

Die Familie ist in Kraichtal geblieben, inzwischen wohnen sie in Münzesheim. Der Sitz des Unternehmens ist in Karlsruhe. Neben Mutter Ursula und ihren beiden Kindern ist auch Tochter Alexandras 21-jähriger Sohn als Schausteller aktiv.

Fast antik: Das Karussell der Familie Kießlinger begleitet sie schon seit dem Jahr 1956. Es ist ein Unikat. Vieles davon hat die Familie selbst gebaut. Foto: Kurt-Manuel Kießlinger

Mit Corona änderte sich ihr Leben. „So etwas haben wir noch nie erlebt. Außer meine Mutter damals im Krieg“, erzählt Ursula Kießling. Die Zeit haben die Schausteller genutzt, um Geräte zu warten und um auszumisten. Sogar nach Berlin sind sie gefahren, um zusammen mit anderen Schaustellern zu demonstrieren.

Geändert hat sich nicht viel. Immerhin konnten sie ab Ende Juli im Wechsel mit anderen Schaustellern im 14-Tage-Rhythmus Langos am Karlsruher Friedrichsplatz verkaufen, bis im Dezember andere Schausteller bei der „Christkindlesmarkt-Alternative“ dran waren.

Schausteller leben vom Ersparten

Liegen geblieben sind durch die Absagen im vergangenen Frühjahr viele Lebensmittel. Vieles davon hat die Familie an die Tafel abgegeben.

„Aber die brauchen auch keine riesigen Mengen an Ketchup und Senf“, erzählt Ursula Kießling. Regionalität ist den Kießlings wichtig. Die Wurst beziehen sie beispielsweise von einem Metzger aus Oberöwisheim.

Die Familie lebt derzeit von ihrem Ersparten. „Zum Glück haben wir die vergangenen Jahre gut gewirtschaftet“, sagt Kurt-Manuel Kießling. Als Selbstständige bekommen die Schausteller kein Arbeitslosengeld. Immerhin seien im Januar die Novemberhilfen ausbezahlt worden.

Auf die Dezemberhilfen wartet die Familie noch. „Gerade der Januar ist ein teurer Monat. Da kommen alle Versicherungen und Prüfungen für die Fahrzeuge.“

Schicksalsschlag belastet die Kießlings zusätzlich

Viel rosiger sind die Aussichten in diesem Jahr nicht. Zwar ist noch nichts abgesagt, aber große Erwartungen hat die Familie zumindest vorerst nicht. „Wir hoffen auf den Herbst“, sagt Kurt-Manuel Kießling. Planen kann die Familie kaum.

„Wir haben keine Aussichten“, sagt Schwester Alexandra. Anfragen, um beispielsweise vor Supermärkten in der Umgebung Essen zu verkaufen, wurden abgelehnt.

Familienbetrieb: Mutter Ursula mit Sohn Kurt-Manuel im Verkaufsstand. Foto: Familie Kießling

Dabei hatte die Familie im vergangenen Jahr nicht nur mit vielen Absagen zu kämpfen. „Wir hatten Anfang des Jahres noch andere Sorgen“, sagt Ursula Kießling traurig.

Der Familienvater Kurt wurde schwer krank und starb. Alexandra Kießlings Augen füllen sich beim Gedanken daran mit Tränen. „Aber die Familie hält zusammen durch“, sagt ihre Mutter mit fester Stimme.

Wir hoffen, dass sich das Karussell bald weiter dreht.
Kurt-Manuel Kießling, Schausteller

Die Familie will der Schaustellerei treu bleiben. „Wir sind damit aufgewachsen. Das ist unser Leben“, sagt Kurt-Manuel Kießling. Was sie an ihrem Beruf lieben? „Wir bereiten den Leuten eine Freude“, sagt er.

Auch wenn der Job viele Stunden in der Kälte und lange Arbeitstage mit sich bringt. Tauschen wollten sie nicht. „Wir lieben dieses Leben. Auch wenn es nicht immer einfach ist“, ergänzt Mutter Ursula.

Sobald es Corona wieder zulässt, wollen die Kießlings wieder ihre Stände aufbauen, Würstchen, Crêpes und Langos anbieten. „Wir hoffen, dass sich das Karussell bald weiterdreht“, sagt Kurt-Manuel Kießling mit einem zuversichtlichen Lächeln.

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