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Kontakte nach Rechts?

Karlsruher Burschenschaft soll Vorsitz eines umstrittenen Dachverbands übernehmen

Der Besuch des Karlsruher Bürgermeisters Albert Käuflein beim Stiftungsfest sorgt für Ärger. Der Grund: Die Burschenschaft Tuiskonia war der Veranstalter. Und: Diese Burschenschaft ist höchst umstritten, weil sie enge Kontakte zu Rechtsradikalen pflegen soll.

Mitglieder von Burschenschaften laufen am 24.05.2013 mit Fackeln zum Burschenschaftsdenkmal in Eisenach (Thüringen). Der Deutsche Burschentag der Deutschen Burschenschaft tagt bis zum 26.05.2013 auf der Wartburg. Foto: Bodo Schackow/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ - Foto: dpa
Von unserer Mitarbeiterin Linda Roth

Der Termin steht im Kalender des Bürgermeisters: 142. Stiftungsfest der Burschenschaft Tuiskonia Karlsruhe. Das wichtigste Fest des Jahres für eine Studentenverbindung, gefeiert wird schließlich die Gründung der Burschenschaft. Es ist eine dieser Einladungen, wie sie ein Bürgermeister eigentlich das ganze Jahr über annimmt: Hände schütteln, sich mit den Gastgebern unterhalten – Präsenz zeigen als Vertreter der Stadt.

Foto mit Karlsruher Bürgermeister sorgt für Ärger

Den Besuch beim Stiftungsfest beschreibt Albert Käuflein (CDU), als Bürgermeister in Karlsruhe unter anderem für die Bereiche Kultur und öffentliche Sicherheit zuständig, im Gespräch mit dieser Zeitung als „gesellig“. Zur Erinnerung daran entsteht ein gemeinsames Foto mit einigen Burschenschaftern der Tuiskonia. Alle strahlen. Das Foto wird im Internet geteilt und verbreitet. Und es sorgt für Ärger.

Tuiskonia soll Vorsitz der Burschenschaften übernehmen

Das antifaschistische Dokumentations- und Informationszentrum Baden-Württemberg greift es auf, veröffentlicht es auf seiner Internetseite und moniert: „mangelnde Distanz aufgrund mangelnden Wissens“. Denn: Die Karlsruher Burschenschaft Tuiskonia ist Mitglied des Dachverbands der Deutschen Burschenschaft.

Es ist die letzte Karlsruher Verbindung in dem Verband, alle anderen sind ausgetreten. Und im Geschäftsjahr 2020 werden die Tuiskonen sogar den Vorsitz des Verbandes übernehmen, der seit Jahren in der Kritik steht. Vor allem, weil er offen Rechtsradikale in seinen Reihen duldet.

Zum Beispiel den Pressesprecher Philip Stein, der mit Holocaustleugnern sympathisiert und die Ansicht vertritt, dass man Deutscher „nicht seines Passes, sondern seines Blutes wegen“ sei. Wegen solcher und anderer Äußerungen sowie der Zugehörigkeit einiger Burschenschafter zu rechtsextremen Gruppierungen wie der „Identitären Bewegung“ rücken die Studentenverbindungen auch immer wieder ins Visier der Verfassungsschutzämter verschiedener Länder.

„Wer heute in der Deutschen Burschenschaft tätig ist, weiß, in welcher Organisation er sich engagiert, und dass diese einen stramm-rechten Kurs verfolgt“, sagt Dietrich Heither. Der Sozialwissenschaftler und Buchautor ist Experte für Studentenverbindungen mit Schwerpunkt Burschenschaften.

Dass jemand wie Bürgermeister Käuflein auf dem Stiftungsfest einer Burschenschaft war, die diesem Dachverband angehört, unterstütze deren Versuch, sich eine gewisse Reputation zu erarbeiten, sagt Heither. „Die Tuiskonia war jahrelang Mitglied der Burschenschaftlichen Gemeinschaft, dem völkischen Kern der Deutschen Burschenschaft. Von dieser Gemeinschaft aus wurde der harte Rechtskurs durchgesetzt“, beschreibt er die Stellung der Tuiskonia Karlsruhe innerhalb des Dachverbands.

Auch Kretschmann sprach 2006 bei Burschenschaften

Dass ein Besuch bei einer Burschenschaft mit engen Beziehungen zum rechten Rand für Ärger sorgt, das hat auch ein anderer, inzwischen sehr prominenter Politiker schon einmal erlebt: Winfried Kretschmann. 2006, damals noch Fraktionsvorsitzender der Grünen im Landtag, hielt bei einer Tübinger Verbindung, die ebenfalls dem Dachverband Deutsche Burschenschaft angehört, einen Vortrag.

Dafür wurde er auch in der eigenen Partei kritisiert. Kretschmann sah sich zu einer Stellungnahme gezwungen. Unter dem Titel „Bemerkungen zur Auseinandersetzung mit dem Rechtsradikalismus“ veröffentlichte der heutige Ministerpräsident ein Schreiben. Darin heißt es zum Beispiel, dass der Vorwurf des Rechtsextremismus nicht auf Handlungen der Burschenschaft zurückzuführen sei, sondern auf Formulierungen in Texten des Dachverbands.

Und dass es die Burschenschaft quasi nie recht machen könne: „Laden sie demokratische Referenten ein, ist es Tarnung und Täuschung. Laden sie nicht-demokratische Referenten ein, werden sie des Rechtsradikalismus bezichtigt. Wen sollten sie dann einladen?“, schrieb Kretschmann damals. Gegen die Tübinger Burschenschaft lagen keine Beweise vor, die die Vorwürfe der Rechtsradikalität bestätigt hätten. Ähnlich also wie bei der Karlsruher Tuiskonia.

Ermittlungen im Landtag über Kontakte zur rechten Szene

Dennoch rückt die Verbindung nun ins Blickfeld. Der Landtagsabgeordnete der Grünen, Alexander Salomon, hat eine Kleine Anfrage im Landtag gestellt und will von der Landesregierung wissen, ob es Erkenntnisse gibt über Beziehungen der Tuiskonia Karlsruhe zu rechtsradikalen Organisationen. Eine Antwort steht noch aus.

"Ariernachweis"-Skandal im Jahr 2011

Vor einigen Jahren, 2011, war die Tuiskonia in einen Skandal verwickelt, der als „Ariernachweis“ durch die Medien ging. Durch ein Datenleck war ein Putschplan rechter Burschenschaften an die Öffentlichkeit gelangt. Sie wollten die Macht innerhalb des Dachverbands übernehmen. Daran beteiligt war auch Rudolf S. genannt „Ruzi“ – „Alter Herr“ der Karlsruher Tuiskonia.

Außerdem unterstützte die Tuiskonia den Antrag, die Mannheimer Burschenschaft Hansea aus dem Dachverband auszuschließen, weil dessen Sprecher Kai Ming Au nicht deutscher Abstammung ist. Er hat chinesische Eltern. Die Sache machte bundesweit Schlagzeilen. Der Skandal gab nicht nur tiefe Einblicke in den Machtkampf unter den Burschenschaften. Sondern er führte auch zu einer Spaltung des Dachverbands.

Die Karlsruher Burschenschaft Tuiskonia ist die letzte Verbindung aus der Fächerstadt, die im Dachverband Deutsche Burschenschaften geblieben ist. Foto: Sandbiller

In den folgenden Jahren kam es zu einer Austrittswelle. „Da gab es zum einen Burschenschaften, die sich am rechtsradikalen Verhalten von Verbandsbundesbrüdern störten“, sagt Heither, aber „das völkisch-rechtsextreme Weltbild – das ja in die Programmatik der Deutschen Burschenschaft gleichsam einzementiert ist – nach wie vor guthießen.“ Aber es gab auch Burschenschafter, die das völkische Denken ablehnten.

Karlsruher Burschenschaft Teutonia stellt sich gegen Rechts

Die Karlsruher Burschenschaft Teutonia war eine der ersten, die sich bereits Ende der 1970er Jahre gegen den rechten Flügel innerhalb des Dachverbands stellte. Damals mit dabei, Klaus-Dieter Wülfrath, „Alter Herr“ der Teutonia. „Wir versuchten, den Verband von innen heraus zu liberalisieren“, erinnert er sich. Um die Karlsruher Burschenschaft Teutonia bildete sich damals der Darmstädter Arbeitskreis, ein Zusammenschluss wertoffener Burschenschaften, die „alles versuchten, um den Rechtsruck aufzuhalten“, wie Wülfrath erzählt.

Er war damals im Rechtsausschusses des Dachverbands und ließ keine Gelegenheit ungenutzt, eine klare Haltung gegen Rechts einzunehmen. So beantragte er zum Beispiel die Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Plötzensee, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Die Quittung dafür: „Ich wurde kein zweites Mal in den Rechtsausschuss gewählt“, sagt Wülfrath.

Der "Alte Herr" wird zum "Scheiß Demokrat"

Er erinnert sich auch noch gut an ein Stiftungsfest der Karlsruher Tuiskonia Ende der 70er Jahre, da sei er als „Scheiß Demokrat“ bezeichnet worden. Die Bemühungen, den Dachverband zu liberalisieren, gaben die Teutonen und auch weitere Verbindungen Ende der 1990er Jahre auf.

Sie verließen den Dachverband und traten in den damals noch sehr jungen Dachverband Neue Deutsche Burschenschaft ein. 2013 schloss sich die Teutonia Karlsruhe dann der „Initiative Burschenschaftliche Zukunft“ an. Aus dieser entstand 2016 ein neuer Dachverband, die Allgemeine Deutsche Burschenschaft. So ist die Verbandslandschaft inzwischen ziemlich zersplittert.

Angriff auf Teutonia-Mitglieder

Die Skandale um Rechtsradikale in Burschenschaften haben den Studentenverbindungen allgemein zugesetzt. Sie leiden unter einem zunehmend schlechten Ruf, das wird bei Gesprächen mit Aktiven deutlich. Auf der einen Seite sind sie stolz darauf, einem „Lebensbund anzugehören“, auf der anderen Seite aber leiden sie unter dem Eindruck, dass alle Studentenverbindungen rechts seien.

„Auf dem Nachhauseweg von einem Stiftungsfest wurden zwei von uns zusammengeschlagen“, erzählt Wülfrath. Die Angreifer stammten „aus der linken Szene“, wie der „Alte Herr“ sagt. Die Teutonia Karlsruhe ist eine Farben tragende Studentenverbindung. An diesem Abend trugen die beiden Männer Band und Studentenmütze – Couleur genannt – waren also gut als Burschenschafter zu identifizieren.

Tuiskonia reagiert nicht auf Anfragen

Das schlechte Image der Burschenschaften hängt maßgeblich mit den Skandalen um den Dachverband zusammen, an dessen Spitze die Tuiskonia Karlsruhe im kommenden Jahr rückt. Was sie dann bewirken möchte, bleibt vorerst unklar. Auf entsprechende Anfragen dieser Zeitung reagierte die Verbindung nicht. Lediglich auf einem ihrer Social-Media-Kanäle ist zu lesen, was sie sich vorgenommen haben: „Unseren Dachverband und unsere Ideale würdig und ehrenvoll zu vertreten.“

Bürgermeister Albert Käuflein will die Tuiskonia Karlsruhe in keine politische Ecke stellen. Er vermittelt auch nicht den Eindruck, als ob er den Besuch beim Stiftungsfest der Burschenschaft im Nachhinein als Fehler betrachtet. Konservativ seien die Burschen, ja. Aber rechtsradikal? Nein, das könne man so nicht sagen, findet er.

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