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Peter Spuhler im Interview

Karlsruher Theaterchef rechnet wegen Corona-Folgen mit "Kraftakt, der ein Jahr dauern kann"

Der derzeitige Veranstaltungsstopp bis zum 19. April wegen der Corona-Krise wird den Kulturbetrieb lange beschäftigen, vermutet Peter Spuhler, Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe. Für viele Künstler ginge die Unterbrechung an die Existenz.

Schwierige Zeiten: Peter Spuhler, Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe (hier im Mai 2017 bei der Spielplan-Vorstellung fotografiert), erwartet langfristige Folgen für den Kulturbetrieb durch die Pandemie. Foto: Artis

Nichts geht mehr auf den Theaterbühnen. Mindestens bis zum 19. April, möglicherweise auch länger. Am Badischen Staatstheater Karlsruhe gibt es seit einer Woche keine Vorstellungen mehr. Dennoch ist hinter den Kulissen jede Menge zu tun – nicht trotz, sondern wegen der Krise. Peter Spuhler, Generalintendant des Badischen Staatstheaters, sprach mit unserem Redaktionsmitglied Andreas Jüttner über die Entwicklung, die aktuellen Aufgaben und die kritische Situation freischaffender Künstler.

Die Theater durften erst nicht mehr Vorstellungen geben, mittlerweile darf auch nicht mehr geprobt werden. Was ist denn derzeit überhaupt noch zu tun im Theater?

Spuhler: Man hat gewissermaßen mehr Zeit und weniger Zeit zugleich. Einerseits sind viele Termine weggefallen, aber es sind viele neue hinzugekommen. Allein seit Freitag habe ich 19 Sitzungen hinter mir. Die Nachrichtenlage hat sich ja schnell geändert.

Erst war vor allem das Procedere der Kartenrückgaben zu klären. Dabei war bemerkenswert, dass die Zuschauer sehr unaufgeregt reagiert haben, sowohl an der Kasse wie auch in Social Media. Dann hatten wir vor, die derzeit entstehende Operninszenierung „Wozzeck“ fertigzustellen…

… um sie dann als Stream zu übertragen?

Spuhler: Genau. Mit diesem Medium haben wir bislang keinerlei Erfahrung, und wir sahen die Chance, hier aktiv zu werden und damit auch diese Inszenierung zumindest zeigen zu können. Denn auf diese Produktion sind wir sehr stolz: Wir haben dafür einen jungen russischen Regisseur entdeckt, Maxim Didenko, der sehr bildkräftig arbeitet und bislang vor allem Schauspielregie gemacht hat.

Seine erste Inszenierung in Deutschland war „Ansichten eines Clowns“ in der vergangenen Saison am Nationaltheater Mannheim, das hat großes Echo gefunden. „Wozzeck“ ist nun seine erste Opernregie. Doch mit der Einstellung des Probenbetriebs hat sich das natürlich erledigt. Und da hat man dann gespürt: Jetzt wird es richtig krass.

Inwiefern?

Spuhler: Weil wir so kurz davor waren. Eine Inszenierung ist wie eine Geburt. Wir waren quasi in den Wehen, und dann das Kind nicht zur Welt bringen zu können, ist schon schmerzhaft. Und ob nach dem 19. April wirklich schon wieder gespielt werden kann, ist bei der derzeitigen Sachlage ja auch offen.

Ab diesem Moment ging es darum, die erforderliche Aufrechterhaltung des Mindestbetriebs neu zu organisieren. Insofern haben wir auch die Überlegungen, wie man künstlerisch auf diese Lage reagieren könnte, erstmal zurückgestellt.

Wir müssen erst noch in dieser Situation ankommen und sind im Leitungsteam derzeit vor allem mit logistischen Fragen ausgelastet, bis hin zur Festlegung, wie viele Personen derzeit noch gleichzeitig in einen Raum sein sollten. Dazu gehört auch, dass es derzeit intensiven Informationsaustausch zwischen den Intendanten gibt, wie man mit der Lage umgeht. Große Sorgen gibt es da in Bezug auf die Gastkünstler.

Also Mitwirkende, die nicht zu den Ensembles gehören, sondern für einzelne Produktionen engagiert worden sind …

Spuhler: Ja, und denen brechen alle Gagen weg. Denn als Staatsbetrieb, der mit Steuergeldern arbeitet, haben wir keine Optionen, uns nicht an die Absageregelungen in den Verträgen zu halten. Das trifft bei uns beispielsweise die Musiker der „Hair“-Band.

Diese Unterbrechung geht für viele Künstler an die Existenz.

Auch deshalb plädiere ich dringend für einen Fonds der Bundesregierung zur Unterstützung von Veranstaltern und Künstlern, nach dem Vorbild des Fonds für Kurzarbeit . Diese Unterbrechung geht für viele Künstler an die Existenz. Da kann man wirklich nicht alarmiert genug sein.

Home Office ist bei Dramaturgen ja noch vorstellbar. Aber was bedeutet die aktuelle Situation für die Ensemblemitglieder?

Spuhler: Alle Künstler haben von uns „Hausaufgaben“ bekommen. Insofern konnten wir auch dem Wunsch von Ensemblemitgliedern nachkommen, die in dieser Krisensituation zu ihren Eltern oder Familien reisen wollten.

Wobei hier zu beachten ist: Wie ist es, wenn diese Reise ins Ausland führt? Das russische Regieteam von „Wozzeck“ musste jetzt zuhause wegen seiner Einreise aus Deutschland in häusliche Quarantäne. Und man weiß derzeit ja nicht, wann Einreisen wieder möglich sind. Wegen all dieser Fragen geht es für uns jetzt in erster Linie um den verantwortungsvollen Umgang mit den Mitarbeitern. Das steht derzeit weit über der Kunst.

Was erwarten Sie für die nächsten Wochen?

Spuhler: Verlässliche Prognosen kann man derzeit keine geben. Aber selbst beim konstruktivsten Verlauf rechne ich damit, dass die Aufräumarbeiten nach Corona im Kulturbereich ein Kraftakt werden, der ein Jahr dauern kann.

Habe die Hoffnung, dass wir an dieser Krise wachsen.

Allerdings habe ich persönlich auch die Hoffnung, dass wir an dieser Krise wachsen. Wir alle lernen gerade gezwungenermaßen viel über Arbeitsformen, in denen sich Beruf und Familie vereinbaren lassen. Durch Home Office können Firmen lernen, dass sie ihren Mitarbeitern vertrauen können. Ich habe auch das Gefühl, dass viele Menschen nachsichtiger miteinander umgehen, weil jeder weiß, dass die Nerven blank liegen. Ich glaube, es ist wichtig, sich auch in dieser furchtbaren Situation einen positiven Aspekt zu suchen.

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