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Serie „Kulturgesichter 0721“

Karlsruher Übersetzerin Simona Turini ist Fan von „diesem Extrem-Horror-Kram“

Die Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin Simona Turini hat eigentlich vor vielen Dingen Angst. Und arbeitet trotzdem nur mit Horror-Romanen.

Mit viel Blut ist’s richtig gut: Das gilt für die Horrorliteratur der Autorin Simona Turini. Foto: Niklas Braun

„S“ wie „Simona“. „S“ wie „sorgenvoll“. „Ja, das passt“, meint Simona Turini mit einem Lachen. Es ist der doppelte Boden des Satzes, der das Lachen in ihre Stimme legt.

Denn dass das Leben einer soloselbstständigen Schriftstellerin, Lektorin und Übersetzerin derzeit mit Sorgen beschwert ist, das muss man keinem mehr erklären. Dass aber Sorgen und schaurige Umstände schon vor der Pandemie zum Leben Turinis gehörten, das schon. Um es kurz zu machen: Simona Turini lebt davon. „Ich bin Lektorin, Übersetzerin von ausschließlich Horror-Romanen und Autorin von Romanen und Geschichten aus demselben Genre.“

Turini vermisst im Lockdown das Karlsruher Kohi

Nebenbei arbeitet sie noch als Veranstalterin für das Kohi. Dies zwar ehrenamtlich, aber mit nicht weniger Leidenschaft. „Das Kohi fehlt wirklich schmerzlich. Es ist so ein toller Ort, an dem ich mich so gerne aufhalte.“ Warum sie ausschließlich Horror übersetzt? „Weil der Verlag, für den ich arbeite, hauptsächlich in diesem Genre veröffentlicht.“

Außerdem liegt es ihr: „Ich bin ein Fan gerade von diesem Extrem-Horror-Kram. Das nannte man früher im Deutschen ‘Splatter-Punk’. Da gibt es viel Blut und Gedärm, da muss man schon Fan sein, um da zu mögen.“

Schreiben ist der einzige Job, den ich nicht hasse.
Simona Turini, Autorin und Lektorin

Dass sie einen der Großmeister des Genres übersetzen darf, den amerikanischen Schriftsteller Edward Lee, macht sie schon ziemlich froh. „Schreiben ist der einzige Job, den ich nicht hasse“, umfasst sie ihre Erfahrungen mit anderen Tätigkeiten. Das müssee gar kein belletristisches Schreiben sein, auch das Ausarbeiten einer Hausarbeit während ihres Studiums habe sie gerne gemacht. Gehasst hingegen hat sie zum Beispiel ihren Job in der IT-Branche, den die gelernte Fachinformatikerin mal hatte.

Vom Arbeitsplatz floh sie an die Uni in Mainz, der Stadt, in der sie 1981 geboren wurde und aufwuchs. „Ich wollte ja mal Paläontologin werden und Dinosaurier ausgraben.“

Diese Liaison hielt aber auch nicht lange. Mit der Literaturwissenschaft glückte es dann, „sogar ziemlich gut.“ Beruflich aber blieb es anstrengend: Buchhandel, Call-Center bei einer Bank („Das war die Hölle“) und wieder etwas in der IT. „Aber ich bin nicht gut darin, es zu ignorieren, wenn ein Job mich unglücklich macht.“

Turini zog die Notbremse und machte sich selbstständig. Ihr Lektorat ist bis heute ein festes Standbein in ihrem Erwerbsleben. Zur Belletristik kam sie, weil Freunde sie zur Teilnahme an einer Ausschreibung des Amrûn-Verlags überredeten. Sie hatte Erfolg und seit mittlerweile sieben Jahren ist er ihr Hausverlag.

Horror als Übung gegen die Angst

Warum schreibt sie meistens Horrorgeschichten? „Ich hab’ vor ziemlich vielen Dingen Angst.“ Ist der Horror eine Form der Sublimierung? „Ich glaube jedenfalls, dass der Horror genau dafür da ist, uns das Aushalten von Angst üben zu lassen.“ Nach Karlsruhe kam sie vor fünf Jahren.

Nicht, weil es hier mitten auf dem Marktplatz eine Grabstätte gibt, sondern der Liebe wegen. Die Beziehung zum Partner hat ein Ende gefunden. Die zu Karlsruhe ist bestehen geblieben. „Ich bin mit Karlsruhe noch nicht durch. Das Wetter gefällt mir, ich habe hier Freunde, es gibt das Kohi. Ich mag die Menschen hier und das viele Grün. Ich finde, dass Karlsruhe sehr, sehr lebenswert ist.“ Sie liebt die Alb, den Gutenbergplatz und die Alte Hackerei.

Eigentlich hätte im vergangenen Jahr ein neuer Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht werden sollen. Dieser Termin wurde wegen des Lockdowns auf den kommenden Mai verschoben, denn auch Bücher müssen öffentlich beworben werden und Lesungen nur im Netz wirken ebenso gestutzt wie Konzerte. Ihre Kunst erklärt sie so: „Ich schreibe Geschichten über kaputte Menschen und die Gründe, weswegen sie kaputtgegangen sind.“

Während des Lockdowns organisierte sie Online-Lesungen im Kohi. Sie nahm so viele Lektorats- und Übersetzungsaufgaben wie möglich an und kam mit Coronahilfen über die Runden. Die Arbeit lenkte ab, der Sommer ließ Corona in den Hintergrund treten. Der jetzige Lockdown treffe sie in ihrer Seele viel härter, alles sei zäher und selbst die Lust zum Schreiben müsse sie suchen – für jemanden, der seit der Jugend an einer Depression leidet, eine enorme Anstrengung.

Der Kontakt mit Freunden fehlt ihr sehr. Aber trotz allem blickt Simona Turini in die Zukunft: „Einen Roman will ich noch schreiben und dass wir im Sommer alle geimpft sind und ausgehen können, das wünsch ich mir.“ Schon im Sommer? „Du siehst, ich bin sehr realistisch“ antwortet sie. Da ist er wieder, der doppelte Boden.

Zur Serie

Die Kulturszene ist besonders hart getroffen von den Corona-Maßnahmen: Hier arbeiten zahlreiche Menschen, denen seit dem ersten Lockdown im März die Einnahmen größtenteils oder sogar komplett weggebrochen sind. Auch viele Karlsruherinnen und Karlsruher sind davon betroffen und machen derzeit mit der Fotoaktion „Kulturgesichter0721“ auf die bedrohliche Lage ihrer Berufsgruppen aufmerksam. Einige hiervon stellen die BNN in einer Porträt-Reihe vor.

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