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Probleme in der Corona-Pandemie

Karlsruher Vereinigungen machen aufmerksam: Masken erschweren Verständigung für Gehörlose

Gehörlose können nicht sehen, was gesprochen wird. Durch die Maskenpflicht in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens haben sie deshalb große Probleme. Vereine in Karlsruhe und Bruchsal fordern mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema.

Problem mit dem Maskenzwang: Sandra Herb und ihre gehörlose Mutter Ingeborg machen auf ein Problem aufmerksam. Foto: Charlotte Elisa Blum

Für Sandra Herb aus Karlsruhe-Neureut gibt es keinen Zweifel: „Gehörlosen muss man Gehör verschaffen – erst recht in Corona-Zeiten!“ Gebärdensprache und Maske?

Eine schwierige Situation, wie auch andere Betroffene schildern. Die 47-Jährige Sandra Herb ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen.

Ihre Mutter Ingeborg ist gehörlos, aber nicht stumm geboren. Wenn sie jedoch spricht, so Herb, hört sich das für Außenstehende an wie: „Kein Anschluss unter dieser Nummer.“

Einsamkeit und Isolation kamen mit Beginn der Corona-Pandemie

Von klein auf weiß die Tochter, wie der Alltag eines Gehörlosen ist und welchen Herausforderungen sie sich jeden Tag erneut stellen müssen. Beide sind Mitglieder des Gehörlosenvereins Karlsruhe.

„Viele Mitglieder sind einsam und isoliert. Sie haben schließlich nur den Gehörlosenverein, und dieser ist gerade jetzt in Corona-Zeiten geschlossen. Feste, Weihnachtsfeiern, gemeinsame Aktivitäten wie Kegeln, Geburtstagsfeiern – all das findet nicht mehr statt“, berichtet Sandra Herb.

Sie sehen mit ihren Augen, was man spricht.
Susanne Herb, Angehörige

Zu der zunehmenden Vereinsamung, kommt nun noch die erschwerte Kommunikation zwischen Gehörlosem und Gegenüber durch die Maskenpflicht hinzu. „Ihnen fehlt ein Sprachrohr, sie sehen mit ihren Augen, was man spricht. Wenn der Gesprächspartner also die Maske trägt, verstehen die Empfänger nichts“, so Herb weiter.

Smartphone kann helfen

Für die Tochter ist es ein großer Unterschied, in welchem Alter sich der Gehörlose befindet. Junge Hörgeschädigte haben die Möglichkeit, sich zu vernetzen und über das Smartphone zu kommunizieren.

Ältere wissen jedoch oft nicht, wie man ein solches bedient. „Selbst das Vermitteln von einfachen Sachverhalten in kurzen, knappen Sätzen ist sehr anspruchsvoll – mit Maske kaum machbar“, berichtet sie aus eigener Erfahrung.

Um die Verständigung mit Gehörlosen während der Pandemie unkomplizierter zu gestalten, äußert Sandra Herb einen Wunsch: „Es ist wichtig, auf die Situation der Gehörlosen aufmerksam zu machen. Hierzu hätte ich die Idee, dass man spezielle Masken mit dem Aufdruck - „Ich bin gehörlos“ - entwirft. Somit wissen Außenstehende meist, wie sie sich zu verhalten haben. Das würde den Austausch schon im Voraus erleichtern.“

Treffen der Hilfsorganisationen fallen aus

Ähnliches berichtet auch Reinhold Gsell. Er ist seit drei Jahren Kreisverbandsvorsitzender des Sozialverband VdK in Bruchsal. „Uns fällt auf, dass unseren Mitgliedern – ob chronisch Erkrankte, Menschen mit Behinderung oder Menschen in Krisensituationen – die Kontakte von Mensch zu Mensch fehlen. Auch unsere 26 Ortsverbände beklagen das dauerhafte Ausfallen von Veranstaltungen und Aktionen“, erklärt der ehemalige Forster Bürgermeister.

Der „Sozialdienst für Hörgeschädigte“ des Diakonischen Werks in Bruchsal bietet vor Ort kostenfreie Beratung und Unterstützung an. Thorsten Lessle ist dort seit 25 Jahren als Sozialarbeiter tätig. Es fehlen unter anderem die regemäßigen Treffen des Seniorenkreises mit dem Gehörlosenverein „Belvedere“ , der mittlerweile eine Selbsthilfegruppe ist, die sich auch im Gehörlosenzentrum in Daxlanden traf.

Besonders die Andacht in der Bruchsaler Lutherkirche, die alle sechs bis acht Wochen stattfand, war ein wesentlicher Anker für Betroffene. „In den Gottesdiensten für Gehörlose wurden selbst Gebärdenlieder gesungen. Das entfachte bei den Teilnehmern ein Gefühl der Verbundenheit und Gemeinschaft. All das fehlt nun“, so der 65-jährige Karlsruher.

Das ist wichtig, weil wir immer wieder vergessen werden.
Wolfgang Laumann, Gehörlosenverein

Wolfgang Laumann, der stellvertretende Vorsitzende des Gehörlosenvereins Karlsruhe ist froh, dass über die Situation der Gehörlosen gesprochen wird. „Das ist wichtig, weil wir immer wieder vergessen werden“, so Laumann, dessen Frau gehörlos ist. Normalerweise wird eine Sprechstunde des Diakonischen Werks Bruchsal angeboten, Sprachkurse oder Sport für die 350 Mitglieder.

„Wenn wir unsere Mitglieder nicht bald wieder treffen können, dann bricht der Verein auseinander“, befürchtet Laumann. Für Gehörlose ist das Tragen des Mundschutzes „eine große Katastrophe“, stellt er fest. Unter Wahrung der Abstands- und Hygieneregeln sollte, seiner Meinung nach, ein Herunterziehen des Mund-Nasen-Schutzes bei Gesprächen möglich sein, um die Kommunikation zu erleichtern.

Gebärdensprache wird an der VHS unterrichtet

Außerdem weist Laumann auf Weiterbildungsmöglichkeiten im Umgang mit Hörgeschädigten hin. Dazu gehören Kurse zum Erlernen der Gebärdensprache.

Wer Interesse hat, die Gebärdensprache zu erlernen, kann dies an der VHS Karlsruhe tun. Sie bietet seit geraumer Zeit dazu Sprachkurse an, die seit 2005 als offizielle Sprache anerkannt ist.

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