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Tiergarten ohne Publikum

Schimpansen und Seelöwen im Karlsruher Zoo vermissen die Besucher

Blütenpracht, Balztänze und die ersten Tierkinder: Der Karlsruher Zoo ist normalerweise zur Osterzeit ein beliebtes Ausflugsziel, um den Frühling zu erleben. Nun ist der Zoo geschlossen. Umso mehr vermissen viele Menschen den Stadtgarten und die Zoobewohner – und manches Tier die Besucher.

Publikumsliebling, den viele Zoofans vermissen: Zum kleinen Hippo Halloween gibt es jede Menge Anfragen an den Karlsruher Zoo. Foto: Timo Deible

Die Kaninchen haben in diesem Jahr frei. Eine bunte Schar in allen Größen hält der Karlsruher Zoo und setzt sie normalerweise zur Osterzeit besonders in Szene. Als „Osterhasen“ halten die Rammler her, wenn sie in ihrem Gehege unter den mit bunten Eiern geschmückten Strauch Salat und Karotten mümmeln – oft Auge in Auge mit kleinen Kindern, die durch einen Krabbeltunnel den kuscheligen Sympathieträgern noch ein bisschen näher kommen.

Aber in diesem Jahr ist eben nichts normal. Der Zoo ist zu. Wegen der Corona-Gefahr darf nur, wer unbedingt muss, in die Anlage. Die Kaninchen vermissen weder den Trubel noch die Eier – viele Menschen aber den Zoo und die Tiere, die ihnen besonders ans Herz gewachsen sind.

Nach dem kleinen Hippo Halloween wird ständig gefragt

Allen voran das kleine Flusspferd Halloween. „Wir bekommen fast täglich Anfragen, wie es ihm geht“, berichtet Pressesprecher Timo Deible. Das junge Hippo, dessen ungewöhnlicher Name auf seinen Geburtstag am 31. Oktober zurückgeht, wird immer speckiger und entwickelt sich weiterhin prächtig, sagt Deible.

Heu und erste Apfelstückchen verleibt Halloween sich nun ein; seine Hauptnahrungsquelle sind aber nach wie vor die Zitzen seiner Mutter Kathy, an die er unter Wasser andockt. Eine Premiere war in dieser Woche Halloweens erster Ausflug auf die kleine Außenanlage.

Familienzusammenführung in ein paar Wochen

Seinen Vater Platsch sieht Halloween weiterhin nur aus der Ferne. Der Bulle wird seinen Sohn wohl auch keines Blickes würdigen, wenn es in einigen Wochen zu Familienzusammenführung kommt. Halloween sei nun groß genug, um nicht versehentlich erdrückt zu werden, wenn Platsch die Wiedervereinigung mit seiner Kathy feiert. „Sie bekommt vorher wieder die Pille“, stellt Deible klar.

Sicher sei auch, dass es ein längerer Prozess wird, bis die Hippos sich auf die große Dickhäuteranlage wagen werden. Das 3.000 Quadratmeter große Gelände ist bekanntlich so konzipiert, dass es tagsüber von den Elefanten und ab dem späten Nachmittag von den Flusspferden genutzt werden kann.

Platsch hat noch keinen Huf ins Gelände gesetzt; Kathy hat, noch mit Babybauch, im Herbst eine erste Runde dort gedreht. „Mit Jungtier ist sie aber deutlich vorsichtiger“, gibt Deible zu bedenken.

Bei den Erdmännchen gibt es Nachwuchs und neue Harmonie

Ihr Gelände bereits erobert haben sich weitere Publikumslieblinge, die aber nur wenige Zoobesucher schon zu Gesicht bekommen haben: Die drei kleinen Erdmännchen, die am 15. Februar zur Welt kamen, hatten sich erst kurz vor der Schließung des Zoos für längere Zeit aus der Wurfhöhle getraut.

Inzwischen strecken sie wie die Großen alle Viere in der Sonne von sich oder stehen in der typischen Hab-Acht-Stellung neben ihrer Mutter Evi, Papa Jonny und Onkel Fluffy. Oder ihren vier Geschwistern aus dem Wurf von Vorjahr, die doppelt so groß sind wie die drei neuen Familienmitglieder.

Auch was die Stimmung angeht, ist nun bei den kleinen Raubtieren wieder alles eitel Sonnenschein: Seit Fluffy kastriert und damit kein Konkurrent mehr ist, gehören die heftigen, teilweise blutigen Auseinandersetzungen der Brüder der Vergangenheit an.

Ausflüge für Elefantenkuh Nanda im Zoo Karlsruhe

Eine große Fangemeinde haben auch die Elefantenkühe Jenny und Nanda. Die Menschen erkundigen sich nicht nur nach dem Befinden der Tiere, sie teilen auch immer wieder im Internet mit, was sie von der Tiergartenbrücke beobachten konnten. Die nahezu blinde Nanda kann nun auch die Wechselkoppel der Ponys und Alpakas nutzen.

Zudem kann sie nicht nur am frühen Morgen, sondern wann immer es in den Tagesablauf passt, mit Revierleiter Robert Scholz durch den Stadtgarten spazieren. Durch neue Eindrücke und Gerüche, vor allem aber die notwendige Bewegung profitiert Nanda von diesen Ausflügen.

Ara Henry feilt an seiner Rolle als Superstar

Weit oben in der Gunst der Zoobesucher steht auch der schöne Henry. Der Hyazinth-Ara, den Zoodirektor Matthias Reinschmidt aufzog, genießt in diesen Tagen Spaziergänge und Abstecher ins Büro seines Ziehvaters. Gewachsen und nun auch voll durchgefärbt ist der blaue Papagei – auch die gelben Stellen an Auge und Schnabel sind nun ausgebildet.

Die meiste Zeit sitzt Henry zwar noch backstage im Exotenhaus neben seinem Artgenossen Quicker, von dem er sich noch ein paar Ara-Verhaltensweisen abschauen soll. Sein künftiges Heim ist aber schon weit gediehen: Direkt vorm Fenster des Zoodirektor wurde Henry eine Voliere gebaut. Teilen wird er die langfristig mit einem gleichalten Ara-Mädchen – Honeymoon nicht ausgeschlossen. Vorerst bliebt die Dame aber noch unter den Fittichen ihrer Eltern in einem anderen Zoo. Derweil übt Henry weiter fliegen und feilt an seiner Rolle als Superstar.

Eisbär Kap fehlt Nika

Nicht alleine bleiben soll auch Eisbär Kap, um den sich die Pfleger seit dem Tod von Bärin Nika am Jahresende Sorgen machten. Nun hat er einige der Stereotype, die er plötzlich zeigte, wieder abgelegt. „Die Pfleger haben sich sehr viel mit ihm beschäftigt und ihm immer wieder neue Anreize gegeben“, sagt Pressesprecher Deible. Dass die Besucher fehlen, beeinträchtigt Kap nicht.

Irritiert: Schimpanse Benny ist auf Menschen geprägt und vermisst seine Besucher. Foto: Deible

Schimpanse Benny vermisst seine Stammbesucherinnen

Andere Zoobewohner aber scheinen das Publikum zu vermissen. Die Seelöwen beispielsweise, die sonst täglich bei zwei kommentierten Fütterungen ihr Können zeigen. „Wenn ich jetzt vorbeigehe, kommt die gesamte Gruppe und schaut nach mir“, schildert Deible. Besonders ans Herz gehen der Zoo-Mannschaft auch die Schimpansen. Vor allem der mehr als 50 Jahre alte Benny, der auf Menschen geprägt ist und manche Stammbesucherin besonders gerne sieht, versteht die Welt nicht mehr.

Wir teilen mit den Schimpansen 98 Prozent unserer Gene.
Matthias Reinschmidt, Zoodirektor

„Er hängt auch ständig bei mir vorm Fenster“, schildert Reinschmidt, der von seinem Büro das Schimpansen-Außengehege im Blick hat. Doch auch wenn Benny nun die Nähe sucht: Abstand halten ist oberstes Gebot. Nicht nur, weil Schimpansen Wildtiere sind, sondern auch, damit sie gesund bleiben. „Wir teilen mit den Schimpansen 98 Prozent unserer Gene“, gibt Biologe Reinschmidt zu bedenken.

An Grippe und anderen menschlichen Krankheiten könnten Schimpansen ebenfalls erkranken. „Zudem sind unsere Tiere schon alt“, sagt der Zoochef. Ein Grund mehr für Revierleiter Michael Heneka und seine Kollegen, bei den Menschenaffen mit Mundschutz zu arbeiten. Was Benny wieder merkwürdig findet.

Im Streichelzoo gibt es munteren Nachwuchs, aber die Streicheleinheiten werden vermisst

Ein bisschen vermisst werden die Besucher auch im Streichelzoo. Zwar ziehen sich Schafe und Ziegen zurück, wenn ihnen die Zuneigung der kleinen Zoobesucher zu viel wird, ganz ohne Liebkosungen fehlt ihnen aber offensichtlich etwas. „Jeder, der vorbeikommt, wird sofort umringt“, schildert Timo Deible.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Wie immer zu Ostern ist der Streichelzoo eine muntere Kinderstube mit 18 Zicklein, bislang drei Lämmchen und jeder Menge flaumiger Küken. Das Geflügel im gesamten Zoo ist mit Balzen oder Nestbau beschäftigt oder brütet wie Pinguine und Flamingos bereits Elternfreuden entgegen. Und auch hörbar ist der Zoofrühling: Die Störche sind aufs Dach der Verwaltung zurückgekehrt und klappern, was die Schnäbel hergeben.

Zwei Neuzugänge im Exotenhaus

Nachwuchs könnte es nun auch bei den Weißkopf-Sakis im Exotenhaus geben: Mit Diego haben Kaia und ihre Tochter Oumpa einen neuen Mann an ihrer Seite, der ihre Herzen im Sturm erobert hat, berichtet Deible. Und noch ein Neuer ist im Exotenhaus eingezogen: Ein prächtiger Riesenhornvogel sitzt nun in der einstigen Voliere der Totenkopfäffchen. Diese haben seit Februar ein neues Domizil im Raubtierhaus.

Einblick ins Geschehen im Karlsruher Tiergarten gibt Zoochef Matthias Reinschmidt. Immer dabei ist Hyazinth-Ara Henry. Foto: Deible

Videos geben Einblick ins Geschehen im Zoo

Viel zu entdecken gäbe es also im Zoo, den nun niemand besuchen kann. Mit täglichen Fotos und regelmäßigen Filmbeiträgen auf der Facebook-Seite des Zoos bemühen sich Reinschmidt und Deible aber, den Zoofans Einblicke zu geben und ein paar der vielen Fragen zu beantworten. Im Film immer dabei ist Hyazinth-Ara Henry – und auf dem besten Weg zum Superstar.

Maßnahmen gegen Corona Erst wurden die Schaufütterungen gestrichen, weil sich da das Publikum ballt, dann die Tierhäuser geschlossen. Seit 17. März ist der Zoo komplett zu. „Wir hatten schon Bauchschmerzen, bevor die Verordnung kam“, sagt Zoodirektor Matthias Reinschmidt. Gleichwohl blute ihm das Herz, wenn er durch den Zoo läuft, der an einem normalen Frühlingssonntag gut 10.000 Besucher anlockt.

Versetzter Schichtbeginn

Abstand halten lautet freilich auch für die Pfleger das Gebot der Stunde. In zwei getrennten Schichten zu agieren, um für einen Corona-Fall gewappnet zu sein, das funktioniert im Karlsruher Zoo nicht. Die Personaldecke ist dafür zu dünn. Zeitversetzt mit Beginn im Viertelstundentakt treten die Pfleger der sieben Reviere nun ihren Dienst an und vermeiden Begegnungen, schildert der Zoochef. „Wenn wir einen Corona-Fall haben, können wir uns nicht auf Hilfe von außen verlassen“, sagt er. Springer, Betriebsmeister und weiteres fachkundiges Zoo-Personal müsste dann aushelfen. Wobei es etwa im Elefantenrevier heikel wäre, meint Pressesprecher Timo Deible. „Auch Raubkatzen kann nicht jeder“, sagt er.

Keine Existenzsorgen

Anders als andere Tiergärten hat der Karlsruher Zoo als städtische Einrichtung zumindest keine Existenzsorgen. Schmerzlich fehlen aber die Einnahmen durch den freiwilligen Artenschutz-Euro. „Wir können unsere Zusagen einhalten, aber keine neuen Projekte unterstützen“, sagt Reinschmidt. Neben lokalen Maßnahmen fördert die Artenschutzstiftung Zoo Karlsruhe etwa Hilfen für Orang-Utans auf Borneo und Elefanten auf Sri Lanka sowie den Erhalt der großen Tierwanderwege in Kenia und der Biodiversität im Nebelwald Ecuadors.

Veranstaltungen gecancelt Wie es weiter geht? Schrittweise könnte man den Zoo auch wieder öffnen, wenn man mit der Corona-Gefahr besser umgehen kann. Großveranstaltungen im Zoo sind aber definitiv noch in weiter Ferne. Bereits abgesagt sind der DRK-Tag und die Dreamnight. Ob der Edeka-Tag stattfinden kann, muss Mitte Juni entscheiden werden. Beim für Ende Juni geplanten Nacht-Zoo will man „auf Sicht“ fahren. Das Lichterfest könnte vielleicht ein Jahr verschoben werden, so Reinschmidt. Und auch die Tierpräsentationen auf der Seebühne stelle man auf den Prüfstand, wenn der Betrieb wieder anläuft.

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