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Lange Wartelisten

Kleingärten sind heiß begehrt in Karlsruhe

Kleingartenvereine galten lange als piefig und provinziell. Doch mittlerweile ist ein Stückchen Grün in Großstädten wie Karlsruhe heiß begehrt - vor allem bei Familien mit Kindern. Die Wartelisten sind lang.

Sie haben sich eine kleine Oase geschaffen: Bernd Effenberg, der Vorsitzende des Kleingartenvereins Karlsruhe-Süd Beiertheim, und seine Frau Renate genießen ihren Kleingarten. Foto: Sarah Nagel

„Nun setzen Sie sich erst mal hin und relaxen. Wollen Sie einen Kaffee?“ Bei Bernd Effenberg geht’s gemütlich zu. Hier, in Parzelle 3 des „Kleingartenvereins Karlsruhe-Süd Beiertheim“, ist Hektik fehl am Platz. Der Vorsitzende des Vereins und seine Frau Renate haben sich auf dem Gelände gleich neben dem Albtalbahnhof im Laufe von mehr als 40 Jahren eine kleine grüne Oase geschaffen. Der Rasen ist perfekt getrimmt, der Kräutergarten duftet, die Tomaten wachsen. Das Leben in der Parzelle plätschert eigentlich entspannt wie immer dahin. Doch etwas ist anders geworden in den vergangenen Monaten: Bernd Effenberg ist plötzlich ein begehrter Mann.

Lange Wartelisten

Kleingartenvereine hatten jahrelang ein mieses Image, galten als piefig und provinziell. „Wir waren für andere früher die absoluten Spießer“, lacht Renate Effenberg. Aber das Blatt hat sich – und zwar nicht erst seit der Corona-Pandemie – gewendet. Die „Kleingartenbörse“, eine Einrichtung des „Bezirksverbands der Gartenfreunde Karlsruhe“, ist leergefegt. Ein bis zwei Anfragen pro Woche erhält Bernd Effenberg, rund 40 Leute stehen auf der Warteliste.

„Dabei gibt es bei uns höchstens zwei bis dreimal im Jahr einen Wechsel – und manchmal zwei, drei Jahre auch gar keinen“, erklärt Effenberg. Dazu kommt, dass der „Kleingartenverein Karlsruhe Süd“ durch seine nahe Lage zur Innenstadt heiß begehrt ist und nur insgesamt 45 Parzellen zur Verfügung stehen. „Anbauen können wir ja nun mal nicht“, sagt der 70-Jährige.

Platz zum Toben für die Kleingärtner von morgen

Gerade Familien mit Kindern suchen händeringend nach einem Stück Grün. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich ist so etwas in der Stadt schwer zu finden, und ein Zuhause mit Garten für viele eh mittlerweile nicht mehr erschwinglich.

„Die Eltern möchten einen Platz haben, um die Kinder toben zu lassen. Gerade in der Corona-Krise war das übrigens besonders wichtig, als die Spielplätze und der Zoo geschlossen waren“, erzählt Effenberg. „Viele legen heutzutage auch großen Wert auf die Ernährung und wollen dem Nachwuchs zeigen, wie ein selbst gezüchtetes Radieschen schmeckt.“

An eben diese Familien vergibt Effenberg die Parzellen bevorzugt, auch, um den Verein, der 2019 sein 100-jähriges Bestehen feierte, zu verjüngen und so zukunftsfähig aufzustellen. „Hier muss frisches Blut rein. Die Kinder sind ja vielleicht die Kleingärtner von morgen.“

Die Bewerber sollen zur Gemeinschaft passen

Seine Kriterien? „Im Grunde telefoniere ich erst mal die Warteliste ab. Aber mir ist es sehr wichtig, dass die Bewerber zur Gemeinschaft hier passen, damit alles möglichst harmonisch bleibt“, stellt der Karlsruher klar. Und eine gewisse Bereitschaft zuzupacken, sollte natürlich vorhanden sein. „Eine Bewerberin fragte mich mal, wer denn hier so den Rasen mäht. Und als ich ihr sagte, das müsse sie schon selbst machen, antwortete sie bloß: ,Nee, dann ist das nix für mich!’“

Moderate drei- bis viertausend Euro ist die einmalige Abschlagssumme für eine rund 300 qm große Parzelle mit Steinhaus. „Die Gärten sollen nicht zu Spekulationsobjekten werden“, betont Effenberg. „Jeder muss sich das leisten können.“

Am Anfang steht die Gartenordnung

Doch wie es nun mal so ist: Mit Rechten kommen auch Pflichten. Hat man eine der begehrten Parzellen ergattert, „kriegt man gleich die Gartenordnung untergejubelt“, grinst der Vorsitzende.

Das klingt übrigens schlimmer als es ist. „Im Grunde steht da hauptsächlich drin, dass man seinen Garten auf Vordermann halten und ein Drittel davon mit Obst und Gemüse bewirtschaften sollte“, fasst Effenberg das Wichtigste zusammen. Außerdem ist zwischen 13 und 15 Uhr Ruhezeit, und ein paar Stunden Gemeinschaftsarbeit im Jahr werden erwartet.

Konflikte bleiben nicht aus

„So lange er sich an ein paar Regeln hält, kann sich hier jeder austoben“, betont Effenberg. Die einen bevorzugen etwas verwildertere Gärten, die anderen setzen ihren Salat offenbar mit der Wasserwaage. Manche hegen hingebungsvoll ihre üppige Blumenpracht, einige mögen es pflegeleicht. Hier stehen Planschbecken und Trampolin, dort die Liegen zum Relaxen. Bei so vielen unterschiedlichen Interessen bleiben Konflikte natürlich nicht aus. „Dann kommen alle zu mir gerannt,“, lacht der Vorsitzende. „Manchmal geht’s um absolute Nichtigkeiten. Da musst du predigen wie ein Pfarrer. Ich sag’ dann immer: Schwätzt doch miteinander! Ich könnte Bücher schreiben.“

Aber eines ist klar: Bernd Effenberg lässt sich von so etwas längst nicht aus der Ruhe bringen. Erstens entspricht das nicht seinem Charakter, und zweitens ist er dafür schon zu viele Jahre dabei. Und sollte es ihm doch mal zu bunt werden, verzieht er sich einfach auf seine Liege, dort in Parzelle 3. Sarah Nagel

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