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Film über den Komponisten

Komponist Wolfgang Rihm ist nicht glücklich über SWR-Doku

Ein neuer Dokumentarfilm zeigt Wolfgang Rihm ganz privat, ganz pur. Als einen Mann, dessen Trieb, Neues zu schaffen, auch der Krebs nichts ändern kann. Doch ist der Film für den Geschmack des weltberühmten Komponisten viel zu trist. Und der Titel "Das Vermächtnis" macht ihn schlichtweg wütend.

Weiter produktiv: Wolfgang Rihm kennt keine Schaffenspause. An dem Trieb, Neues zu bilden, kann auch der Krebs nichts ändern. Am Montag wurde sein neues Cellokonzert uraufgeführt, das Concertgebouw Orchester übt für ein weiteres Werk. Foto: SWR

Ein neuer Dokumentarfilm des SWR zeigt Wolfgang Rihm ganz privat, ganz pur. Als einen Mann, dessen Trieb, Neues zu schaffen, auch der Krebs nichts ändern kann. Und der weiterhin mit großer Leidenschaft unterrichtet. Es gibt berührende Momente im Zwiegespräch mit seiner Frau, oder Szenen an seinem Lieblingsort, dem Ferma-See. Doch ist der Film für den Geschmack des weltberühmten Komponisten viel zu trist. Und der Titel "Das Vermächtnis" macht ihn schlichtweg wütend.

„Und Sie sind wegen des Cellokonzertes hier?“, fragt Wolfgang Rihm. „Nein, weil diese Woche der Film ausgestrahlt wird.“ Ach ja, der Film: „Verena!“, ruft er. Seine Frau war gerade auf dem Sprung zum Einkaufen und kommt zurück in die gemütliche Wohnküche, an deren Wänden Kunst von Kindern aus der Familie ebenso hängt wie eine Keramik von Markus Lüpertz. „Diese Woche. Wusstest du das?“, fragt er sie. „Nein.“ Beide haben „Das Vermächtnis“ natürlich schon vorab gesehen. Rihm runzelt die Stirn und fragt: „Haben die wirklich diesen Titel genommen?“ Haben sie. Jetzt erlebt man einen zornigen Komponisten. Nur kurz, aber deutlich: „Ich hab’ gesagt, bitte macht diesen Titel weg oder ein Fragezeichen dahinter. Das ist doch lächerlich! Ich hab’ so geschimpft“, ärgert er sich.

Alles Heitere rausgeschnitten

Regisseur Victor Grandits hat seinem ersten Dokumentarfilm über den weltweit berühmten Karlsruher Komponisten mit dem Titel „Über die Linie“ einen zweiten Teil folgen lassen, der Wolfgang Rihm zwar als einen Mann zeigen soll, „der nicht daran denkt, vor seiner Krankheit in die Knie zu gehen“. Zugleich aber auf den geschwächten Mann und seinen „Kraftakt“ fokussiert: einer „gesundheitlich riskanten Reise“ zum Lucerne Festival. „Er wollte unbedingt, dass ich moribund im Bett liege. Und hat alles rausgeschnitten, was irgendwie lebensfroh ist“, berichtet Rihm. „Wir sitzen oft beim Essen, zum Beispiel waren Peter Sloterdijk und seine Frau hier, wir haben Wein getrunken, es war heiter. Das wurde alles nicht verwertet.“

Ich hab noch viel vor
Wolfgang Rihm

Ja, der Krebs wächst in Wolfgang Rihm. Das lässt sich nicht schönreden. Aber das tut er seit 22 Jahren. Vor drei Jahren kamen Operationen und Chemotherapie hinzu. Nun gibt es Metastasen. Es kann morgen beginnen, aufzuhören. Das ist Rihm bewusst. An diesem Tag aber sitzt an seinem Küchentisch ein Mann, der mit diebischer Freude zur Kenntnis nimmt, dass ihm von der Auswahl an Kuchen die Schneckennudel bleibt. Der vor ein paar Wochen höchstselbst in der Karlstraße Nachschub des besten Whisky geholt hat. Der sich genüsslich kauend als Freund von Kalorien bekennt. Der aber vor allem aber betont: „Ich hab noch viel vor.“

Düstere Klangsphären

Schnitt: Der Film „Das Vermächtnis“ von Victor Grandits und Magdalena Adugna beginnt wie ein Nachruf. Ein düsterer Soundtrack aus diffus bedrohlichem Streicherwabern suggeriert Abschied und Totenhemd. Später im Film erklingen auch Stücke von Rihm, dessen Werk seit 50 Jahren auf mehr als 500 Kompositionen angewachsen ist, dessen Opern wie „Jakob Lenz“ (1978) oder „Die Eroberung von Mexiko“ (1992) zum Repertoire der großen Häuser gehören, und der weltweit zu den bedeutendsten deutschen Komponisten zählt. Man hört Ausschnitte aus „Dis-Kontur“ für großes Orchester (1974/1984) oder einen melancholischen Walzer für Klavier etwa. Dazwischen aber „diese ständige Klangsphäre, die gar nicht von mir ist“, wundert sich Rihm. „Das ist, als würde man einen Film über Udo Lindenberg machen und ständig meine Musik spielen. Aber gut, so sind die halt. Ich sehe das alles ein bisschen locker.“

Begabt zu straucheln

Wolfgang Rihm wie er leibt und lebt. Den Schalk lässt er sich so schnell nicht vom Nacken schütteln. So sagt er etwa im Film: „Ich hab' mich immer in einem Feld des Defizitären und gleichzeitig des robust Überbegabten aufgehalten. Ich bin auch begabt zu straucheln. Das ist eine ganz frühe Erfahrung, zu wissen, dass man auch in dem, wenn man niederfällt, einzig bleibt. Das hat sich mir als ganz kleinem Buben schon mitgeteilt. Und in dem Bewusstsein kann man ja in sein Unheil rennen.“

Kathedralen statt Elbphilharmonie

Eben erst waren Rihm und seine Frau, die ihn immer begleitet, in Bern bei den Proben zum neuen Stück „Concerto en Sol“, das er für die Cellistin Sol Gabetta und ihren „so schön elegant melancholischem“ Ton komponiert hat und das am Montag in Genf uraufgeführt wurde. „Ich find’s gut!“, sagt Rihm und lacht.

Ob er einen Besuch in der Elbphilharmonie, die 2017 in der Zeit seines Krankenhausaufenthaltes mit einem Auftragswerk von ihm eröffnet wurde, nachholen möchte? Lieber will er bestimmte französische Kathedralen sehen, „die Picardie abfahren nach diesen Raumschiffen. Mich fasziniert das Ineinander von Intuition, Wissen, dieses Prinzip des Trial and Error, Vertrauen und Gemeinschaftswille und natürlich die Versammlung der Ästhetiken. Das interessiert mich mehr als bedeutende Konzertsäle abzuklappern, dort soll lieber meine Musik gespielt werden.“ Wird sie.

Rihm kennt keine Schaffenspause

Rihm kennt keine Schaffenspause. „Ich habe sofort weitergemacht als ich Mitte 2017 nach den Bestrahlungszyklen wieder aufgetaucht bin“, erzählt er. An dem Trieb, Neues zu schaffen, kann auch der Krebs nichts ändern. „Ich brauche länger, um die Dinge zu fassen und zu artikulieren, ja, das mag sein“, stellt er fest. „Aber ich empfinde das auch als eine Art Strukturzuwachs. Es ist nicht nur eine Schadensmeldung.“ Das Cellokonzert, zwei Gesangszyklen für Christian Gerhaher (Tasso-Gedanken“) und Georg Nigl („Vermischter Traum“), ein Orchesterstück für die Münchner Philharmoniker sind entstanden seit den Aufenthalten in der Klinik, als es hieß, er habe den Krebs besiegt. „Das ist doch Quatsch. Damit lebt man. Das sind Grünes-Blatt-Vokabulare, die in meinem Fall völlig ins Leere gehen.“

Mit meiner schöpferischen Energie bin ich ja nicht zuende.

Gerade hat er Noten für „Sostenuto“ an das Concertgebouw-Orchester übergeben. Als nächstes stehen dafür ein zweiter Teil, „Das Gebet der Hexe von Endor“ für Sopran und Violoncello und eine größere Kammermusik auf der Agenda. „Natürlich nähere ich mich wie jeder Mensch physisch dem Ende, aber mit meiner schöpferischen Energie bin ich ja nicht zuende.“

All das ein Vermächtnis? „Der Titel ist wie eine Blähung. Das wirft so Blasen und passt nicht zu mir.“ Seit 50 Jahren, betont er, hinterlasse er ständig Erbe. „Ich habe ein riesiges Œuvre geschaffen, das sich zur Zeit auch wieder vermehrt. Das ist mein Vermächtnis, keine Sinnsprüche.“

Rihm aus nächster Nähe

Gleichwohl erlebt man in diesem Film Rihm aus nächster Nähe. Dass er, der von sich sagt, dass er gegenüber der Öffentlichkeit eine Hornhaut gebildet habe, das Kamerateam so nah an sich herangelassen hat, macht ihm nichts aus. Es gibt berührende Momente im Zwiegespräch mit seiner Frau oder Szenen an seinem Lieblingsort, dem Ferma-See. Ein Blick hinter die Kulissen sei das dennoch nicht: „Es kommt eh niemand dahinter, gell?“

„Wolfgang Rihm – Das Vermächtnis“ am 23. Januar, ab 23.15 Uhr im SWR Fernsehen und ab 22. Januar in der ARD-Mediathek.

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