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Sorgen um Schutzausrüstung

Krankenhäuser rund um Karlsruhe rüsten sich für stärkeren Zulauf von Corona-Patienten

RKI-Chef Lothar Wieler warnte schon vor Tagen, dass es auch in deutschen Kliniken wegen steigender Corona-Patientenzahlen zu Engpässen kommen könnte. Wie sich die Kliniken in Karlsruhe, Mittelbaden und Pforzheim vorbereiten.

Die Zahlen der mit dem Coronavirus Infizierten steigt vorerst weiter, für die intensivmedizinische Betreuung der schwer erkrankten Patienten brauchen die Kliniken vor allem Beatmungsgeräte. Foto: dpa/Archiv

RKI-Chef Lothar Wieler warnte schon vor vielen Tagen, dass es auch in deutschen Kliniken wegen steigender Corona-Patientenzahlen zu Engpässen kommen könnte. So bereiten sich die Kliniken in Karlsruhe, Mittelbaden und Pforzheim vor:

Als Mahner spielt Lothar Wieler eine Hauptrolle im öffentlichen Diskurs seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in Deutschland. Am vergangenen Wochenende warnte der Chef des Robert Koch-Instituts in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor möglichen dramatischen Zuständen in deutschen Krankenhäusern.

„Wir müssen damit rechnen, dass die Kapazitäten nicht ausreichen, ganz klar“, erklärte Wieler, Zustände wie in Italien seien auch in Deutschland möglich: „Wir können nicht ausschließen, dass wir hierzulande ebenfalls mehr Patienten als Beatmungsplätze haben.“

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Kretschmann erwartet Gesundheitssystem an Belastungsgrenze

Drei Tage zuvor hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) von „der Ruhe vor dem Sturm“ im Kampf gegen das Virus gesprochen und ging von weiter steigenden Belastungen für Ärzte und Pflegekräfte aus.

Und an diesem Dienstag erklärte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), er sehe wegen des Coronavirus eine Belastungsprobe auf die Krankenhäuser zukommen. Kretschmann warnte eindringlich vor einer schnellen Lockerung der strengen Ausgangsbeschränkungen. Das Gesundheitssystem werde in nächster Zeit an seine Belastungsgrenze kommen.

Alle aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Überblick

Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten wie Italien und Spanien ist Deutschland bislang relativ glimpflich davongekommen. Dennoch steigen die Fallzahlen der Lungenerkrankung Covid-19 täglich weiter. Die Badischen Neuesten Nachrichten fragten bei den sechs großen Krankenhäusern der Region nach, wie sie sich auf einen möglichen rapiden Anstieg von Covid-19-Patienten vorbereiten.

Kliniken rund um Karlsruhe haben noch Kapazitäten für Corona-Patienten

Das aktuelle Fazit aller Kliniken lautet: „Wir haben noch Kapazitäten.“ Doch es gilt auch die Aussage von Sybille Müller-Zuber, der Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums Mittelbaden: „Wir verzeichnen eine steigende Zahl an Covid-19-Patienten im stationären Bereich und auch auf der Intensivstation.“

Um auf einen schlagartigen Anstieg von Corona-Patienten vorbereitet zu sein, erhöhten die Krankenhäuser in den vergangenen zwei Wochen vor allem die Zahl der Intensivbetten mit Beatmungsgeräten.

Da keine Einrichtung ihre Strukturen so baut, als sei eine Pandemie Normalität, mussten sich die Kliniken der neuen Situation anpassen und Bereiche herunterfahren oder verlagern, um für den Notfall so gut es geht gewappnet zu sein. Stationen, die nicht für die Notfallversorgung nötig sind, und die Zahl planbarer Operationen sind auf ein Minimum gekürzt oder ganz aufgelöst worden.

Zahlen zu den Kliniken: Wie die Kliniken in der Region aufgestellt sind Das Städtische Klinikum Karlsruhe behandelt aktuell 16 Covid-19-Patienten. Fünf der Patienten sind beatmet und bedürfen einer intensivmedizinischen Behandlung. Die Erweiterung auf insgesamt 65 Beatmungsplätze ist geplant.

Die ViDia Kliniken Karlsruhe erweiterten die Zahl ihrer Intensivbetten von 44 auf 59 und die ihrer Beatmungskapazitäten von 27 auf 54. Derzeit werden zwölf Corona-Patienten behandelt, davon zwei auf der Intensivstation.

Das Ortenau Klinikum hat in den vergangenen zwei Wochen 60 zusätzliche Beatmungsplätze geschaffen und die Anzahl von 39 auf 99 erhöht. Nach Vorgabe des Trägers, dem Ortenau Kreis, macht das Klinikum keine Angaben über die Zahl der zu behandelnden Corona-Patienten.

Das Klinikum Mittelbaden hält in der Klinik Baden-Baden-Balg 24 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten vor, derzeit sind 51 Patienten mit Covid-19-Erkrankung in Behandlung.

Im Siloah St. Trudpert Klinikum in Pforzheim stehen im Normalbetrieb zwölf Intensivplätze mit Beatmungsgeräten zur Verfügung, zuletzt wurden 14 zusätzliche geschaffen. Im Notfall könnte auf zehn weitere Betten mit bis zu insgesamt 40 Beatmungsplätzen aufgestockt werden. Aktuell sind dort 13 Covid-19 Patienten in Behandlung.

Die RKH Kliniken sind ein Verbund mit mehreren Standorten, darunter die Fürst-Stirum-Klinik in Bruchsal , in der neben den Kliniken in Ludwigsburg und Bietigheim aktuell 66 Covid-19 Patienten versorgt werden. Der Verbund kann nun 150 statt 58 Beatmungsplätze vorhalten. (Stand: 31.03.2020, 16 Uhr)

So wurden an den ViDia Kliniken in Karlsruhe frei gewordene Narkosegeräte zu Beatmungsgeräten umfunktioniert. Überall wurden Ressourcen gebündelt. Im Siloah St. Trudpert Klinikum in Pforzheim ist durch die Änderung von Betriebsabläufen Platz für zwei isolierte Stationen geschaffen worden: Eine für schwer am Virus erkrankte Patienten auf der Intensivstation – und eine für weniger schwer leidende. Für den Fall, dass die Zahl der Corona-Patienten stark ansteigen sollte, hält man eine Station zusätzlich vor.

Das Klinikum Mittelbaden besteht aus fünf Kliniken an vier Standorten, wobei der stationäre Bereich in Ebersteinburg inzwischen eingestellt wurde, damit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den anderen Häusern helfen können.

Auch Krankenhauspersonal in der Region Karlsruhe ist infiziert

Die Klinik in Rastatt bleibt Notfallversorgungshaus für nicht mit dem Coronavirus infizierte Patienten. Die Klinik in Baden-Baden Balg ist Aufnahmezentrum für Covid-19-Patienten, wobei bei klarer räumlicher Trennung dort auch noch andere Bereiche – beispielsweise Geburtshilfe oder Unfallchirurgie – weiterlaufen.

In allen Krankenhäusern herrscht Besuchsverbot, nur in Ausnahmefällen ist ein Krankenbesuch erlaubt. Diese Maßnahme gilt auch, um das Personal vor Ansteckung zu schützen.

Auch Mitarbeiter der Hospitäler in der Region haben sich mit dem Covid-19-Virus angesteckt, nach BNN-Informationen auch ein leitender Arzt des Fürst-Stirum-Klinikums in Bruchsal. Offiziell bestätigen wollte das auf Anfrage niemand, dementieren aber auch nicht. „Das unterliegt dem Datenschutz“, so ein Sprecher.

Der größte Mangel herrscht perspektivisch an Beatmungsgeräten. Die ViDia Klinik bestellte vor etwa zwei Wochen welche, doch diese werden wohl erst im Lauf des Sommers geliefert werden können. Ein Problem ist vor allem die Versorgung mit Schutzmasken und anderer Schutzausrüstung.

Kliniken müssen Schutzausrüstung zu überteuerten Preisen kaufen

Auf diesem Markt gibt es erhebliche Lieferengpässe, weswegen sich das Ortenau Klinikum auch auf dem internationalen Markt um Nachschub bemüht. Das Klinikum Mittelbaden hat jüngst 500.000 OP-Mund- und Nasenschutzmasken bestellt – erst 40.000 wurden bislang geliefert.

Die Herausforderung ist, dass wir nicht wissen, was exakt auf uns zukommen wird.
Richard Wertges, Vorstandsvorsitzender der ViDia Klinike

„Wenn sich die Zahl der Corona-Infizierten stark erhöht, kann es zu Engpässen bei der Schutzkleidung kommen“, sagt Richard Wertges, Vorstandsvorsitzender der ViDia Kliniken: „Die Herausforderung ist, dass wir nicht wissen, was exakt auf uns zukommen wird.“

Die ViDia Kliniken kooperieren eng mit dem Städtischen Klinikum Karlsruhe. So gibt es Absprachen zur Übernahme von Patienten und die Kliniken unterstützen sich wechselseitig mit Schutzmaterialien.

Der kaufmännische Geschäftsführer des Städtischen Klinikums, Markus Heming, klagt, dass die vom Bundesgesundheitsministerium versprochene Hilfe im Bereich der persönlichen Schutzausrüstung bislang ausgeblieben sei: „Wir sind zwischenzeitlich gezwungen, die Waren zu völlig überteuerten Preisen einzukaufen.“

Grundversorgung im Karlsruher Klinikum weiter sichergestellt

Das Städtische Klinikum stellt aber die Grund- und Regelversorgung für die Patienten weiter sicher. „Mit Blick auf die Versorgung der Menschen in der Region ist dies von zentraler Bedeutung, da wir nach wie vor Patienten mit einem Herzinfarkt, einem akuten Schlaganfall, Unfallopfer oder Menschen mit Tumorerkrankungen medizinisch versorgen müssen“, unterstreicht der medizinische Geschäftsführer Uwe Spetzger.

Noch sind alle Krankenhäuser der Region voll handlungsfähig. Zuletzt nahmen diese auch Patienten aus dem Elsass auf , wo die Pandemie stärker wütet und die Krankenhäuser bereits an ihre Grenzen gestoßen sind. Jüngst boten die ViDia Kliniken an, einen Platz für einen Patienten aus dem Ausland zur Verfügung zu stellen. Das Sozialministerium Baden-Württembergs bat aber in einem Schreiben, von weiteren Auslands-Aufnahmen abzusehen – da dies die aktuelle Lageeinschätzung nicht zulasse.

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