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Stallgeruch in Karlsruhe

Kultband Dorfcombo versprüht blödsinnige Glückseligkeit im Karlsruher Tollhaus

Sie verbreiten Stallgeruch selbst in der Großstadt. Die Rheinstettener Dorfcombo mischt im Tollhaus das metropolite Publikum auf. Perfektion ist bei den Bauernburschen seit jeher Nebensache. Sie setzen eher auf blödsinnige Glückseligkeit.

SO SIEHT’S AUS: Die Dorfcombo brachte den Gegenentwurf zur Perfektion moderner Popmusik ins Tollhaus. Nicht nur die Fans, sondern auch die Musiker waren begeistert. Foto: Zimmer

Sie verbreiten Stallgeruch selbst in der Großstadt. Die Rheinstettener Dorfcombo mischt im Tollhaus in Karlsruhe das metropolite Publikum auf. Perfektion ist bei den Bauernburschen seit jeher Nebensache. Sie setzen eher auf blödsinnige Glückseligkeit.

Von unserem Mitarbeiter Thomas Zimmer

Alle sind von diesem Abend überwältigt, noch vor dem ersten Ton. Die über 1.200 Fans im ausverkauften Tollhaus sowieso, Tollhaus-Geschäftsführer Bernd Belschner würde am liebsten gleich den ersten „Sold Out Award 2020“ an die Band verleihen.

Dort, wo sonst die internationale Musikwelt auftritt, steht an diesem Tag eine Truppe aus Rheinstetten, die sich nach ihrem offiziellen Ende 2005 Schritt für Schritt in die Öffentlichkeit zurückrockt – die Dorfcombo.

Acht Mann und jede Menge verzückte Fans

Sänger und Bassist Ralf „Fummel“ Maurer, noch ein Überwältigter, hat sich vorgenommen, an diesem Abend nicht zu oft „geil“ zu sagen, was angesichts der verzückten Fans nur schiefgehen kann.

„Jetzt geht‘s los“ singen die schon, bevor die acht Mann auf der Bühne ihre musikalische Druckbetankung mit dem gleichnamigen Motto-Song ins Werk setzen.

Druck macht die Band dank doppelter Gitarrenspitze (Peter „Straps“ Fitterer und Friedemann Winter) und dreiköpfigem Bläsersatz (Bernd Merz, Thomas und Matthias Paha), klingt es wie „seinerzeit“: Mit alles und scharf.

Bier und Bratwurst statt Prosecco und Kanapees

Die Band hat nichts von ihrem ursprünglichen Stallgeruch verloren – sie klingt auch heute noch eher nach Bier und Bratwurst als nach Prosecoo und Kanapees.

Nichts daran ist peinlich, genauso wenig wie die von Fummel als „ein bisschen pubertär“ angekündigte Brachialbalz-Hymne „Bettmann“, die so knackig auf den Punkt kommt wie früher.

Wie überhaupt die ganze Band zusammenspielt, als sei sie ständig auf Tour, kleine Schludrigkeiten inbegriffen und auch irgendwie gewünscht. Denn Dorfcombo-Musik ist auch heute ein Gegenentwurf zur aalglatten Perfektion moderner Pop- und Rockmusik.

Zeitlos oder aus der Zeit gefallen?

Die neuen Stücke wie das fett rockende und tutende „Nein Brüllen“ hauen zudem in die gleiche Kerbe wie früher. Soll man sich jetzt darüber Gedanken machen, ob das aus der Zeit gefallen oder zeitlos ist? Gott bewahre!

Die wogende Masse feiert jedes Stück, als wäre es ein Top Ten Hit gewesen. Da mag die Dramaturgie des Konzerts noch so rätselhaft sein mit ihren ständigen Wechsel zwischen laut und heftig und dann wieder ganz kuschelig menschelnd.

Ode an das Auto

Da erinnert man sich schwelgend bei der Ballade, „Tulpen aus Amsterdam“ an die schüchterne Verliebtheit von damals. Romantisch verklärt und das noch mit einem eher nicht so schüchternen Gitarrensolo unterstrichen.

Es sind diese Momente, in denen „damals“ der Saal mit einem Meer von Feuerzeugen erleuchtet worden wäre. Gerade wie beim „Autolied“, in dem Keyboarder Michael Winter von der Deutschen unverbrüchlicher Liebe zum fahrenden Untersatz singt.

Da hätte es gereicht, er hätte den ersten Akkord gespielt, das Publikum hätte den Rest alleine erledigt. „Das ganze Dorf tobt wie ein heißer Vulkan.

Die Dorfcombo, für die erdige Musik, Blues und Rock ’n’ Roll der Maßstab aller Dinge ist, gibt nach langjähriger Pause wieder Konzerte. Hinter vielen ihrer Musikstücke stehen sie noch, manche finden sie inzwischen aber auch „ganz schön doof“. Foto: Zimmer

Denn diese Show macht wirklich alle an. Denn die Dorfcombo spielt heut Nacht“, heißt es gegen Ende, und es bewahrheitet sich wieder einmal das Verdikt, das dereinst von einem Kritiker ausging: dass nämlich die Dorfcombo zuvörderst, noch vor der Musik, ein Zustand sei.

Ein Zustand, der vor allem blödsinnige Glückseligkeit verheißt und diese Versprechung auch einlöst. Mittlerweile Generationen übergreifend.

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