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Hohe Dunkelziffer

Langjähriger Trend: In Karlsruhe fliehen bei Unfällen immer öfter die Verursacher

In Karlsruhe steigt die Zahl der Unfallfluchten. Im Vergleich zu 2010 meldet die Polizei für 2019 knapp 28 Prozent mehr Delikte. In den meisten Fällen geht es um kleinere Schäden beim Ein- und Ausparken, aber auch das kann für die Täter teuer werden. Besonders häufig begehen laut Statistik zwei Gruppen Unfallfluchten.

Beim überwiegenden Teil der Unfallfluchten im Stadtgebiet geht es um kleinere Schäden, die beim Ein- oder Ausparken entstehen. In knapp 40 Prozent der Fälle ermittelt die Polizei die mutmaßlichen Täter. Foto: Jens Wolf/dpa

Die Zahl der Unfallfluchten nimmt in Karlsruhe zu: Seit 2010 ist sie um mehr als ein Viertel gewachsen. Joachim Zwirner vom Polizeipräsidium Karlsruhe beobachtet unter Autofahrern immer mehr Gleichgültigkeit - und bringt mittlerweile auch nicht mehr jeden Schaden an seinem Privatwagen zur Anzeige.

Der Außenspiegel des geparkten Autos von Joachim Zwirner hat schwer gelitten. Drei Mal hat er Bekanntschaft mit anderen Fahrzeugen gemacht. Angehalten hat deshalb niemand. „Beim ersten Mal habe ich noch Anzeige erstattet“, sagt Zwirner. Im zweiten und dritten Fall verzichtete er darauf.

Seine Erfahrungen sind gleich im doppelten Sinne typisch für Unfallfluchten: Deren Zahl nimmt in Karlsruhe seit Jahren zu. Und es gibt eine hohe Dunkelziffer. Beides kann Zwirner besser einschätzen als die meisten anderen. Er ist Leiter des Referats Verkehr beim Polizeipräsidium Karlsruhe.

Anstieg in der Unfallstatistik um fast 28 Prozent

„Die Gleichgültigkeit unter den Autofahrern hat zugenommen“, urteilt der Experte. 2.713 Unfallfluchten registrierte die Polizei im vergangenen Jahr im Stadtgebiet – knapp 28 Prozent mehr als noch 2010. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Einerseits werden Beschädigungen häufiger gemeldet als früher, auch da mehr Leasing-Fahrzeuge unterwegs sind. Anderseits ist die Gesamtzahl der Unfälle im selben Zeitraum fast genauso deutlich gestiegen.

„Das Täterverhalten ist dabei stark davon abhängig, wie groß sie das Risiko einschätzen, erwischt zu werden“, so Zwirner. In den meisten Fällen geht es wie beim Außenspiegel des Polizisten eher um Bagatellschäden.

Führerschein kann schnell weg sein

Doch auch die können deutlich teurer werden, als es der erste Blick vermuten lässt. Er könne sich an einen eingedrückten Kühler erinnern, den die Kollegen auf rund 300 Euro geschätzt hatten, erzählt Zwirner. Die tatsächliche Rechnung: 1.800 Euro.

Wie teuer der Schaden ist, spielt dabei nicht nur für die Opfer einer Unfallflucht eine wichtige Rolle. Wer nachträglich erwischt wird – und das waren im vergangenen Jahr fast 40 Prozent – muss mit empfindlichen Strafen rechnen.

Nur bei Schäden unter 300 Euro werde das Verfahren meist gegen eine Geldauflage eingestellt, sagt Rechtsanwalt Sven Ohlinger. Ist der Schaden höher, ist oft schon der Führerschein für einige Zeit weg. Bei einer Summe von mehr als 2.000 Euro droht der Entzug der Fahrerlaubnis. „Neu beantragen kann man sie erst nach einer Sperrfrist von mindestens sechs Monaten“, erklärt Ohlinger.

Fast 500 Strafbefehle und Anklagen

Fast 500 Strafbefehle und Anklagen hat die Staatsanwaltschaft Karlsruhe für den Stadt- und Landkreis im vergangenen Jahr verzeichnet. Für das Stadtgebiet gibt es keine gesonderte Statistik.

Zum Knackpunkt für die Behörde wird dabei häufig die Frage, ob sich einem Beschuldigten die Flucht nachweisen lässt. In vielen Fällen setzt die Staatsanwaltschaft auf Gutachter, die beurteilen sollen, ob jemand den Unfall gesehen, gehört oder gespürt haben muss. Denn „die meisten behaupten, dass sie es nicht bemerkt haben“, sagt Zwirner.

Auf Parkplätzen und in Parkhäusern offenbar großer Anreiz

Auf Augenzeugen kann sich die Polizei nur in wenigen Fällen verlassen. Zwar seien Unfallfluchten meist keine „Nacht- und Nebelaktionen“, allerdings spielten sie sich oft in abgelegenen Bereichen ab.

Besonders häufig melden sich Menschen, deren Fahrzeuge auf den Parkplätzen großer Einkaufszentren oder in Parkhäusern beschädigt wurden. „Je weiter hinten auf dem Gelände, desto schwieriger ist es oft, Zeugen zu finden“, berichtet Zwirner.

In genau diesen Situationen sei auch der Anreiz zur Flucht am größten. „Wenn der Unfallgegner da ist, führt man ein Gespräch und regelt das untereinander“, sagt der Referatsleiter. „Dann wird die Polizei gar nicht erst gerufen.“

Auf Parkplätzen sei das aber meist nicht der Fall, das Warten auf den Unfallgegner und die Beamten „mühselig“, die Bereitschaft, einfach zu verschwinden „deutlich größer“.

Männer und Senioren überdurchschnittlich vertreten

Ein Blick auf die Statistik verrät dabei, dass Männer ihren moralischen Kompass offenbar deutlich häufiger vergessen – oder sich eher dabei erwischen lassen. In 68 Prozent der 2019 geklärten Unfallfluchten waren die Beschuldigten Männer.

Und auch eine andere Gruppe tritt überproportional häufig auf: In mehr als jedem vierten Fall waren die Unfallflüchtigen über 65 Jahre alt, in 17,5 Prozent der Fälle sogar 74 oder älter. „In dieser Lebensphase lässt die Wahrnehmung deutlich nach. Der Schulterblick fällt schwerer, auch das Gefühl für das Fahrzeug ist nicht mehr dasselbe“, erklärt Zwirner.

Gut möglich also, dass der ein oder andere Senior tatsächlich seinen Unfall nicht bemerkt hat. Ob das bei der Argumentation vor Gericht hilft, ist allerdings fraglich. Dort könnte der Richter durchaus zu dem Schluss kommen, dass ein Beschuldigter unschuldig ist – dafür aber grundsätzlich nicht mehr in der Lage, Auto zu fahren.

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