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Andere Kulturen

Die Deutschen lieben anders

French Kiss statt schnellem Sex, Partnerlook statt getrennter Kassen: Zugezogene erzählen, wie man in ihrer Heimat liebt – und wundern sich über die Deutschen.

Sparsamer, egoistischer, schneller beim Sex: So erleben andere Kulturkreise das Paar(ungs)verhalten der Deutschen. Foto: imago/Panthermedia

In Frankreich steht die Liebe immer ganz oben, in Deutschland der Job. In Mexiko lässt man seine Gefühle raus, hier bleiben sie unter Kontrolle.

Menschen in Karlsruhe und dem Südwesten erzählen, wie man in ihrer Heimat liebt und wie sie die Deutschen sehen und erleben.

Frankreich: L’amour immer zuerst

In Frankreich laden dich deine Freunde einfach zu einer anderen Gruppe ein. Man lernt schnell neue Leute kennen.
Leo Heron

Leo Heron ist 30 Jahre alt und lebt seit einem Jahr in Karlsruhe. Was ihn an deutschen Beziehungsgewohnheiten stört: die Prioritätensetzung. „In Frankreich ist die Liebe die erste Priorität. Liebe und Familie. In Deutschland ist es die Arbeit – oder das Auto.“

Obwohl die Franzosen seiner Ansicht nach durchaus zu Recht als große Verführer gelten, zeige das Liebeswerben aber in Deutschland schneller Ergebnisse: „Es ist einfacher, in Deutschland mit jemandem Sex zu haben!“

Den Ruf als Verführer erklärt Leo eher durch die Offenheit und den Charme der Franzosen: „Wir sind weniger strikt als die Deutschen.“ Sich kennenzulernen, sagt Leo, ist in Frankreich sehr viel leichter. „In Frankreich laden dich deine Freunde einfach zu einer anderen Gruppe ein. Man lernt schnell neue Leute kennen.“

Und noch ein Klischee kann Leo bestätigen: die Franzosen als Erfinder des „French Kiss“. So sei es in Frankreich vollkommen normal, beim ersten Date schon nach ein paar Stunden einen tastenden Kuss-Versuch zu wagen. Wer jetzt tadelnd mit der Zunge schnalzt, dem erklärt Leo: „Das ist einfach unsere Natur.“

Südkorea: Liebe im Partnerlook

Da geht es um den Kontostand, Immobilien, akademischen Grad. Ein großer Faktor für die Ehe ist eine Eigentumswohnung. Ohne kommt man nicht weit.
Jaehyeong „Jay“ Park

Mann und Frau, die von Kopf bis Fuß gleich gekleidet sind, eine Erwachsene, die sich wie ein Kleinkind benimmt, und eine Partnerwahl, die auf einer Art Schufa-Score basiert: Das ist Liebe in Südkorea.

Jaehyeong „Jay“ Park lebt seit zehn Jahren in Stuttgart. Auch ihm erscheinen inzwischen einige Gepflogenheiten seiner Heimat merkwürdig. Etwa das „Aegyo“. Das bezeichnet eine Art, sich möglichst süß, naiv, kindlich und unschuldig zu verhalten, um das andere Geschlecht anzulocken. Meist tun es Frauen, doch auch der eine oder andere Mann versucht damit sein Glück.

In Deutschland geben Schufa-Scores Auskunft über die Kreditwürdigkeit einer Person. Jay vergleicht die Kriterien bei der koreanischen Partnerwahl mit diesem System. Von wegen Romantik! „Da geht es um den Kontostand, Immobilien, akademischen Grad. Ein großer Faktor für die Ehe ist eine Eigentumswohnung. Ohne kommt man nicht weit.“

Wenn Koreaner eine Beziehung eingehen, dann so richtig. Deklariert werden Beziehungen oft schon nach dem ersten Treffen. Gefeiert wird die Beziehung fast jeden Monat, und um die Zweisamkeit auch nach außen erkennbar zu präsentieren, tragen viele Paare Partnerlook. Stichwort: Couple Culture.

Kurden lieben traditionell

Dein, mein – das gibt es bei meiner Frau und mir nicht. Klar, der eine verdient mehr, der andere weniger. Aber am Ende des Tages läuft alles in eine Tasche. In die Tasche der Ehe.
Agir

„Reine Liebe“: Wer denkt dabei an Schmetterlinge im Bauch? Agir aus Heilbronn jedenfalls nicht. Der 25-Jährige ist einer von rund einer Million Kurden in Deutschland. Für ihn haben Familie und Verwandtschaft große Bedeutung. „Reine Liebe“ ist für Kurden die Liebe zwischen Eltern und Kindern.

Die romantische Liebe gibt es natürlich auch – und in kaum einem anderen Kulturkreis wird so groß und pompös gefeiert. Im Schnitt 600 Gäste und eine Feier, die sich über mehrere Tage zieht: Das ist Heiraten auf Kurdisch.

Da Hochzeiten immer freitags und samstags stattfinden, kann es durchaus vorkommen, dass man an einem Abend wortwörtlich auf mehreren Hochzeiten tanzt. Doch: Vorbeikommen ist ein Muss! „Absagen gibt es bei uns nicht. Man sollte sich zumindest für zehn Minuten blicken lassen“, berichtet Agir.

Der Grund: Mit dem Erscheinen überbringt man den Respekt der gesamten Familie und das Geldgeschenk, welches auf einer kurdischen Hochzeit von hoher Bedeutung ist. Summen von 15.000 bis 20.000 Euro sind keine Seltenheit.

Ähnlich wie Leo Heron kritisiert auch Agir den Egoismus der Liebenden in Deutschland. „Dein, mein – das gibt es bei meiner Frau und mir nicht. Klar, der eine verdient mehr, der andere weniger. Aber am Ende des Tages läuft alles in eine Tasche. In die Tasche der Ehe.“

Mexiko: La vida loca

Ich denke, dass die Gefühle der Menschen überall ziemlich ähnlich sind. Aber die Mexikaner drücken das sehr aus.
Magdalena Sordo

Magdalena Sordo lebt seit 44 Jahren in Deutschland und ist mit einem Deutschen verheiratet. Ursprünglich kommt sie aus Mexiko-Stadt, einmal im Jahr reist sie in die alte Heimat.

Was hält sie vom Klischee der heißblütigen südamerikanischen Liebhaber? „Ich denke, dass die Gefühle der Menschen überall ziemlich ähnlich sind. Aber die Mexikaner drücken das sehr aus. Sie halten sich mit ihren Neigungen und dem Bedürfnis nach Berührung und Liebe nicht zurück. Liebe zeigen sie sehr ausdrucksstark. Dass sie deswegen bessere Liebhaber sind, glaube ich nicht.“

Eine Sache gesteht die Karlsruherin den Mexikanern zu: „Wenn ein Mann Interesse an einer Frau hat, dann ist er sehr großzügig.“ Schokolade, Rosen und Schmuck sind in Mexiko wichtiger Bestandteil jeder Eroberung.

Familie ist ebenfalls enorm wichtig. Geheiratet wird in deutlich jüngeren Jahren als in Deutschland. Statt mit 32 im Schnitt bereits mit 23 Jahren. Zur Hochzeit kommen bis zu 500 Menschen, auf dem Land feiert oft das ganze Dorf mit. „Das ist ein gesellschaftliches Ereignis. Eine neue Familiengründung, die nach außen getragen werden soll. Schließlich heiratet man nur einmal im Leben. Denkt man“, erklärt Sordo.

Die Liebe – ein Thema mit unzähligen Variationen

Rechtzeitig zum Valentinstag haben sich Studierende für uns mit der schönsten Sache der Welt beschäftigt.

Sie sprachen mit Menschen, die sich in Gegenstände verliebt haben, mit Zugezogenen, die sich über das deutsche Paar(ungs)verhalten wundern. Sie fanden heraus, wie sich Eheglück berechnen lässt und welche mathematische Formel uns glücklich macht. Und sie fragten: Können Frauen und Männer wirklich „nur Freunde“ sein?

Die Studierenden sind Mitglieder einer Lehrredaktion der Uni Passau im Wintersemester 2020/21. Claudia Bockholt, stellvertretende Chefredakteurin der BNN, lehrt dort seit 2016 praktischen Journalismus.

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