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Supermärkte und Drogerien

"Manche probieren sogar Lippenstifte": Karlsruher ignorieren Corona-Vorschriften

"Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel über den Umgang mit dem Coronavirus in ihrer Ansprache am Mittwoch. In der Karlsruher Innenstadt setzen mittlerweile viele Supermärkte auf Hinweise und verantwortungsbewusste Kunden. Bei manchen seien die Hinweise dennoch nicht angekommen, berichtet etwa eine Verkäuferin aus dem Drogeriemarkt.

Klare Ansagen: Damit im Laden nicht zu viele Menschen gleichzeitig stehen, hat diese Apotheke vorgesorgt. Foto: Isabel Steppeler

Vade retro - im Sinne von „Zurück!“ Nicht nur Politik und Wissenschaft müssen Antworten finden auf die Coronakrise. Um die Ausbreitung des Virus zu bremsen, helfen nicht nur Gesetze und Medikamente. Jeder einzelne ist gefragt, seinen Teil beizutragen. Abstand halten - das ist in unserer Gesellschaft eine große Herausforderung.

Mühlburger Tor. Sechs Jungs auf ihren Rädern am Kreisel unter dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal, einer von ihnen: „Erst Rewe, dann Schlo!“ Pläne wie diese sind sprichwörtlich von vorgestern. Der „Schlo“ ist geschlossen.

Trotz Sonne zuhause bleiben - wegen des Coronavirus

Bis dato war er unter Jugendlichen der Ort schlechthin in Karlsruhe, um gemeinsam abzuhängen. Auf dem Rasen kicken, das ein oder andere Bierchen köpfen, die Sonne genießen. Seit Mittwoch schon sind die Pforten zum Botanischen Garten in Karlsruhe geschlossen, seit Donnerstag auch die zum angrenzenden Schlosspark.

So sehr der aufkeimende Frühling auch lockt: Grüppchen sind in Zeiten der Corona-Pandemie auch unter freiem Himmel nicht mehr en vogue. Spätestens seit der Rede der Bundeskanzlerin an die Nation ist gemeinsames Abhängen etwas, von dem ein jeder im wahrsten Wortsinn Abstand nehmen sollte. „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge“, so der Appell. Wie gut das funktioniert, ist immer auch Sache jedes Einzelnen. Und hier beginnt das Problem.

Eigenverantwortlich die Covid-19 Empfehlungen einhalten

Ein Abstand von ein bis zwei Metern soll nach Empfehlung des Robert-Koch-Institutes gewahrt werden. Gaststätten rücken ihre Tische eineinhalb Meter auseinander. Zwei Meter macht ein Supermarkt daraus. Um „ausreichend“ Distanz bittet der andere und setzt wie alle auf die Vernunft eines jeden.

Wie aber steht es um den Respekt vor dem Abstand? Wo die Behörden kontaktreduzierende Maßnahmen wie die Absage von Großveranstaltungen sowie von Veranstaltungen in geschlossenen Räumlichkeiten verordnen, hat sich die Frage erübrigt. Wo Eigenverantwortung greifen muss, wird es schwieriger.

Dort, wo Menschen für tägliche Erledigungen zusammen kommen, treffen Gutgläubige auf Besorgte – Hedonismus auf Vernunft. Die einen nehmen es ernst und wahren Distanz, die anderen winken ab, stehen im Drogeriemarkt und testen Lippenstifte. Dazwischen ein oftmals überfordertes und hilfloses Personal, das überdies mit dem Befüllen der leergehamsterten Regale beschäftigt ist.

Supermarkt erinnert mit Klebestreifen an den Abstand

Konnte man sich am Mittwoch also noch auf dem Weg in den „Schlo“ beim Rewe am Karlsruher Europaplatz gedankenlos in die Schlange an der Kasse reihen, findet man dort nun Klebestreifen auf dem Boden im Abstand von zwei Metern. Die Mitarbeiter haben sie Donnerstagmorgen geklebt, auf eigene Initiative, hört man.

Gibt es keine Anordnung „von oben“? Die Rewe-Group, zu der auch Penny-Märkte gehören, setzt in ihren Filialen auf die Einhaltung der behördlich empfohlenen Schutzmaßnahmen. „Die wichtigsten und effektivsten Maßnahmen zum persönlichen Schutz sowie zum Schutz von anderen Personen vor der Ansteckung sind weiterhin die durch die Behörden kommunizierten Maßnahmen wie die korrekte Husten- und Nies-Etikette, eine gute Händehygiene und das Abstandhalten zu anderen Personen“, so die Pressestelle.

„Die Einhaltung ist für Mitarbeiter und Kunden in unseren Märkten maßgeblich, wir klären darüber in Anbetracht der aktuellen Situation auch unsere Kunden mit entsprechenden Hinweisen in den Märkten auf.“ Außerdem würden im Kassenbereich zudem sukzessive in allen Märkten durchsichtige Schutzscheiben als Präventivmaßnahme für die Mitarbeiter installiert.

Security schützt Mehl vor Hamsterkäufern

Der Biomarkt „Alnatura“ hat seit Donnerstag Security vor der Türe und lässt diese während der Waren-Anlieferung auch vorübergehend geschlossen. Nur 20 Kunden dürfen dann der Palette mit Mehl folgen, die gerade in den Laden gefahren wird. Um den Ansturm vor der neuen Ware zu entzerren.

„Ansonsten gibt es noch keine Beschränkung, wie viele Kunden den Laden betreten dürfen“, sagt eine Mitarbeiterin. Auch dort befinden sich Abstands-Markierungen an den Kassen, regelmäßig desinfiziere man Einkaufswagen und Körbe.

Manche probieren sogar Lippenstifte
Verkäuferin in einem Drogeriemarkt

Schilder mit Hinweisen zur Wahrung des Sicherheitsabstandes seien nicht ausreichend, berichten viele Mitarbeiter, die namentlich nicht genannt werden möchten. „Das klappt gar nicht“, sagt eine Verkäuferin an der Kasse bei Rossmann. „Viele, auch ältere Menschen, nehmen überhaupt keine Rücksicht, manche probieren sogar Lippenstifte“, erzählt die junge Frau. Sie hofft darauf, dass die Ausgangssperre kommt.

Die Kunden immer aufs Neue zu ermahnen, zehre an den Kräften des ohnehin schon überlasteten Personals. „Die psychische Belastung ist groß“, sagt ein Edeka-Mitarbeiter.

Wir haben Kunden zum Knutschen

Ganz anders sieht es bei „Füllhorn“ aus. „Wir haben Kunden zum Knutschen“, schwärmt Tina Schäfer, die Leiterin des Biomarktes in der Karlsruher Innenstadt. „Es ist tatsächlich so, dass wir zu unserer Stammkundschaft einen persönlichen Draht haben. Sie passen aufeinander auf. Sie passen auf uns auf und wir passen auf sie auf. Und das ist superschön“, meint Schäfer.

Regelmäßig werden Wagen und Körbe desinfiziert. Woher sie das Mittel hat? „Selbstgemischt. Ich habe zuhause einen Ethanol-Kamin und daher ausreichend Ethanol für die Herstellung.“ Dass davon abgeraten wird, ist ihr egal. „Der Schutz unserer Kunden ist mir wichtiger“, sagt Schäfer. In der Tat passt man dort aufeinander auf. „Abstand bitte“, mahnt eine Frau an der Kasse. „Ich bin doch mindestens eineinhalb Meter hinter Ihnen!“, verteidigt sich der Mann hinter ihr.

Nur vier gleichzeitig in die Apotheke

Nur vier Menschen dürfen sich gleichzeitig in der zentral gelegenen Hof-Apotheke an der Kaiserstraße in Karlsruhe aufhalten. Ein Schild auf dem Boden und Markierungen kennzeichnen den gebotenen Abstand und weisen darauf hin, dass es keine Atemschutzmasken mehr gibt.

„Wir hätten selbst gerne welche“, sagt Rosi Danner. Aufgrund von Lieferengpässen kann die Apotheke auch kein Desinfektionsmittel produzieren. Dass sie dringende Anfragen von Pflegeheimen für Schutzmasken und Desinfektionsmittel ablehnen muss, besorgt die pharmazeutisch technische Assistentin.

Blutspendezentrale will Zeiten ausweiten

Erfreulich wiederum ist die Schlange, die sich unter freiem Himmel vor der Blutspendezentrale des Städtischen Klinikums in Karlsruhe bildet. Mehr als üblich haben sich an diesem Nachmittag eingefunden, an dem man zwischen 15 und 18.30 Uhr spenden kann, beobachtet der Oberarzt Michael Samman. „Für uns ist das wichtig.“

Zugleich müsse man darauf reagieren, um auch hier Menschenansammlungen zu vermeiden. „Solange das Wetter mitmacht, können die Spender draußen warten. Aber das werden wir bei Regen nicht halten können“, so Samman. Das Klinikum will daher die Zeiten, in denen Blut gespendet werden kann, auf täglich ausweiten und Termin-Spenden anbieten. „Viele haben jetzt mehr Zeit und wollen sich sozial engagieren“, vermutet Oberarzt Samman.

Soziale Kontakte meiden ist eine Herausforderung

Sozial engagieren ist eine Sache. Soziale Kontakte meiden, lautet ein anderer guter Ratschlag in diesen Tagen. Und das dürfte zunehmend schwierig werden nun, da Universitäten, Schulen und auch Orte unter freiem Himmel wie der „Schlo“ geschlossen sind.

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Der Metropolenforscher Wolfgang Kaschuba beschreibt die Lage als „surreal“, als „Phase gesellschaftlicher Irritation“. Der Trend, dass sich das Leben viel im öffentlichen Raum abspielt, kehre sich gerade um. „Wir bilden Kleineinheiten wie im Kloster“, sagt der Wissenschaftler der Berliner Humboldt-Universität. Dabei schwingt Bedauern mit: Schließlich habe die Gesellschaft den Muff der 1970er Jahre mit dem starken Rückzug ins Private längst hinter sich gelassen.

Nachbarschaftshilfen zeigen Solidarität in Corona-Krise

„Was jetzt passiert, das haben wir noch nicht erlebt“, sagt die Berliner Charité-Psychologin Isabella Heuser der Nachrichtenagentur dpa. Zwar glaubt sie, dass die Menschen in dieser Situation durchaus solidarisch sein werden. Das sehe man allein schon an den Angeboten bei der Nachbarschaftshilfe .

Doch zu viel Hoffnung will sie nicht machen. „Das Individualistische und auch das Hedonistische wird wegen eines Virus nicht verschwinden.“ Die kommenden Monate erscheinen Heuser wie ein großes Sozialexperiment. „Sehen die jüngeren Generationen, dass sie eine Verantwortung haben – selbst, wenn sie nicht selbst betroffen sind?“ Wie Pilze schießen die sogenannten Corona-Partys aus dem Boden und lassen auf eine „Mir-doch-egal“-Mentalität unter jenen Generationen schließen, die sich nicht als gesundheitlich gefährdet erachten.

Es ist nicht sinnlos, was vorgegeben wird von Staat und Politik

„Junge Leute können sich jetzt vor Augen führen, dass es im Zweifelsfall der eigene Opa, die eigene Oma ist, die von der Epidemie betroffen sein können. Und dass es vom eigenen Verhalten abhängt, ob das passiert“, sagt der Philosoph Wilhelm Schmid. „Es ist nicht sinnlos, was vorgegeben wird von Staat und Politik. Das zu ignorieren, hätte Konsequenzen – eben vielleicht auch für den eigenen Großvater und die Großmutter.“

Nicht in jedem Mitmenschen den Teufel wittern

Ob „wir uns also nun der Zerbrechlichkeit der Welt bewusst werden?“, fragt sich Schmid. „Da fliegt etwas durch die Luft, das wir nicht sehen, nicht riechen, nicht ertasten können und das trotzdem tief in unser Leben eingreift.“

Man muss es nicht mit dem römisch-katholischen Exorzismus halten und in jedem Mitmenschen den Teufel wittern. Aber ein gesundes „Vade retro!“ im Sinne von „Zurück!“ ist die vielleicht lebensrettende innere Einstellung.

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