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Eliche Gesichter

Maria aus Nazaret ist Magd, Schmerzensmutter, Trösterin, Patronin und vieles mehr

Sie wird verehrt, sie wird geringgeschätzt. Den einen ist die Mutter Jesu eine Anwältin der Unterdrückten, den anderen eine „Göttin der Lustfeindlichkeit“. Heiligabend ist ihr großer Tag. Im Stall kniet die „Gottesmutter“ neben Josef an der Futterkrippe. Doch wer war Maria und was haben Theologen und Gläubige aus ihr gemacht? Eine Annäherung.

Maria als Königin darzustellen, hat sich im Laufe der ersten Jahrhunderte in der christlichen Literatur und Kunst, in der Theologie und der Frömmigkeit der Gläubigen stufenweise herausgebildet. Das Bild zeigt Maria mit Kind auf dem Fresko von Johann Baptist Schraudolph am Haupteingang des Speyerer Doms. Foto: Uwe Anspach/dpa

An der Biographie einer un- und außergewöhnlichen Frau waren die Evangelisten nicht interessiert.

Nur Marias Rolle in der christlichen Heilsgeschichte hielten sie für erwähnenswert“, so der mittlerweile verstorbene Historiker Klaus Schreiner in seinem Standardwerk „Maria. Leben, Legenden, Symbole“.

Die Frau aus Nazaret steht ihrem Sohn im Leiden bei, glaubt bedingungslos und entscheidet sich aus freien Stücken, die Mutter Gottes zu werden.

Die Maria der Spätantike

Um das Jahr 400 herum verfasst ein unbekannter Autor eine Geschichte Josefs, die „Historia Josefi“. Demnach nimmt Josef ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau mit 90 Jahren die zwölfjährige Maria in sein Haus auf.

Krippen wie dieses Porzellan-Modell der Sitzendorf-Manufakur zeigen Maria meist als fürsorgliche Mutter, die sich ganz ihrem Kind widmet. Foto: Felix Kästle/dpa

„Die Absicht ist offenkundig: Josefs hohes Alter sollte die Möglichkeit einer leiblichen Vaterschaft ausschließen. Es sollte als theologisches Argument für die Jungfräulichkeit Marias und die vom Heiligen Geist herbeigeführte Schwangerschaft Marias dienen“, so Schreiner. Maria wird von den Theologen in den Rang der „Gottesgebärerin“ gehievt.

„Geschichte schreibt sie nicht als historische Person, sondern als symbolische Gestalt, die Sehnsüchte, Erwartungen und Bedürfnisse christlich denkender und lebender Menschen erfüllte“, meint Schreiner.

Maria und ihre Fähigkeiten

Der Evangelist Lukas rühmt Marias soziale Niedrigkeit. Deswegen sei sie von Gott erwählt worden, die Mutter des Erlösers zu werden. Der niedere Stand lässt eigentlich auf Analphabetismus schließen. Doch die Verfasser mittelalterlicher Marienbücher finden sich nicht mit einer ungebildeten Auserwählten ab.

„Sie verwandelten die niedrige Magd in eine Liebhaberin von Büchern“, so Schreiner, der an der Universität Bielefeld zur Mittelalterlichen Geschichte forschte. In dem um 860 verfassten „Evangelienbuch“ des Weißenburger Benediktinermönches Otfrid liest Maria im Psalter, als ihr Gabriel verkündet, sie sei dazu erkoren, den Sohn Gottes zu gebären.

Eine mütterliche Hand leitete die Flugbahn der Kugel.
Johannes Paul II., ehemaliger Papst

Und wer lesen kann, vermag normalerweise auch zu schreiben. So tauchen im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit Briefe auf, die Maria verfasst haben soll. Berühmt wird etwa Marias Antwortschreiben an die Einwohner von Messina. Darin kommt sie der Bitte nach, die Stadt unter ihren besonderen Schutz zu stellen. Daraus entwickelte sich der Brauch, an Maria Bitt- und bei positivem Ausgang Dankesbriefe zu schicken.

„Die lesende Maria diente Frauen des frühen und hohen Mittelalters als Vorbild für einen Lebensstil, zu der Bücher gehörten. Maria erfüllte langfristig die Funktion eines standesübergreifenden Bildungsideals“, so der Marien-Experte.

Maria und die Emotionen

Hat Maria geweint und gelacht?: Darüber gibt es keine Einhelligkeit. Im Neuen Testament kommt Marie als Schmerzensmutter nicht vor – nicht einmal unter dem Kreuz fließen Tränen. „Ein verstärktes Interesse an der Menschlichkeit der Frau aus Nazaret führte aber seit dem 12. Jahrhundert dazu, Maria emotionale Befindlichkeiten zuzuschreiben“, so Schreiner.

Etliche Verfasser von Marien-Biographien sind sich sicher, dass Maria geweint hat – sie habe sogar „blutige Tränen“ vergossen. Zu Anfang des 14. Jahrhunderts etabliert sich die Schmerzensmutter mit Jesus auf dem Schoß (Pietà) als eigenständiger Bildtypus. Im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit formiert sich eine Gegenbewegung: Theologen und Predigern gilt eine „heulende“ Maria als unangemessen.

Die wahre christliche Trauer sei mit Stärke, moralischer Kraft, Geduld und Hoffnung verbunden. Das hielt Gläubige nicht davon ab, „Tränenwunder“ zu verbreiten. „Schwitzende und weinende Mariengemälde und Skulpturen , die seit dem Mittelalter die christliche Frömmigkeitsgeschichte begleiten, gaben frommen Vorstellungen eine sinnlich wahrnehmbare Realität“, so Schreiner.

Auch in puncto Fröhlichkeit dominieren zwei Pole: Während die einen in der Christusnachfolge keinen Raum fürs Lachen sehen, transportieren die Franziskaner und Dominikaner Freude und Wohlbehagen in die Heilige Familie. „Die Bettelorden trauten dem Körper des Menschen die Fähigkeit zu, Bewegungen des Geistes und des Herzens durch körperliche Gesten sinnlich erfahrbar zu machen“, so Schreiner.

Die Schwarzen Madonnen

Erklärungsbedürftig bleiben die Schwarzen Madonnen, die heute noch vielerorts als Gnadenbilder verehrt werden – etwa in Altötting oder Czenstochau. Was motivierte europäische Künstler, Marias Gesicht mit schwarzer Farbe zu gestalten?

„Da gibt es viele Vermutungen“, so der Historiker. Schwarz steht einerseits für Traurigkeit, ist andererseits aber auch soziales Indiz. „Nur niedrig geborene Leute, die etwa im Sommer auf dem Feld arbeiten mussten, hatten früher eine dunkle Hautfarbe“, erinnert Schreiner.

Mit einer „exklusiven“ Theorie wartet vor über 800 Jahren Thomas der Zisterzienser auf: Die am Kreuz „sterbende Sonne“ habe Marias Gesicht verbrannt und ihre Haut schwarz gefärbt.

Das „marianische Jahrhundert“

In das 19. und 20. Jahrhundert fällt eine Epoche, die als ein „marianisches Jahrhundert“ bezeichnet wird: Papst Pius IX. verkündet 1854 das Dogma (die verbindliche Glaubenslehre) von der Unbefleckten Empfängnis Marias. Und Papst Pius XII. erhebt 1950 die leibliche Aufnahme Marias in den Himmel zum Dogma.

„In der volkstümlichen Marienverehrung ging es hingegen konkreter zu“, so Schreiner: Maria erscheint Kindern und offenbart sich. Damit hilft sie ihren Verehrern, sich in einer Welt der Leiden und Gebrechen zurechtzufinden. Millionen von Wallfahrern pilgern Jahr für Jahr nach nach Lourdes und Fatima.

Selbst Papst Johannes Paul II. spricht Maria 1994 nach dem auf ihn verübten Attentat übernatürliche Kräfte zu: „Es war eine mütterliche Hand, die die Flugbahn der Kugel leitete.“

Maria 2.0

„Maria 2.0“ nennen sich die Frauen, die in Deutschland für Geschlechtergerechtigkeit in der katholischen Kirche eintreten. Für sie ist Maria eine selbstbestimmte Person, die sich für die Machtlosen einsetzt.

Nach dem Kreuzestod ihres Sohnes engagiert sie sich in der urchristlichen Gemeinde in Jerusalem. „Das gilt sogar als historisch gesichert“, so Elzbieta Adamiak, Professorin für Fundamentaltheologie an der Universität Koblenz-Landau: „Sie ist also keineswegs nur die Mutter, die Jesus zur Welt bringt und dann zuhause bleibt.“

Die Forscherin findet es deshalb absolut richtig, dass Maria in der „Maria 2.0“-Bewegung wieder zur Identifikationsfigur für Frauen geworden ist, die nicht schweigen möchten und ihre Stimme gegen Unrecht erheben: „Denn auch Maria war ja eine Frau, die den Mund aufgemacht hat und sich aktiv für ihren eigenen Weg entschieden hat“, so Adamiak.

Maria war eine Frau, die den Mund aufgemacht hat.
Elzbieta Adamiak, Theologin an der Universität Koblenz-Landau

Vielleicht wird es Zeit, sie als Krippenfigur mal in ganz anderen Rollen zu zeigen. Eine brasilianische Krippe findet die Theologin Judith Klaiber von der Uni Wien besonders schön: „Da schläft Maria in der Krippe, erholt sich also im Wochenbett, und Josef kümmert sich liebevoll um den gähnenden Jesus. Solche Bilder werden jetzt wieder entdeckt. Sie finden großen Anklang, weil Menschen spüren, dass diese Darstellungen zeitgemäß sind.“

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