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Kolumne: Was mit Worten

Fast vergessene Gaunersprachen - in Münster reden sie wie Verbrecher

Um in der Öffentlichkeit – oder zum Beispiel auch im Knast – geheime Absprachen treffen zu können, bildeten sich seit dem Mittelalter in Deutschland mehrere Gaunersprachen heraus. Besonders eine Variante aus Münster erfreut sich bis heute einiger Prominenz.

Unterwegs mit der Leeze: In Münster erfreut sich eine Gaunersprache gewisser Beliebtheit. Foto: Friso Gentsch/dpa

Wie haben sich Ganoven eigentlich verständigt, als es noch kein Darknet gab? Um in der Öffentlichkeit – oder zum Beispiel auch im Knast – geheime Absprachen treffen zu können, bildeten sich seit dem Mittelalter in Deutschland mehrere Gaunersprachen heraus. Besonders eine Variante aus Münster erfreut sich bis heute einiger Prominenz.

Fahren Sie morgens gern mit der Leeze zur Maloche oder ist Ihnen das so früh am Tag zu viel Lichte? Wäre ja verständlich – besonders, wenn es am Abend ein paar Lowinen zu viel waren und Sie den Schickermann gemacht haben. Dem pien folgt allzu häufig schließlich ein eher schoveler Morgen – besser also, den Laumann zu machen.

Sie verstehen nur Bahnhof? Dann kommen Sie entweder nicht aus Münster oder nicht aus einer Ganoven-Dynastie mit Sinn für Tradition. Beides ist ja kein Beinbruch. Und interessant ist das Phänomen „Masematte“ schließlich auch ohne kriminellen, westfälischen oder kriminell-westfälischen Hintergrund.

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Gaunersprachen gab es schon im Mittelalter

Die als „Masematte“ bezeichnete Gaunersprache ist in Münster ab etwa dem 19. Jahrhundert überliefert. Vor allem fliegende Händler, Hausierer und gewisse Bereiche der städtischen Unterschicht bedienten sich des Idioms.

Ich brauche Rat: Der erste Glühwein wird gleich gepichelt. Mit Schabau innen Rösch oder pur? Und was soll ich frengeln?

— Masematte.Net (@masemattems) December 3, 2018

Aufschluss über Sinn und Zweck dieser nur bestimmten Milieus verständlichen Sprache gibt bereits ihr Name: Er leitet sich, so die Annahme, vom jiddischen „masso umattan“ ab, der zunächst mal „Geschäft, Handel“ und ganz allgemein "Verhandlung" bedeutet.

Nun sind Geschäfte und Handel per se natürlich nicht kriminell. Allerdings stammt der Begriff „Masematte“ seinerseits aus einer anderen Gaunersprache, die im deutschsprachigen Raum bereits seit dem Mittelalter überliefert ist: dem Rotwelschen. Dort bedeutet Masematte: Diebstahl, Einbruch.

Rotwelsch: Die Herkunft des Wortes ist bislang nicht eindeutig geklärt. " Welsch " bedeutet im Mittelhochdeutschen " romanisch " und bezeichnet etwa Franzosen und Italiener. Es kann aber auch " fremdartig ", " unverständlich " bedeuten - siehe: Kauderwelsch. " Rot " könnte von " rotte " (=Bande) stammen, das wiederum wohl auf das mittelniederländische " rot " (="faul, schmutzig"; ähnlich wie auch das englische " rotten ") zurückgeht.

Die Münsteraner „Masematte“ ist ein Ableger des Rotwelschen, mit dem es daher in Sachen Wortschatz und Gebrauch eine große Schnittmenge hat. Das Rotwelsche ist in gewisser Hinsicht so etwas wie die Mutter der Gaunersprachen. Genutzt wurde es traditionell von Gruppierungen, die nicht ins Schema der mittelalterlichen Ständegesellschaft passten und teils als unehrlich galten. Also Fahrendes Volk,  umherwandernden Tagelöhner, Gauner und Gaukler und später etwa auch Landsknechte.

Wurzeln oft im Hebräischen und im Jiddischen

Manche Worte haben Wurzeln im Arabischen, viele stammen aus dem Jiddischen und dem Hebräischen – was Antisemiten als Steilvorlage diente und dient, um das Stereotyp vom notorisch kriminellen Juden in die Welt zu bringen.

Tatsächlich finden sich aber im Rotwelschen und seinen Ablegern nicht deswegen viele jiddische und hebräische Worte, weil die überwiegende Zahl der Sprechenden einen entsprechenden Hintergrund hatte. In dem Fall hätten sie ja einfach ihren Austausch weiterhin auf Hebräisch oder Jiddisch führen können, statt die Begriffe einzudeutschen.

Prominente Beispiele aus dem Rotwelschen:

ausbaldowern - auskundschaften (Kombination der jiddischen Worte baal - Herr und dowor - Sache, also: "Herr der Sache" sein)

Bulle - abwertende Bezeichnung für Polizist (Ableitung vom niederländischen bol - Kopf/kluger Mensch)

Stuss - Unsinn, dummes Gerede

kaspern - reden

Polente - Polizei (vom jiddischen paltin - Burg/Palast)

Einen Vorteil boten die Sprachen vielmehr vor allem deutschsprachigen Gaunern. Durch Übernahme der fremden Worte bot sich ihnen eine Möglichkeit, sich auf eine für argloser Landsleute und Autoritäten unverständliche Art und Weise zu unterhalten. Etwa mit dem 19. Jahrhundert wurden größere Gruppen der Rotwelsch-Sprecher sesshaft. Ihr Wortschatz begann, sich mit regionalen Mundarten zu mischen. Neue Varianten wie etwa die Münsteraner Masematte entstanden.

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Aus sprach- wie auch kulturwissenschaftlicher Sicht sind die Gaunersprachen und die Gruppierungen, die sich ihrer bedienten, hochinteressant. Und nicht so ohne weiteres zugänglich: Rotwelsch, Masematte und Co. sind von ihren Sprechern selten verschriftlicht worden. Erst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versuchte die Polizei, die Gaunersprachen zu erfassen und sie so verstehen zu lernen.

Das erste Schriftstück in Masematte beispielsweise ist, so steht es im Münsteraner Stadtwiki, offenbar erst 1946 verfasst worden. Zu dem Zeitpunkt waren Masematte und andere Ableger des Rotfelschen allerdings praktisch tot: Die Nationalsozialisten betrachteten die Sprachen als undeutsch und das Gros ihrer Sprecher landete, als vermeintlich „asoziale Elemente“ gebrandmarkt, in Konzentrationslagern.

Aktiv gesprochen werden Überbleibsel der Gaunersprachen heute nur noch in sehr wenigen Gegenden und von überschaubaren Gruppen. In Münster allerdings haben sich zumindest einige Versatzstücke der Masematte nicht nur gehalten, vielmehr gilt ihr Gebrauch mittlerweile auch als durchaus schick.

Die Gaunersprache lebt - ein bisschen

Begriffe wie „Leeze“, „jovel“ oder „kneistern“ fallen durchaus mal im Alltag. PR-Kampagnen greifen Wörter und Sätze aus dem Masematte auf.

Ein Klub in der Stadt heißt „Jovel“, es gibt eine Reihe von Publikationen und eine Facebook-Gruppe. Nur echte Ganoven, die ihren nächsten Diebeszug in der Kneipe bei einem Bier auf Masematte besprechen, die gibt es nicht mehr.

Und was genau steht jetzt im ersten Absatz dieses Artikels? Fahren Sie morgens gern mit dem Fahrrad zur Maloche oder ist Ihnen das so früh am Tag zu viel Stress? Wäre ja verständlich – besonders, wenn es am Abend ein paar Biere zu viel waren und Sie betrunken waren. Dem Trinken folgt allzu häufig schließlich ein eher mieser Morgen – besser also, einen auf Faulenzer zu machen. Die Wendung "Auf den Osnick kneistern" aus der Überschrift bedeutet: auf die Uhr schauen.

Wer der Sprache aufs Maul schaut, stellt fest: Sie schlägt kuriose Volten, ist verblüffend und skurril, mal entlarvend und mal ziemlich witzig. Grund genug also, sie in „Was mit Worten“ in den Fokus zu rücken.

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