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Virtuelle Trinkgelage

Konsumieren die Menschen in der Corona-Krise mehr Alkohol?

Die Kneipen sind zu – dafür wird jetzt zu Hause getrunken. Mehr als zuvor, meinen einige, obwohl verlässliche Zahlen noch nicht vorliegen. Experten befürchten schon, dass Corona unsere Trinkgewohnheiten nachhaltig verändern wird.

TRINKEN ALLEIN ZUHAUS: Die Kneipen und Lokale sind zu - getrunken wird trotzdem. Mehr als je zuvor fürchten Experten. Foto: dpa

Am Anfang, als das Virus noch keiner so richtig kannte, war die Namensgleicheit ein beliebter Witz. „Ich trinke jetzt ein Corona gegen Corona“, rief der Kollege zum Abschied gut gelaunt ins volle Großraumbüro. An Homeoffice dachte da noch keiner. Dann machte der wenig geistreiche Witz die Runde, dass Alkohol – hochprozentig und oral verabreicht – das Virus abtöten könnte. Also verabredete man sich scherzhaft mit Freunden auf ein „Präventions-Bierchen“ im Pub an der Ecke.

Das Trinken geht in der Corona-Isolation weiter

Jetzt sind Kneipen, Lokale und Restaurants geschlossen – doch das Trinken geht munter weiter. Über Videoplattformen wie „Houseparty“ oder „Zoom“ verabreden sich Menschengruppen zu virtuellen Trinkgelagen. Man sitzt zu Hause, jeder für sich auf seinem Sofa, und beklagt gemeinsam die Situation. Dann poppen die Kronkorken und via Kamera ergeht ein „Prost auf bessere Zeiten“.

Ohnehin: Die Abende ohne Kinos, Theater, Kneipen und sonstige Ablenkungen sind lang und sie beginnen früh. Vom Homeoffice auf die Terrasse, wo der „Sundowner“ wartet, ist es nicht weit. „Ich habe noch nie so oft und so viel Alkohol getrunken wie jetzt“, klagt die Freundin am Telefon. Damit ist sie nicht allein.

Der Eindruck, dass nun mehr getrunken wird, verstärkt sich täglich.
Falk Kiefer, Suchtforscher

Schon gleich zu Beginn des inzwischen fast weltweiten Lockdowns warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor einem erhöhten Alkoholkonsum, der jetzt in der sozialen Isolation drohen könne. Diesen hält auch der Heidelberger Suchtforscher Falk Kiefer für sehr wahrscheinlich.

„Ich habe zwar noch keine verlässlichen Zahlen darüber vorliegen, aber der Eindruck, dass nun mehr getrunken wird, verstärkt sich täglich“, sagt der Ärztliche Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht).

Weniger Alltagspflichten verleiten zum Alkoholkonsum

Alkohol sei in Zeiten persönlicher aber auch gesellschaftlicher Krisen ein beliebter Bewältigungsmechanismus. „Wir haben gelernt, dass Alkohol Ängste löst, entspannt und beruhigt“, erklärt Falk. Gleichzeitig entfallen bei vielen aktuell die guten Gründe, nicht zu trinken. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Arbeit Konzentration und Leistungsfähigkeit fordert. Zu Normalzeiten passen nicht süchtige Menschen ihren Konsum den Umständen an, sagt Kiefer.

Doch durch Corona hätten die Menschen einerseits mehr Sorgen, andererseits seien aber auch die Alltagspflichten geringer. „In einer Situation, in der man mehr vermeintliche Gründe für den Konsum und weniger Gründe dagegen hat, liegt die Vermutung nah, dass die Leute es auch tun“, so der Suchtforscher.

Das Problem dabei: Alkohol ist ein Suchtstoff. „Die Gefahr, dass aus einem länger andauernden erhöhten Konsum eine Gewohnheit entsteht, die man am Ende nicht mehr los wird, ist hoch“, sagt Kiefer. Ebenfalls groß sei aber eine andere Bedrohung: „Die Kombination von sozialem Stress, Ängsten und Alkoholkonsum führt nicht selten zu häuslicher Gewalt.“ Wie er, so sorgen sich auch viele andere Experten im Moment um die Menschen, die mit einem Alkoholsüchtigen auf engstem Raum zusammenleben und wenig Rückzugsmöglichkeiten haben.

Zahlen zum Konsumverhalten von Alkohol fehlen noch

Zahlen, die verlässlich das Konsumverhalten von Privatpersonen spiegeln, fehlen im Moment noch. Im Netz findet sich eine Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die Alkohol-Verkäufe an Privatpersonen aus der Zeit zwischen dem 24. Februar und dem 15. März ausgewertet hat. Demnach hat der Lebensmittel-Einzelhandel in dieser Zeit ganz allgemein 14 Prozent mehr verkauft als sonst.

In einigen Bereichen des Sortiments sei jedoch um 200 Prozent mehr verkauft worden. Welche das sind, wird nicht näher ausgeführt, aber der GFK-Handelsexperte Robert Kecskes zieht gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ den Schluss: „Die Stilllegung des öffentlichen Lebens führt neben Hamsterkäufen auch zu einer Verlagerung des Außer-Haus-Konsums in die privaten Wohnungen und Häuser“.

Deutsche trinken 1,9 alkoholische Getränke pro Tag

Thomas Geiger, Inhaber des Getränkehandels Ball im Karlsruher Stadtteil Rüppurr, kann bislang keinen sehr großen Anstieg bei den Alkoholverkäufen an privat feststellen. „Die Leute kaufen ein bisschen mehr Wein, aber das kann auch daran liegen, dass die meisten Weinhändler im Moment zu haben“, sagt Ball. Auch im Bierbereich stelle er keinen großen Anstieg fest.

Laut einer Umfrage der WHO aus dem Jahr 2017 nimmt jeder Deutsche ab 15 Jahren pro Tag 1,9 alkoholhaltige Getränke zu sich. Das kann ein Cocktail sein, ein Glas Wein oder eine Flasche Bier. Suchtexperten wie der australische Forscher Michael Farrell befürchten durch Corona einen Anstieg. Vor allem Jugendliche würden Alkohol und Cannabis jetzt als Strategie zur Flucht aus einem frustrierenden Alltag in Isolation kennenlernen.

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