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Facettenreiche Werkschau

Metallica in Mannheim: Altersmilde Thrash-Titanen

Die wilden Jahre sind vorbei: Metallica sind im Jahr 2019 längst mehr als eine geniale Thrash-Kapelle. Logisch, dass das Metallica-Konzert auf dem Maimarktgelände in Mannheim nicht zu einer wilden Metal-Orgie geriet, sondern zur Werkschau einer vielschichtigen und gereiften Band.

Rund 60.000 Fans feierten am 25.08.2019 beim Open-Air-Konzert der amerikanischen Metalband Metallica auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Die Musikgruppe rund um Frontmann James Hetfield zählt zu den erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Foto: Sven-Sebastian Sajak

Die wilden Jahre sind vorbei: Metallica sind im Jahr 2019 längst keine wilde Thrash-Kapelle mehr. Logisch, dass das Metallica-Konzert auf dem Maimarktgelände in Mannheim somit nicht zu einer wilden Metal-Orgie geriet, sondern zur Werkschau einer vielschichtigen und gereiften Band.

Über dem Mannheimer Maimarktgelände ist gerade eine tiefrote Sonne untergegangen, als Enrico Morricones „The Ecstasy of Gold“ erklingt. Der hymnenhafte Dreiminüter – eigentlich mal komponiert für den Western-Klassiker „Zwei glorreiche Halunken“ – markiert seit 1981 den Auftakt zu jeder Metallica-Show.

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Ein schnelles Riff und ein wütender Hetfield

Ein kurzer Moment der Erhabenheit, dann knallen stakkatoartige Trommelwirbel aus der Dunkelheit. Ein schnelles, schweres Riff legt sich darüber. James Hetfield taucht auf, brüllt wütend die ersten Wörter des Songs „Hardwired“ ins Mikro. Das Stück stammt vom jüngsten Album „Hardwired…to Self-Destruct“, hätte aber auch gut im Umfeld der frühen Metallica-Werke funktioniert.

Damals, in den 80ern, begründeten die Kalifornier mit Platten wie „Master of Puppets“ oder „…And Justice for All“ nicht nur ihren Weltruhm, sondern setzten mit jeder Veröffentlichung auch neue Standards in Sachen Songwriting und Präzision. Und weil es ihnen live gelang, das Tempo ihrer Nummern ohne jeglichen Substanzverlust noch zu steigern, handelten Kritiker sie für eine Weile als beste Band der Welt.

Metallica sind älter geworden - aber niemals kleiner

Seitdem ist viel passiert im Kosmos von Metallica. Tragödien etwa, wie der Unfalltod des genialen Cliff Burton, dessen Fähigkeiten am Bass nie gleichwertig ersetzt werden konnten. Sänger James Hetfield verfiel in Depressionen und dem Alkohol. Und Drummer Lars Ulrich, das erzählt heute jeder Schlagzeuglehrer, hatte zwar ausreichend Talent, aber nicht den nötigen Fleiß, um wirklich genial zu werden.

Sachen gibt's:

Aus dieser Gemengelage resultierten dann ein paar Alben, mit denen weder Fans noch Kritiker richtig warm wurden. Und dennoch: Die 60.000 Karten für das Open Air in Mannheim waren umgehend ausverkauft. Die Geschichte von Metallica kann nämlich auch so erzählt werden: Sie sind älter geworden, aber niemals kleiner. Was ja ein Stück weit auch auf die Fans zutrifft: Die Zeiten des wilden Headbangens sind vorbei. Statt billigem Dosenbier recken die Besucher teure Smartphones in die Höhe.

Die schrillen Töne sitzen nicht mehr so

Die Setlist in Mannheim belegt die Entwicklung von den unbekümmerten Hochgeschwindigkeits-Thrashern zu einer vielschichtigen und facettenreichen Band. Die Fans feiern Klassiker wie „The Four Horsemen“, das wild und angriffslustig wie eh und je daherkommt - obschon Hetfield hörbar Mühe hat, die schrillen Töne der Gesangslinie so zu treffen, wie es ihm 1983 gelang, als der Song erschien.

Rund 60.000 Fans feierten am 25.08.2019 beim Open-Air-Konzert der amerikanischen Metalband Metallica auf dem Maimarktgelände in Mannheim. Die Musikgruppe rund um Frontmann James Hetfield zählt zu den erfolgreichsten Bands aller Zeiten. Foto: Sven-Sebastian Sajak

Seine Stimme ist über die Jahre dunkler geworden, ernster und ausdrucksstärker. Eine schwermütige Ballade wie „The Unforgiven“ wäre andernfalls im Metallica-Oeuvre wohl undenkbar. Genauso das schwere „The Memory Remains“, das wie ein dunkler, grundloser Ozean über den Maimarkt tost und am Ende in einen bombastischen Klagegesang aus 60.000 Kehlen übergeht.

Eine gewisse Ratlosigkeit im Publikum

Es gibt gesetzte Klassiker bei jedem Metallica-Konzert, Stimmungsgaranten, die Band wie Publikum gleichermaßen begeistern. „Creeping Death“ etwa, „Master of Puppets“ und natürlich „One“, die großartige Vertonung des Anti-Kriegsfilms „Johnny got his Gun“.

Und dann sind da Stücke, die niemand auf der Rechnung hat. Ziemlich in der Mitte etwa: Lars Ulrich gibt einen eher gemächlichen Rhythmus vor, die Gitarren setzen leise ein und schwere Basstöne. Im Publikum herrscht eine gewisse Ratlosigkeit, nur langsam formen die Instrumente eine gemeinsame Klangstruktur. Aus der plötzlich eine Tonfolge irgendwo in der Grauzone zwischen Riff und Melodie erwächst, deren Kraft und Gewicht mit jeder Sekunde an Dominanz gewinnen, um sich dann bleischwer übers Publikum zu legen.

Trujillo und Hammett sind Könige von Deutschland

Der Song, „The Outlaw Torn“, vom kontrovers rezipierten 1996er Album „Load“ ist eines dieser versteckten Meisterwerke, die in der Diskografie der Band etwas untergegangen sind - weil sie beim Erscheinen vielleicht nicht so ganz zum Markenkern der einstigen Thrasher passten.

Über diese Kategorie sind Metallica im Jahr 2019 längst erhaben. Bassist Rob Trujillo und Gitarrist Kirk Hammett sind sich zwischendurch nicht zu schade, "König von Deutschland" zu intonieren – was mangels Deutschkenntnissen die wohl unverständlichste Rio-Reiser-Hommage aller Zeiten sein dürfte.

Der beste Job der Welt

Die leicht angegrauten Herren auf der Bühne sind offenkundig in einem Stadium angekommen, dem die Gelassenheit des Alters näher ist als die Rastlosigkeit der Jugend. Fast wirkt er geläutert, wenn James Hetfield, der in seinen Texten oft die dunklen Kapitel des Lebens verarbeitet, von der großen Metallica-Familie spricht und vom Glück, den besten Job der Welt machen zu dürfen.

Um dann zum Schluss nochmal kräftig in die Seiten zu schlagen: Mit „Enter Sandman“ verabschieden sich Metallica. Es gibt ein großes Feuerwerk, in Mannheim endet die aktuelle Worldwired-Tour in Europa. Kaum vorstellbar allerdings, dass sie nicht noch mal wiederkommen werden.

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