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Modernisierungen

Mieter in Karlsruhe klagen über Methoden von Investoren

Investoren kämpfen oft mit harten Bandagen gegen Mieter mit günstigen Verträgen. Diese Erfahrung haben auch zwei Karlsruherinnen gemacht. Dani Kohlmeier-Kull hat mit ihrer Familie den Kampf gegen die Kündigung aufgegeben. Eine andere Mieterin will nicht aufgeben.

In der Viktoriastraße kämpfen zwei Mieterinnen gegen die Modernisierungsankündigung des neuen Hauseigentümers. Foto: jodo

Familie Kohlmeier-Kull war glücklich, als sie 2015 ihr neues Zuhause in der Bahnhofstraße bezogen hatte. Auf knapp 110 Quadratmetern lebten Dani, Andreas und ihre beiden Töchter. Für 850 Euro Kaltmiete ein echtes Schnäppchen. Bad und Küche hatte die Familie in Eigenleistung saniert. Von den Vermietern gab es 2.000 Euro Zuschuss. Doch nach drei Jahren bekam das Glück Risse.

Das Haus wurde verkauft. Ende 2018 lag bei den Mietern der fünf Wohnungen die Kündigung im Briefkasten. „Da kommt einfach jemand und nimmt dir dein Zuhause weg“, beschreibt Dani ihr Gefühlsleben. Was danach geschah, füllt mittlerweile ganze Ordner.

Mieter mit Altverträgen sind Investoren oft ein Dorn im Auge

Die Geschichte von Familie Kohlmeier-Kull ist bei weitem kein Einzelfall, bestätigt Ruth Zöller. „Vor allem bei größeren Häusern, die lange in privater Hand waren, passiert das immer wieder“, sagt die Geschäftsführerin des Mietervereins Karlsruhe.

Stirbt der Besitzer, können sich die Erben oft notwendige Sanierungen nicht leisten. Sie verkaufen an Investoren – und die wiederum möchten möglichst viel aus der Immobilie rausholen. Mieter mit günstigen Verträgen sind dabei ein Dorn im Auge.

Kündigung wegen "Gefahr für Leib und Leben"

Das Haus in der Bahnhofstraße sei so sanierungsbedürftig, dass eine Gefahr für Leib und Leben bestehe, heißt es in der Kündigung, die Dani Kohlmeier-Kull kurz vor Weihnachten 2018 erhielt. In neun Monaten sollte die Wohnung leer sein.

Ein Angebot, die Zeit der Kernsanierung gemeinsam zu überbrücken, habe es weder schriftlich noch mündlich gegeben, erzählt die Mieterin. Lediglich den Hinweis, dass man nach Abschluss der sechs bis zwölf Monate dauernden Arbeiten über einen neuen Mietvertrag sprechen könne.

Mieterhöhung um gut 200 Prozent

In der Viktoriastraße sitzt Hannah Gerber (Name von der Redaktion geändert) ebenfalls vor einem dicken Ordner. Vor 52 Jahren zog sie mit ihrer Familie in das Haus ein. 1999 wechselte sie auf die andere Seite des Treppenhauses in eine kleinere Wohnung.

Zu ihrer Vermieterin hatte sie einen guten Draht. Nachdem 2014 Dach, Fenster und einige Bäder saniert wurden, stieg die Miete auf 395 Euro.

Das alles änderte sich vor knapp zwei Jahren mit dem Tod der Eigentümerin und dem Verkauf des Hauses. Im November 2018 erhielt Hannah Gerber Post. Das Gebäude solle für gut eine Million Euro modernisiert werden – unter anderem Dach, Fenster und Bäder.

Die Kosten wollte der neue Besitzer auf die zehn Mieter umlegen. Hannah Gerber sollte künftig fast 1.300 Euro pro Monat bezahlen. „Das hätte ich niemals hinbekommen“, sagt sie.

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Gericht stoppt Modernisierungspläne

Bei drei Mietern des Hauses in der Viktoriastraße hatte das Schreiben den möglicherweise von Anfang an gewünschten Effekt – sie zogen aus. Hannah Gerber und eine weitere Mieterin wehrten sich vor Gericht. Am 27. März 2019 bekamen sie vor dem Amtsgericht Karlsruhe Recht. Per einstweiliger Verfügung untersagte das Gericht die Modernisierung.

Einerseits sei die Frist von drei Monaten für die Ankündigung nicht eingehalten worden, heißt es in der Urteilsbegründung, die den BNN vorliegt. Andererseits genüge die Beschreibung der Maßnahmen den gesetzlichen Anforderungen „in keiner Weise“.

Mietern geht vor Gericht oft die Luft aus

Die Regelungen zu Mietverträgen, Mieterhöhungen, Instandhaltung und Modernisierung sind umfangreich. Vieles wurde in den vergangenen Jahren angepasst. So ist die maximale Steigerung der Miete durch umgelegte Modernisierungskosten seit Anfang 2019 gedeckelt.

Problematisch wird es, wenn Mieter ihre Rechte vor Gericht durchsetzen müssen. „Sich wehren ist anstrengend. Vielen geht dabei die Luft aus“, sagt Zöller. „Vor allem große Vermieter setzen darauf von Anfang an.“

Paar erhält Kündigung wegen seiner Haustiere

Familie Kohlmeier-Kull hat den Kampf gegen die Kündigung 2019 aufgegeben, weil ihr der Zufall zu Hilfe kam. Ein Bekannter vermittelte ein Haus in Stupferich. Schweren Herzens entschieden sich die damals hochschwangere Dani und ihr Mann, dorthin zu ziehen. „Das war eine furchtbare Zeit. Ich bin seit sieben Monaten im Stress – und das mit einem kleinen Baby“, sagt Dani.

Vor der Familie hatte ein junges Paar das Haus in der Bahnhofstraße verlassen. Ihnen wurde gekündigt, da die Haltung von einem Hund und zwei Katzen nicht mit dem Vermieter abgesprochen war und man sich um die Bausubstanz sorge.

Zwei weitere Mieter sitzen allerdings bis heute auf glühenden Kohlen. Sie haben geklagt, die Entscheidung des Gerichts steht noch aus. Derweil sei in eine der leer stehenden Wohnungen ohne Kernsanierung eine Studenten-WG eingezogen, erzählt Dani Kohlmeier-Kull.

Mieterin in der Viktoriastraße kämpft weiter

Im Haus in der Viktoriastraße ist es Anfang 2020 sehr ruhig. Fünf Mieter sei der Eigentümer durch fünfstellige Abfindungszahlungen los geworden, berichtet die Pensionärin. Sie selbst hat das Angebot abgelehnt. Ende 2019 hat der neue Vermieter nun einen zweiten Versuch gestartet, die Modernisierung anzustoßen.

Die Ankündigung ist etwas umfangreicher und umfasst einen dreistöckigen Neubau im Hinterhof. Von der Verdreifachung der Miete ist keine Rede mehr – dafür aber von einer unzumutbaren Belästigung durch die Arbeiten. Hannah Gerber will trotzdem nicht aufgeben. Mit ihrer Anwältin hat sie schon gesprochen. „Ich lasse mich nicht einschüchtern oder tyrannisieren“, sagt sie.

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