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Mobilitäts-Experten blicken ins Jahr 2030

Mobilitäts-Visionen für Karlsruhe: Mit dem Robo-Taxi zur Haltestelle der Zukunft

Robo-Taxis, die Menschen in die Stadt hineinfahren. Volocopter, die über die Region fliegen. Und Haltestellen, die zugleich Abholstationen bestellte Waren sind – Mobilitätsexperten haben viele Vorstellungen, wie die Mobilität in der Technologieregion Karlsruhe im Jahr 2030 aussehen könnte.
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Sie sind Experten in Sachen Mobilität und als „Auto-Professoren“ vielen auch aus dem Fernsehen bekannt. Was nur wenige wissen: Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, und Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des CAR-Center Automotive Research in Duisburg, sind Kinder der Region.

Bratzel wuchs in Kraichtal-Münzesheim auf, der gebürtige Karlsruher Dudenhöffer in Maximiliansau. Mit anderen Worten: Die zwei Männer kennen die Technologieregion Karlsruhe und wagen daher auch Prognosen, wie sich dort die Menschen im Jahr 2030 fortbewegen werden. Für beide ist klar: weiterhin auch mit dem Auto, vor allem mit dem Elektroauto.

Dudenhöffer schätzt, dass zwei Drittel der Fahrzeuge, die 2030 in der Region zugelassen werden, reine E-Autos sein werden. 70 Prozent heißt die Größe, die sein Kollege Bratzel nennt. Die Bedeutung der Hybriden, die also einen Elektro- und einen Verbrennungsmotor an Bord haben, werde schwinden. Bratzel geht davon aus, dass auffallend viele Mercedes-Benz-Fahrzeuge mit E-Motor auf den Straßen der Technologieregion unterwegs sein werden – schon wegen der drei großen Werke mit entsprechend vielen Mitarbeitern.

Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management Foto: Sina Schuldt picture alliance / Sina Schuldt/dpa

„Wir kommen in eine Welt, in der es mit Verbrennungsmotor immer schwieriger wird, kostengünstig in die Innenstädte zu fahren“, prognostiziert Bratzel. Wer E-Autos wolle, müsse aber die Lade-Infrastruktur verbessern, zum Beispiel auch durch Schnellladeparks in Karlsruhe. „Deutschlandweit nimmt die Karlsruher EnBW eine Vorreiterrolle im Bereich Elektromobilität ein. Die pushen das Thema“, lobt Bratzel.

Wir kommen in eine Welt, in der es mit Verbrennungsmotor immer schwieriger wird, kostengünstig in die Innenstädte zu fahren.
Stefan Bratzel, Auto-Professor

Wird aber das eigene Auto überhaupt noch wichtig sein? Schon der aktuellen „Generation Smartphone“ ist es nicht mehr allzu erstrebenswert, ein Fahrzeug zu besitzen. Dieser Trend wird sich wohl verstärken. „Ich glaube, dass man ein Auto abonniert wie eine Zeitung. In so einem Abo ist dann alles drin, außer Treibstoffkosten. Und Sie haben immer ein neues Auto“, blickt Dudenhöffer in die Zukunft. Manche sprechen denn auch in Anspielung auf den TV-Streamingdienst vom „Netflix fürs Auto“.

Fahrrad statt Auto: In Karlsruhe und der Region treten in Zukunft die Menschen vermutlich noch häufiger in die Pedale als bisher. Foto: Uli Deck picture alliance/dpa

Aber Mobilität bedeutet ja beileibe nicht nur Auto. „Die Gegend ist prädestiniert, um mit dem Fahrrad unterwegs zu sein“, weiß Dudenhöffer. Er rechnet damit, dass in der Technologieregion mehr Fahrradwege entstehen – das Rad werde für Zwischendistanzen wichtiger.

In Städten wie Karlsruhe werde das Thema Lebensqualität an Bedeutung gewinnen, meint Bratzel. „Dafür wird für Fahrradfahrer und Fußgänger mehr Platz geschaffen.“ Er sieht für städtisch geprägte Regionen den öffentlichen Personennahverkehr als „das Mobilitäts-Rückgrat“. Dank des weltweit bekannten „Karlsruher Modells“ – Straßenbahnen können in der Region auch auf Deutsche-Bahn-Gleisen fahren – sieht Bratzel hier weiteres Potenzial. Sein Kollege Dudenhöffer ist skeptisch. „ÖPNV ist wichtig, aber sehr teuer. Man muss schauen, was man sich nach Corona noch leisten kann.“

Vollautomatisiertes Fahren in den Städten

Beide Experten gehen davon aus, dass ab 2030 das vollautomatisierte Fahren in Städten greift – der Gesetzgeber muss bin dahin aber noch etliche rechtliche Voraussetzungen schaffen. „Bislang darf man mit den Autopiloten von Tesla nicht fahren, Sie müssen die Hände am Lenkrad haben“, erinnert Dudenhöffer.

Ferdinand Dudenhöffer, Experte für die Autobranche. Foto: Nicolas Blandin picture alliance/dpa

Für 2030 sieht Bratzel die Menschen in autonome Autos oder Robo-Taxis einsteigen, die nach Karlsruhe hineinfahren. Für Personentransporte per Multikopter oder Drohnen-Logistik sei das Jahr 2030 nicht weit entfernt genug, meint Bratzel. Die Lufträume seien schon jetzt relativ dicht, sagt Dudenhöffer. „Ich glaube nicht, dass der Durchschnittsmanager mit dem Helikopter zum Frankfurter Flughafen fliegt, der wird in Karlsruhe weiterhin den ICE nehmen.“

Das Ticket fürs Flugtaxi wird per Smartphone bezahlt

Anders sieht das Florian Reuter, Chef der Volocopter GmbH in Bruchsal. Seine Vision: „2030 werde ich mein Handy in die Hand nehmen, Ziel und Zeitrahmen meines Mobilitätsbedürfnisses eingeben, und eine App wird mir den besten Weg zum Ziel vorschlagen, per E-Scooter, (S)-Bahn, Taxi, zu Fuß oder per Flugtaxi.“ Und integriert sei in der App: suchen, finden, bezahlen. „Alles mit einem Klick.“

Die Gegend hier ist prädestiniert, um mit dem Fahrrad unterwegs zu sein.
Ferdinand Dudenhöffer, Auto-Professor

Perfekt aufeinander abgestimmte Verkehrsmittel werden laut Reuter dann Ressourcen und Umwelt schonen. Zudem lasse sich so in den Innenstädten neuer Lebensraum schaffen. „In meiner Vision der Mobilität in der Technologieregion Karlsruhe besitzen immer weniger Menschen ein eigenes Auto. Es hat ökonomisch keinen Sinn mehr und ist schlicht überflüssig geworden, weil bessere und günstigere Optionen zu Wahl stehen“, so der Volocopter-Chef.

Städte werden 2030, auch grenzüberschreitend, besser verknüpft und Dörfer besser angebunden sein. Reuter spricht von autonomen Bussen, die nach Bedarf fahren, zudem Flugtaxis, wie den VoloCity. Auch Güter würden effizienter an ihr Ziel gebracht. Der Chef des Flugtaxi-Pioniers nennt hier elektrische und automatisierte Lastenräder, Gondeln, Lastdrohnen und Roboter.

Christian U. Haas blickt optimistisch ins Jahr 2030: Die Probleme des innerstädtischen Lieferverkehrs könnten mit neuen Nahlieferungssystemen gelöst werden, so der Chef der Karlsruher PTV Group, deren Experten weltweit in Sachen Mobilität gefragt sind. Haas nennt Mini-Hubs und Depotstationen für Pakete, die er sich „strategisch geplant“ für Karlsruhe vorstellen kann. Der Norden und Süden der Stadt würden schon durch die Kombi-Lösung zusammenwachsen, die Ende dieses Jahres fertiggestellt sein soll. „Ein deutlich bequemeres und verbundenes Leben und Arbeiten wird durch bessere Mobilitätsanbindungen Alltag“, sagt der Vorstandschef von PTV, einem Unternehmen der Porsche-Holding. Er sieht zudem Verbesserungen für Fußgänger und Radfahrer.

„Im Jahr 2030 werden unsere heute üblichen Dieselbusse durch Elektro- und Wasserstoffbusse oder Fahrzeuge mit anderen emissionsfreien Antrieben verdrängt worden sein“, blickt Jürgen Greschner, Vorstand der Karlsruher init SE, in die Zukunft. init ist der weltweit führende Anbieter für IT-Lösungen im öffentlichen Nahverkehr. Neben fahrergesteuerten Bussen und Bahnen werden aus Sicht des Unternehmers autonom fahrende Fahrzeuge die Menschen befördern. „Busse und Bahnen transportieren auch Güter, um so die Gesamtverkehrsbelastung der Städte zu reduzieren.“

„Haltestelle der Zukunft“ für verschiedene Transportmittel

Immer weniger Menschen werden laut Greschner künftig einen privaten Pkw besitzen, sondern ÖPNV, Bike-, Carsharing oder auch Flugtaxis nutzen. Den einfachen Zugriff auf all diese Mobilitätsdienste werden Mobilitätsplattformen ermöglichen. „Schon heute vereint und vernetzt die Smartphone-App regiomove in Karlsruhe die Mobilitätsangebote der Region“, so Greschner. Künftig werden aus seiner Sicht Routenvorschläge die aktuelle Verkehrssituation und die Auslastung der ÖPNV-Fahrzeuge berücksichtigen. Auch das Umland werde besser bedient. „Abhängig von den tatsächlich angemeldeten Reisewünschen bringen Kleinbusse die Fahrgäste zu fast jeder Tages- und Nachtzeit zu den Hauptbus- und Bahnlinien.“

Greschner schwärmt von „Haltestellen der Zukunft“. Dort werde man das Transportmittel bequem wechseln können. „Sie bieten Zusatzangebote wie Ladestationen für E-Fahrzeuge oder Abholstationen für beim lokalen Einzelhandel bestellte Waren, um die Fahrt in die Stadt zu vermeiden.“

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