Skip to main content

Angriff im Elsass

Operation Nordwind vor 75 Jahren: Die vergessene Schlacht forderte Tausende Tote

Silvester 1944: Die Menschen im Elsass denken, der Krieg sei vorbei. Die Alliierten haben ihre Dörfer befreit, das Chaos muss geordnet werden. Doch Hitler lässt nicht locker. Im Windschatten der Ardennen-Offensive befiehlt er die Rückeroberung Straßburgs und von Elsass und Lothringen. "Unternehmen Nordwind" bleibt ohne Erfolg, fordert aber Tausende von Toten.

DER MANTEL DES VERGESSENS hat sich über die Operation Nordwind gebreitet, die im Winter 1944/45 tausende Todesopfer forderte. Hitler wollte das Elsass zurückerobern. Das Bild zeigt zwei deutsche Kriegsgefangene im Januar 1945 im Elsass. Foto: AFP

Die Operation Nordwind vor genau 75 Jahren war der letzte verzweifelte Versuch der Deutschen, das Elsass zurückzuerobern. Weil der Angriff so schnell und überraschend erfolgte, blieb keine Zeit, die Zivilbevölkerung in Sicherheit zu bringen. 25 Tage lang weht der eisige Nordwind über der Region um Weißenburg und Hagenau, aber auch im Saargebiet und rund um Straßburg. Tausende Menschen – manche Historiker sprechen von 23.000 – starben.

Als im alten Schulgebäude von Rittershofen in der Silvesternacht 1944 der provisorisch installierte Fernsprecher der Amerikaner klingelt, hat Clémence Singer ein ungutes Gefühl. „Einer der GIs ging ans Telefon. Als er zurückkam wurden die anderen plötzlich sehr nervös.“ Nach ein paar kurzen Worten springen die Männer vom Tisch auf und verabschieden sich eiligst. „Sie hatten den Putenbraten nicht mal angerührt“, erinnert sich die Elsässerin in ihren Memoiren.

Die Menschen dachten, der Krieg ist vorbei.

An Silvester vor 75 Jahren hatten Clémence Singer und ihre Schwester Suzanne Jung geglaubt, das Schlimmste überstanden zu haben. Ihr kleines elsässisches Heimatdorf Rittershofen, keine 20 Kilometer vom Rhein entfernt, auf der Höhe von Iffezheim, war kurz vor Weihnachten von den Alliierten befreit worden.

Obwohl fast das ganze Dorf zerstört war, viele Männer gefallen und andere noch irgendwo an der Ostfront in Wehrmachtsuniformen steckten, glauben die beiden Schwestern, dass der Krieg nun bald vorbei sein würde. Voller Hoffnung begehen Clémence und Suzanne das Weihnachtsfest. Zur Silvestereinladung bei den GIs im alten Schulhaus, hatten sie sich besonders hübsch gemacht.

Hitler will Straßburg zurück

Hitler aber hat andere Pläne. Im Windschatten der Ardennen-Offensive will er das Elsass zurückerobern. Vor allem auf Straßburg hat es der Führer abgesehen – jene Stadt, die für die Franzosen als Geburtsort der Marseillaise eine geradezu symbolische Bedeutung hat. Das „Unternehmen Nordwind“, das Hitler, entgegen den Rat seiner Generäle, in der Silvesternacht 1944 auf 1945 startet, mobilisiert die letzten Kräfte.

In unerbittlichen Straßenkämpfen werden zahlreiche Dörfer in der Gegend um Weißenburg und Hagenau, aber auch im Saargebiet und rund um Straßburg von Volksgrenadier-Divisionen zurückerobert. Weil der Angriff so schnell und überraschend erfolgt, bleibt keine Zeit, die Zivilbevölkerung in Sicherheit zu bringen. 25 Tage lang weht der eisige Nordwind über der Region Tausende Menschen – manche Historiker sprechen von 23.000 – sterben. Soldaten, Frauen, Kinder und Greise.

Ein amerikanischer Jeep durchfährt ein zerstörtes Dorf im Elsass am Ende des Zweiten Weltkriegs. Foto: AFP Foto: None

23.000 Tote auf allen Seiten

„Auf dem Friedhof von Hatten erinnert ein Grabstein an den Tod eines zweijährigen Kindes, das bei Nordwind ums Leben kam“, sagt der Architekt und leidenschaftliche Militär-Historiker, Friedrich Wein aus Horb am Neckar. Schon als Jugendlicher wurde er bei der Fahrt durchs Elsass auf die Einschusslöcher an der Bunkeranlage von Hatten aufmerksam. „Da wollte ich einfach wissen, was da war“, sagt er.

Bei seinen Recherchen stieß der Hobby-Historiker auf unzählige Narben, hunderte von Gräbern aber auch auf viele Zeitzeugen, die sich noch erinnern konnten, wie ihr Dorf gleich zwei Mal von den Alliierten befreit wurde.

Januar 11945: Zwei deutsche Soldaten ergeben sich in Schillersdorf im Elsass amerikanischen Truppen. Foto: AFP Foto: None

Sinnloser Blutzoll

Der Blutzoll, den die Menschen für Hitlers wahnsinnige Idee von der Wiedereroberung Straßburgs und der ehemals deutschen Gebiete im Elsass und in Lothringen zahlen mussten, war ebenso hoch wie sinnlos. 25 Tage nach dem Beginn der Kämpfe erteilt Hitler den Haltebefehl. Sämtliche mobilen Divisionen werden abgezogen, um den Vormarsch der Roten Armee auf Berlin zu stoppen. Nur die Infanterie bleibt zurück und muss sich ab Mitte März 1945 den Alliierten geschlagen geben. „Operation Nordwind“ hatte außer einer dreimonatigen Verlängerung des Kriegs nichts als Tod und Verwüstung gebracht.

Information:

Zum Gedenken an die „Operation Nordwind“, die in diesen Tagen vor genau 75 Jahren zwischen Saar und Rhein wütete, haben sich zahlreiche historische Vereine, Museen und Gedenkstätten im Elsass, in Lothringen, im Saargebiet, in der Pfalz und in Baden zusammengetan. Am kommenden Wochenende (11. und 12. Januar) öffnen viele Bunkeranlagen, Festungen, Museen und Privatsammlungen ihre Pforten, um in Ausstellungen, Vorträgen oder Kostümführungen an die vergessene Offensive zu erinnern. Der Vortrag von Friedrich Wein am Freitagabend (10. Januar) um 19 Uhr im Wehrgeschichtlichen Museum der Stadt Rastatt und die Präsentation sämtlicher Teilnehmer bildet den Auftakt. Einen kleinen – wenn auch nicht ganz vollständigen – Überblick bietet die Facebook-Seite „Gedenkveranstaltung Operation Nordwind“.

Friedrich Wein schlägt eine kleine Rundfahrt vor, die mit dem Besuch des Westwallmuseums in Bad Bergzabern (samstags und sonntags jeweils von 13 bis 17 Uhr geöffnet) beginnt und dann über das Fort de Schoenenbourg in Hunspach (samstags und sonntags von 9.30 bis 11 Uhr und von 14 bis 16 Uhr geöffnet) nach Hatten führt, wo am Samstag und Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr durch die Casematte Esch geführt wird.

nach oben Zurück zum Seitenanfang