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Mehr Raum zum Verweilen

Parkplätze verwandeln sich am „Parking Day“ in Karlsruhe in Cafés, Bühnen und Info-Stände

Am „Parking Day“ verwandeln sich 109 Parkplätze in Karlsruhe in Cafés, Konzertbühnen und Infostände. Ziel des weltweiten Aktionstags ist die Umwandlung der Stadt in eine möglichst autofreie Zone. Wie kommt das an?

Kuchenessen statt Parken: Auf der Straße vor dem Schneideratelier von Marina Petrikat in der Kreuzstraße gibt es am „Parking Day“ Kaffee und Kuchen. Ab Samstag parken dort wieder Autos. Foto: Gundi Woll

Normalerweise stehen am Bordstein rechts und links der Kreuzstraße in der Karlsruher Innenstadt die Autos dicht gedrängt hintereinander. Am Freitag ist das etwas anders. In der Parkplatzlinie tut sich eine autofreie Lücke auf.

Auf mehreren Parkplätzen hat die Schneiderin Marina Petrikat zwischen Blumenhochbeeten Tisch und Stühle für Kaffee und Kuchen vor ihrem Atelier aufgebaut. „Es passiert sehr viel vor dem Laden. Man unterhält sich. Freunde kommen. Nach der Schule sind hier oft Kinder unterwegs“, berichtet sie. „Ohne die Parkplätze gäbe es mehr Platz dafür.“

Es ist „Parking Day“. Seit 2005 gibt es den Aktionstag weltweit an jedem dritten Freitag im September. Das Ziel: weniger Parkplätze und Autos in der Stadt. Und mehr Raum für die Menschen, um sich im Grünen auszuruhen, für gemeinsame Beete, für Fahrräder oder für mehr Sitzflächen für die Gastronomiebetriebe.

109 Parkplätze mussten in diesem Jahr für die Info-Stände, Konzerte, Mitmachaktionen und Spiele in der Karlsruher Innen-, Süd- und Oststadt, sowie Bulach und Durlach weichen. Mit dabei waren 34 Vereine, Initiativen, politische Parteien, Aktivisten, Vertreter der Stadt, Bands, Künstler, Anwohner, Unternehmen und Gastronomiebetriebe. Damit stellen sie einen neuen Teilnehmer-Rekord auf.

Weniger Autos wären schön für das Stadtbild.
Max Pöss, Passant

Auf einem Parkplatz in der Luisenstraße steht ein Kleiderständer. Julia Roth und Max Pöss nutzen den „Parking Day“ für einen kleinen Flohmarkt. „Weniger Autos wären schön für das Stadtbild. Gerade hier in der Südstadt“, sagt Pöss. Schön sei es auch, dass viele Gastronomiebetriebe wegen der Corona-Pandemie auch draußen auf Gehwegen oder Parkplätzen bestuhlen durften, ergänzt Roth. „Ich fände es super, wenn es dafür noch mehr Platz geben würde.“

Die beiden wohnen in der Luisenstraße. Ihr Auto steht in der Tiefgarage. Wenn Parkplätze wegfielen, würde es sie nicht treffen. Ihre Nachbarn, die ihr Auto auf der Straße parken, aber schon. „Ja klar, die haben dann ein Problem“, sagen Roth und Pöss. Viele parkten aber auch ihr Wochenendauto dort, sagt Pöss. „Das muss nicht direkt vorm Haus stehen.“

Autofahrer sollen nicht angeklagt werden

Auf dem Parkplatz nebenan diskutieren Daria Mittmann und Sven Krohlas die ausgestellten Bilder von Künstler Julian Schreiner. „Ich finde es Quatsch, dass öffentlicher Raum für Autos verschwendet wird“, sagt Mittmann. Sie würde gerne die Tokioter Methode in Deutschland einführen: Wer ein Auto kaufen will, muss einen Stellplatz nachweisen.

Ich finde es Quatsch, dass öffentlicher Raum für Autos verschwendet wird.
Daria Mittmann, Passantin

Krohlas ist es wichtig, dass die Autofahrer nicht angeklagt werden. Vielmehr müssten Lösungsansätze konstruktiv diskutiert werden. „Der öffentliche Nahverkehr etwa muss günstiger werden“, sagt Künstler Schreiner. „Wenn ich meine Mutter auf dem Land besuchen will, ist das Auto billiger als das ÖPNV-Ticket. Das darf nicht sein.“

Zumindest die Kurzstreckentarife müssten günstiger werden, fordert Alexa Sinz vom ADAC Nordbaden. „Aus unserer Sicht fehlt es in Karlsruhe an gut erreichbaren und angebundenen Park-and-Ride Parkplätzen.“ Außerdem fordert sie, dass der Preis für einen Parkplatz und die Gebühr für den Anwohnerparkausweis sozialverträglich bleiben müssen. „Nicht jeder kann auf den ÖPNV umsteigen, man denke an ältere Menschen, die keine Haltestelle in zumutbarer Nähe vorfinden“, sagt Sinz.

„Parking Day“ in Karlsruhe: Ideen für autofreien Lidellplatz

Die Preisfrage ist der springende Punkt, findet der Verkehrsexperte Johannes Schell vom Stadtplanungsamt. „Wir haben kein Parkplatzproblem. Das Problem liegt darin, dass die Leute kostenlose Parkplätze direkt vor ihrer Haustüre erwarten.“ Sein Info-Stand ist am Lidellplatz. Eine Stunde parken kostet dort vier Euro. Das findet Schell zu wenig.

Die Tafel neben ihm zeigt eine Fotomontage des Lidellplatzes: Kinder spielen Fußball auf der verkehrsberuhigten Straße. Autoparkplätze gibt es keine mehr. Stattdessen stehen dort Fahrradständer. „Die Anwohner könnten in einer Quartiersgarage parken“, schlägt Schell vor. „Tagsüber sind die mit ihren Autos bei der Arbeit und die Innenstadteinkäufer können dort parken.“

Wir wollen ein Leben ohne eigenes Auto.
Andrea Fromm, Autofrei e.V.

Ein paar Meter weiter haben Mari Daschner vom Umweltzentrum und Andrea Fromm vom Verein Autofrei ihre Klappstühle auf einem Parkplatz aufgeschlagen. „Wir wollen ein Leben ohne eigenes Auto“, sagt Fromm. Wenn es nach ihr ginge, wäre der Lidellplatz eine große Rasenfläche mit Blumenwiese. Sie hat kein Auto, fährt in den Urlaub nach Süditalien mit der Bahn. Von den Leuten, die im Umland wohnen und in Karlsruhe arbeiten oder einkaufen, fordert sie ebenfalls umweltfreundliche Verkehrsmittel zu nutzen.

„Autos sind Statussymbole, SUV Killermaschinen“, sagt Daschner. Ihre Einkäufe erledigt sie mit dem Rad und dem ausgedienten Kinderanhänger. Beim Info-Stand verteilt sie Aufkleber mit der Aufschrift „Scheisse geparkt“. „Das kann ich oft gebrauchen“, ruft Eva Zacharias. „Viele parken egoistisch. Manchmal kommt man mit dem Kinderwagen auf dem Gehweg nicht an den parkenden Autos vorbei.“

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