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Kurprinz besucht Schloss

Peter und Paul: Brettener Artilleriegruppe stellt historische Szenen nach

Ein außergewöhnlicher Anblick bot sich am vergangenen Donnerstag den zahlreichen Besuchern des Heidelberger Schlosses: Etwas aus der Zeit gefallene, hochherrschaftlich gekleidete Figuren lustwandelten durch den Schlossgarten. Neugierige Blicke zog vor allem ein junger Mann im frühneuzeitlichen Prinzengewand auf sich.

Die ideale Kulisse für die Brettener Gewandträger (in der Mitte mit Pokal: Marius Meyerhoff als Kurprinz und links Initiator Heiko P. Wacker als Geschützmeister) bot der imposante Ottheinrichsbau des Heidelberger Schlosses. Das wurde nach der erfolgreichen Belagerung Brettens 1504 militärisch verstärkt. Foto: Sylvia Mutter

Ein außergewöhnlicher Anblick bot sich am vergangenen Donnerstag den zahlreichen Besuchern des Heidelberger Schlosses: Etwas aus der Zeit gefallene, hochherrschaftlich gekleidete Figuren lustwandelten durch den Schlossgarten. Neugierige Blicke zog vor allem ein junger Mann im frühneuzeitlichen Prinzengewand auf sich, auch seine gefährlich anmutende, mit Hellebarden bewaffnete „Leibgarde“ machte großen Eindruck. Doch so recht konnte sich niemand einen Reim darauf machen.

Von unserer Mitarbeiterin Sylvia Mutter
Für die meisten Brettener wäre dieses Rätsel leicht zu lösen gewesen: Keine Frage, es handelte sich um Kurprinz Ludwig, der hier „sein“ Schloss in Augenschein nahm. Eine Zeichnung trug er bei sich, die er im Sommer vergangenen Jahres während des Peter-und-Paul-Festes in Bretten erhalten hatte. Hier nämlich nahm diese nicht ganz alltägliche Aktion ihren Ursprung. In einem szenischen Spiel erhielt er im Lager der Brettener Artillerie Ratschläge, wie er sein Heidelberger Schloss militärisch ausstatten könnte, um einer Belagerung erfolgreich standzuhalten.

Umbau des Heidelberger Schlosses von Bretten inspiriert?

Historiker Heiko P. Wacker kam seinerzeit auf die Idee, dem Kurprinzen, dargestellt von Marius Meyerhoff, eine Art Bauplan mit auf den Weg nach Heidelberg zu geben. „Fakt ist“, so führte Wacker gegenüber den BNN aus, „dass Ludwig direkt nach seinem Amtsantritt damit begann, das Heidelberger Schloss massiv umzubauen. Vielleicht ließ er sich 1504 in Bretten inspirieren.“ Im Sommer dieses Jahres nämlich wurde Brettheim von den Truppen des Herzogs Ulrich von Württemberg belagert, doch die Brettener schlugen den Feind zurück und blieben kurpfälzisch.

"Ohne Leibgarde verlässt der Prinz niemals sein Schloss"

Der interessante Ansatz, den Festbesuchern historische Begebenheiten lebensnah zu vermitteln, führte schließlich zur Idee, den Kurprinzen zu einem Spaziergang auf „sein“ Schloss einzuladen. Selbiges hatte er bis dato noch nicht erkundet, studiert er doch im wahren Leben Wirtschaftspädagogik im benachbarten Mannheim. Und da ein Kurprinz nicht alleine wandelt, erschien er gleich in Begleitung seines Hofstaates, also mit der Brettener Huldigungsgruppe rund um den „Kanzler“, Marsilius von Reiffenberg und Freunden. „Ohne Leibgarde verlässt der Prinz niemals sein Schloss“, versicherte Kanzler Thorsten Schwuchow.
Die Leitung übernahm Heiko P. Wacker, der sowohl über das Heidelberger Schloss promoviert als auch das Standardwerk zum Thema publiziert hat, und selbst passenderweise im zeitgenössischen Gewand eines Geschützmeisters zur Führung bat.

Begehrtes Fotomotiv

Von der Altstadt aus begab sich die Gruppe durch das Friesental zum Hortus Palatinus, um schließlich zum eigentlichen Schlossgeviert zu gelangen. Nicht erst hier erregte die farbenfrohe Gruppe ob ihrer authentischen Gewänder Aufsehen, war ein Publikumsmagnet und begehrtes Fotomotiv für die an diesem sommerlichen Himmelfahrtstag zahlreichen Besucher des Schlosses.
Besonders bei der Damenwelt rief der schmucke Prinz mit seinem Gefolge wahres Entzücken hervor. Der Urheber der ganzen Aktion ließ sich hiervon jedoch nicht beeindrucken. In gewohnt wissenschaftlicher Manier erläuterte Wacker die Besonderheiten der Palastanlage, ging insbesondere auf die Brunnenhalle und den Ludwigspalast ein, beides, wie auch Torturm und Brückenhaus, Hinterlassenschaften Ludwigs.
Den krönenden Abschluss bildete der einzigartige Blick vom Stückgarten auf die Stadt und das sich öffnende Neckartal. Ebendiese beeindruckenden Mauermassen, diese spezielle bauliche Struktur aus Westwall, Dickem Turm und Nordwall, ist auf besagter Zeichnung aus Bretten festgehalten. Dennoch wies Historiker Wacker darauf hin, dass es sich bei dem Plan lediglich um eine charmante Idee handle. „Ob Ludwig wirklich solch eine Zeichnung in Bretten erhielt, ist nicht beweisbar, das darf man nicht vergessen.“

Geschichte wird lebendig

Das Relief am Dicken Turm zeigt Ludwig V. als imposanten, bärtigen Reichsfürsten. Dass dieser bereits in jungen Jahren, als er etwa im Alter des Brettener Protagonisten war, Kriegserfahrung und Inspiration für seine Bauaktivitäten sammeln konnte, daran erinnerte die einzigartige Aktion der Brettener Gewandträger, die auf diesem Wege Geschichte lebendig werden ließen – und in Heidelberg einen bleibenden Eindruck machten. Bemerkenswert ist laut Ansicht der Historiker, dass in diesem besonderen geschichtlichen Zusammenhang eine Figur aus dem Dunkel geholt wurde, die zwar in Bretten, jedoch nicht in Heidelberg omnipräsent ist. Die außergewöhnliche Gegenüberstellung des „gegenwärtigen“ Prinzen mit dem späteren Kurfürsten war denn auch sehr gelungen und beflügelte spürbar die Fantasie der anwesenden Besucher – eine nach Meinung vieler wunderbare Einstimmung auf das nahende Peter-und-Paul-Fest. In knapp einem Monat wird wieder in Bretten dem Kurprinzen gehuldigt.
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