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Protest gegen Corona-Vorschriften

Impfgegner-Demo mit rund 300 Menschen in Walzbachtal-Jöhlingen von der Polizei aufgelöst

Die Frustration und der Ärger einiger Menschen über eine mögliche Impfpflicht sitzen tief, ihre Angst vor der Arznei mischt sich mit Misstrauen gegen die Politik und dem vermeintlichen Verlust der Freiheit. Gut 200 von ihnen haben in Walzbachtal demonstriert.

Mit mehreren Einsatzfahrzeugen ist die Polizei am Donnerstagabend nach Walzbachtal-Jöhlingen gefahren. Dort lösten die Beamten auf dem Kirchplatz eine Versammlung von etwa 200 Impfgegnern auf. Foto: Holger Keller

Mit einem Großaufgebot an Beamten hat die Polizei am Donnerstagabend eine Veranstaltung von Impfgegnern und Querdenkern in Walzbachtal-Jöhlingen aufgelöst.

Gegen 18 Uhr hatten sich zahlreiche Menschen auf dem Kirchplatz der Gemeinde zusammengefunden, um gegen eine mögliche Impfpflicht und gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie zu demonstrieren. Die Polizei korrigierte am Freitagvormittag ihre Angaben von 200 auf etwa 300 Teilnehmer. Angekündigt wurde die Veranstaltung auf Facebook unter anderem als Lichterkette von Menschen, die „selbst denken und sich trauen, Gesicht zu zeigen“.

Die Menschen kamen dabei nicht nur aus Walzbachtal, sondern auch aus den umliegenden Gemeinden. Ihnen gemein das Misstrauen gegen den Staat und die auferlegten Sanktionen für Nicht-Geimpfte. „Wir zeigen Präsenz“, erklärte eine Teilnehmerin.

Wir stehen ein gegen die weitere Spaltung der Gesellschaft.
Teilnehmer bei der Veranstaltung

Wie die meisten Menschen vor Ort wollte auch sie ihren Namen gegenüber den BNN nicht nennen. „Wir wollen die Angst minimieren und stehen ein gegen die weitere Spaltung der Gesellschaft“, so ein anderer Teilnehmer.

Teilnehmer in Jöhlingen sprechen von „Verbrechen an der Menschheit“

Die Veranstaltung ist ruhig. Die Menschen halten Lichter, unterhalten sich. Zwei oder drei haben sich Lichterketten um die Schultern gelegt, Kinder tollen zwischen den Erwachsenen. Die Ruhe täuscht. Der Ärger und die Wut sitzen tief bei den Menschen.

Die Vorwürfe an die Politik sind keine geringen: Es handle sich um „Verbrechen an der Menschheit“, so die Anschuldigungen, die auf dem Kirchplatz viele der Anwesenden teilten. Die Todeszahlen seien übertrieben, so ein anderes Argument. „Wir arbeiten im Krankenhaus, ich bin dort in der Verwaltung tätig“, erklärt sich eine Frau im Gespräch.

Es kommt auch zu Gesprächen und Diskussionen zwischen Impfskeptikern und bereits geimpften Personen. Ein paar der Menschen, die auf dem Weg zum Gottesdienst in der Gemeinde St. Martin sind, passieren die Veranstaltung. „Was ist das hier für eine Veranstaltung?“, fragt ein Passant. „Wir setzen ein Zeichen gegen die Impfpflicht.“, „Aha.“

Nicht jeder hat die Muse, sich auf ein Gespräch mit den Teilnehmern der Lichterkette einzulassen. Spätestens, wenn sich im Gespräch auf die angeblichen Nebenwirkungen der Impfungen eingelassen wird, gehen Unbeteiligte wieder ihres Weges.

Wenige Minuten vor dem Polizeieinsatz standen die Teilnehmer der Veranstaltung noch entlang der Jöhlinger Straße um gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und eine mögliche Impfpflicht zu demonstrieren. Foto: Holger Keller

Einer der Anwohner am Kirchplatz steht an seiner Toreinfahrt. Die Veranstaltung kommt für ihn überraschend. Der Senior erklärt: „Ich habe meine dritte Impfung bekommen, ich fühle mich gut.“ Die Menschen, die dort demonstrierten, seien doch lediglich gegen den Staat. „Die sollen mal in die Krankenhäuser schauen“, urteilt er. „90 Prozent der Menschen auf der Intensivstation sind nicht geimpft“, sagt er.

Ein paar Meter weiter steht ein junger Mann mit Hund. Er schaut sich um, blickt immer wieder auf die vielen Menschen. Er wisse auch nicht, warum hier so viele Leute seien. Er wolle sich lediglich einen Hamburger vom Imbisswagen holen, der neben dem festlich leuchtenden Tannenbaum Quartier bezogen hatte, wie jeden Donnerstag. Derweil driften die Teilnehmer der Lichtkette Richtung Jöhlinger Straße. Sie stehen dort Spalier, während Autos langsam an ihnen vorüberziehen. Ein paar hupen, wohl als Sympathiebekundung.

Polizei beendet Querdenker-Demonstration in Walzbachtal-Jöhlingen

Gegen 19 Uhr geht es dann recht schnell. Mehrere Einsatzfahrzeuge fahren an den Platz, Beamte in Uniform steigen aus. Jeder ohne Maske wird kontrolliert – Personendaten werden festgestellt, eine Anzeige wegen einer Ordnungswidrigkeit wird ausgestellt. Danach kommt der Platzverweis.

Da die Veranstaltung bei den Behörden nicht angemeldet war und sich auch kein Versammlungsleiter zu erkennen gab, lösten die Beamte die Demonstration auf. Auch, da die Teilnehmer nicht den Mindestabstand einhielten und die allermeisten keine Maske trugen.

Manch einer belügt die Polizei

Nicht jeder will dem Folge leisten. Ein großgewachsener, älterer Mann wird vorübergehend in Gewahrsam genommen, zwei Beamte führen ihn ab „Hilfe....Hilfe...Hilfe“ ruft er. Es ändert nichts an der Maßnahme. Einige der Teilnehmer geben falsche Personendaten an oder weigern sich, sie herauszugeben. „Wir wären viel schneller fertig ohne die“, sagt Gustav Zoller, Einsatzleiter der Polizei. In Jöhlingen sei es die erste Veranstaltung dieser Art gewesen, aus anderen Orten kenne man das aber schon.

Gegen halb acht ist es ruhig, die allermeisten Menschen sind weg. Nur ein paar Hungrige stehen noch für Hamburger an. Unter einem Laternenpfahl steht Daniel, der seine beiden Hunde nochmal vor die Tür geführt hat. „Ich verurteile niemanden, der sich nicht impfen lässt. Es ist eine persönliche Entscheidung. Aber ich habe schon zwei mal erlebt, wie Corona kerngesunde Menschen dahingerafft hat. Einfach so, während es andere nicht einmal spüren. Es ist einfach ein heimtückisches Virus.“

Drastischere Worte findet Sabine Reiser aus Walzbachtal. Im Februar diesen Jahres starb ihr Mann an Corona. „Was am Donnerstagabend von den Teilnehmern gesagt und behauptet worden ist, ist für mich und die Angehörigen anderer Opfer ein Schlag ins Gesicht“, sagt sie.

Unverständnis und Wut gegenüber denen, die demonstriert haben, klingen durch. Was hätte sie denn den Menschen auf dem Kirchplatz gesagt? „Dass ihr euch schützen könnt, die Impfung ist die Chance, sich zu schützen. Und solche Menschen liegen dann auf der Intensivstation, weil sie sich nicht haben impfen lassen.“

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