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Seltsame Weihnachten

Plastiktanne in Montevideo

Im Frühjahr 1966 hatte es mich mit meiner Familie aus beruflichen Gründen nach Uruguay verschlagen. In der Hauptstadt Montevideo kamen wir, bis wir eine Wohnung fanden, in der Pension Meyer unter.

Tugendhaft ging es im Haus in Montevideo zu: Das erkannte Heinz Rühmann im gleichnamigen Film. Auch unser Leser Wolfgang Spieker erinnert sich gern an ein Weihnachtsfest in einem Haus in Montevideo. Foto: imago stock&people imago/United Archives

Das Ehepaar Meyer, die Eigentümer, war in den dreißiger Jahren vor den Nazis von Wien nach Südamerika geflohen. Wir hatten uns schnell angefreundet. Daher erhielten wir eine Einladung für Heiligabend.

Der Hausherr saß im Rollstuhl, so dass Frau Meyer die Feier allein organisierte. In dem hohen Altbau-Wohnbereich, gleich hinter der Eingangstür, befand sich auf einem Tisch ein Weihnachtsbaum, etwa 1,80 m hoch – aus Plastik, aber mit echten Wachskerzen, die sich noch nicht bogen.

Weihnachten fällt auf der Südhalbkugel der Erde bekanntlich in die Hochsommerzeit. Es war also an dem Abend sehr warm. Bei Kerzenschein und mit deutschen Weihnachtsliedern kam vertraute Stimmung auf. Wir hatten kaum die Geschenke ausgetauscht und begutachtet, als wir ein Zischen vernahmen: der Plastikbaum brannte lichterloh. Wir Gäste waren starr vor Schreck.

Die Hausherrin hingegen griff zu einem Tuch, legte es sich über den Arm, ergriff den Baum am unteren Ende, trug ihn durch die große Tür nach draußen und kam zurück. „Meine Bewunderung, Frau Meyer“, rief ich, „das nenne ich Geistesgegenwart!“ – „Wieso Geistesgegenwart?“, antwortete sie ruhig. „Das mache ich jedes Jahr so.“

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