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Häufiger Pollenflug

Wie ein Karlsruher Arzt das Problem einstuft und welche Rolle das KIT spielt

Baumpollen fliegen früher und Gräser blühen später. Für Allergiker nehmen die Beschwerden immer mehr zu. Im Kalender gibt es kaum mehr Tage, an denen keine Pollen fliegen.

In diesem Jahr haben manche Baumarten ein Mastjahr, in dem sie besonders viele Früchte trügen. Die Folge: überdurchschnittlich ausgeprägter Pollenflug.
In diesem Jahr haben manche Baumarten ein Mastjahr, in dem sie besonders viele Früchte trügen. Die Folge: überdurchschnittlich ausgeprägter Pollenflug. Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Heike Vogel blickt mit Spannung auf die Pollenflugvorhersage. Sie hatte maßgeblichen Anteil daran, dass in den vergangenen acht Jahren die Arbeit an einem Modell intensiviert wurde, das den Flug von Pollen vorhersagen kann.

Mittlerweile wird das Modell des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) vom Deutschen Wetterdienst (DWD) genutzt und ist für Allergiker relevant. „Es ist nun möglich den Pollenflug für die nächsten fünf bis sechs Tage vorherzusagen“, sagt Vogel, die am Institut für Meteorologie und Klimaforschung des KIT arbeitet.

Derzeit verschaffen die winterlichen Temperaturen Allergikern zwar eine Pause von ihrem Leid, doch auch wenn es im Februar noch kühl ist, hat die Pollensaison 2023 laut Fachleuten bereits begonnen. Matthias Werchan von der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) spricht von einem Paukenschlag zwischen Silvester und Neujahr, als es bis zu 20 Grad warm gewesen sei.

Durch die niedrigen Temperaturen seit Mitte Januar habe sich die Lage nun beruhigt. Doch wie sich der Pollenflug verändert hat, zeigt ein Kalender des PID, der kommende Woche erscheint. Baumpollen fliegen früher, Gräser blühen später und fliegen bis in den Herbst hinein. Nur im November ist eine kleine Lücke ohne Pollenvorkommen.

Hautarzt aus Karlsruhe beobachtet Phänomen länger

Für Gerhard Krull, Hautarzt in Karlsruhe, ist dies kein neues Phänomen: „Ich habe die Beobachtung bereits ein Jahr zuvor gemacht“. Er verfolge seit längerem, dass besonders Erlen und Hasel immer früher blühen und sich Patienten deshalb bei ihm melden. „Viele Patienten, die früher im Februar gekommen sind, kommen nun im Januar“, stellt er fest.

Augentränen, Niesreiz, Fließschnupfen, Husten und Abgeschlagenheit seien die häufigsten Symptome. Er rät Allergikern, sich bei Sonnenschein und Wind zurückzuhalten und auf lange Spaziergänge zu verzichten. Der Arzt vermutet, dass der Klimawandel dabei eine Rolle spielt und sich deshalb das Verhalten der Pollen verändert hat.

Gestützt wird die Vermutung von Christina Endler vom DWD in Freiburg. Sie berichtet, dass phänologische Beobachtungen ergeben haben, dass die Haselblüte im Vergleichszeitraum zwischen 1991 bis 2020 zu 1961 bis 1990 im Mittel um 17 Tage früher einsetzte. Somit hat sich die Blüte von Ende Februar auf Anfang bis Mitte Februar verschoben. In diesem Jahr setzte die Blüte bereits Anfang Januar ein. Die Blüte der Esche hat sich im selben Zeitraum um 13 Tage nach vorne verschoben und die der Schwarzerle um zwölf Tage.

Während die Ambrosia-Pflanze in den 80er Jahren laut Endler kaum eine Rolle gespielt hat, zählt sie nun zu den stärksten Allergieauslösern. Auffällig sei, dass Birke und Ambrosia beim Ferntransport mehrere hundert Kilometer zurücklegen. Bei entsprechender Wetterlage können Ambrosia-Pollen aus Ungarn oder Serbien in den Südwesten der Republik gelangen. Birkenpollen werden aus Skandinavien nach Norddeutschland transportiert. Zudem sei der Oberrheingraben mit seinen hohen Temperaturen geeignet für ein früheres Wachsen der Pflanzen und begünstige den Pollenflug.

Bäume produzieren mehr Pollen

Der PID-Vorsitzende, Allergologe Karl-Christian Bergmann, beschreibt, dass Fachleute beobachten, dass sich die Zeiten, in denen die letzten Pollen der Vorsaison verschwinden und die ersten der neuen Saison auftauchen, beinahe überschneiden.

Dies führt dazu, dass Menschen die gegen Baum- und Gräserpollen allergisch sind, über einen längeren Zeitraum mit Beschwerden rechnen müssen. Hinzu kommt: Bäume produzieren die Pollen nicht mehr in schwankenden Mengen - die Menge ist gleichbleibend hoch. Der PID erklärt dies mit dem Stress, dem die Bäume ausgesetzt sind. Diese versuchen, ihre Art zu erhalten, indem sie mehr Pollen bilden.

Aussagen über Pollenflüge lassen sich in Zukunft noch besser treffen

Seit 1983 betreibt der PID ein Messnetz, um Pollen-Konzentrationen in der Luft zu untersuchen. Die Daten werden von 35 bis 40 Standorten in Deutschland eingezogen und fließen in die Pollenvorhersagen des Deutschen Wetterdienstes ein.

Die neue Pollenvorhersage ist erst seit April 2022 in Deutschland im Einsatz und wurde von den nationalen Wetterdiensten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen mit dem KIT entwickelt. Basis ist ein am KIT entwickeltes Ausbreitungsmodell, das an das derzeit operationelle Wettervorhersagemodell des DWD gekoppelt ist.

Laut Heike Vogel war die bisherige Vorhersage wenig detailliert und unsicher. Durch das neue Modell sei es möglich, die Blühbereitschaft der Pflanzen zu berechnen. Bei der Freisetzung der Pollen spielen Temperatur, Wind und die Strömungsverhältnisse eine Rolle.

Vogel ist sich sicher, dass die Messungen in der Zukunft noch genauer werden. Während die Pollen bisher auf Filter gesammelt wurden, werde derzeit am Aufbau einer automatischen Sammelanlage gearbeitet. Inwiefern Feinstaub und Stickoxyde die Pollen beeinflussen, lasse sich durch das Modell nicht sagen.

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