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Kontrollen und Beleidigungen

Rassismus im Alltag: Betroffene aus der Region erzählen ihre Geschichte

Rassismus ist nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA ein Thema. Auch in Baden leiden viele Menschen immer wieder darunter. Das sind ihre Geschichten.
14 Minuten

Wir haben betroffene Menschen aus der Region gebeten, von ihren Erlebnissen mit Rassismus zu erzählen. In diesem Artikel haben sie das Wort.

Rassismus im Alltag bleibt oft im Verborgenen. Die Betroffenen schweigen über die Geschehnisse. Trauen sich nicht, darüber zu sprechen. Viele Menschen gehen so davon aus, dass es immer weniger rassistische Diskriminierungen gibt. Dem ist nicht so.

Trotzdem stellten wir bei den Recherchen zu diesem Artikel fest, wie schwer es ist, Menschen zu finden, die über Rassismus in ihrem Alltag öffentlich sprechen möchten. Auf Aufrufe meldeten sich nur sehr wenige Betroffene. Nachfragen im Bekanntenkreis blieben oft ergebnislos. Wer mit uns sprach, wollte häufig seinen Namen nicht nennen oder nicht mit Bild im Artikel erscheinen. Viele befürchten, dass mit mehr Aufmerksamkeit auch mehr Hass einhergeht.

„Generell ist der Umgang mit Rassismus immer individuell, Personen lernen früh, Schutzmechanismen aufzubauen, um Verletzungen nicht so nah an sich heranzulassen“, erklärt auch Anette Ganter, die Leiterin der Diskriminierungsstelle in Karlsruhe.

Rassismus geschehe Ihrer Meinung nach alltäglich. Auch wenn einzelne Erfahrungen nicht immer gravierend sein müssen. „Das ist vergleichbar mit einem Mückenstich“, so Ganter. „Aber wenn jemand 100 Mal am Tag gestochen wird, hat das Folgen für die Gesundheit und das alltägliche Leben.“

Das sind elf Geschichten von Menschen, die zeigen: Rassismus ist noch immer ein alltägliches Problem:

Alicia aus Bruchsal: „Er trat gegen meinen Rollstuhl und nannte mich N****krüppel.“

„Mein Name ist Alicia. Ich bin 16 Jahre alt und obwohl ich Deutsche bin, bin ich es in den Augen vieler wohl doch nicht. Denn meine Hautfarbe ist nicht weiß. Meine Mutter ist Deutsche. Meine Großeltern und Urgroßeltern auch. Mein Vater ist afrikanischer Herkunft.

In der Grundschule wurde ich an den Haaren gezogen. Ich wurde beleidigt und beschimpft. Ich sei hässlich, weil ich braun sei, sagten sie. Auch auf dem Spielplatz gab es Probleme. Ich wurde beschimpft, ausgegrenzt und einmal sogar von einem Erwachsenen bespuckt. Klar, es waren nur Einzelfälle, aber auch diese häuften sich.

Ich fing an, mich für mein Aussehen zu schämen. Es gibt auch immer wieder fremde Leute, die es angeblich nicht böse meinen. Sie sagen, wie süß doch ‚Schokobabys‘ seien und fassen dir einfach mal ungefragt beim Vorbeigehen in die Haare, weil sie wissen wollen, wie die sich anfühlen.

Die 16-jährige Alicia aus Bruchsal ist deutsch. Trotzdem wird sie wegen ihres Aussehens immer wieder Opfer von Rassismus. Foto: privat

Als ich einmal mit meiner Mutter einkaufen war, stellte sich ein Mann hinter uns und fing an über mich zu schimpfen. Ich hörte: ‚Dreckiger N****, scheiß N****, die stinken.‘ Er würde in so einem Laden nicht mehr einkaufen wollen, wo so viel Dreck rumläuft, sagte er.

Es tut wirklich weh, solche Beleidigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen zu müssen.
Alicia, Bruchsal

Letztes Jahr im November hatte ich eine Bein-OP und saß im Rollstuhl. Ich wurde als ‚hässlicher N****krüppel‘ beleidigt von einem Mann, welcher mir dann auch gegen den Rollstuhl trat.

Es tut wirklich weh, solche Beleidigungen und Beschimpfungen über sich ergehen lassen zu müssen. Und wer sagt, es gäbe keinen Rassismus hier bei uns, liegt falsch. Viele bekommen es aufgrund ihrer weißen Hautfarbe einfach nur nicht mit, weil sie deswegen nicht angefeindet werden. Aber nicht nur mir, sondern vielen anderen geht es genau so.“

Yousif Haas aus Schwanau: „Zu meiner Verwunderung haben Sie sonst niemanden kontrolliert“

Ich bin seit 1987 in Deutschland, habe zwei Berufsausbildungen erfolgreich abgeschlossen, bin Dolmetscher bei Behörden, Gerichten, Polizei, Dolmetscher-Pools im Ortenaukreis und Kreis Rastatt. Ich habe auch beim Landratsamt Offenburg im Bereich Beratung und Betreuung von Flüchtlingen und im Bundesfreiwilligendienst gearbeitet. Trotzdem habe ich viele rassistische Erfahrungen durchgemacht.

Das letzte Mal war am 2. Juni 2020: Ich war im Stadtgarten Offenburg. Ich saß auf einer Bank, als zwei Polizeibeamte in zivil kamen und mich nach meinen Personalien fragten. Sie fragten mich, warum ich in Offenburg sei, obwohl ich in Schwanau wohne. Ich fragte sie, höflich, ob das verboten sei. Sie verneinten das. Dann habe ich sie gefragt, warum sie mich kontrollieren. Ihre Antwort lautete: Drogenkontrolle. Ich habe es akzeptiert.

Auch Yousif Haas aus Schwanau hat Rassismus im Alltag erlebt. Foto: privat

Danach sind sie mit ihren Fahrrädern weitergefahren. Zu meiner Verwunderung haben sie sonst niemand anderen kontrolliert, obwohl viele Menschen im Park waren. Männer und Frauen. Aber außer mir war niemand schwarz. Ich wollte sie stoppen, um zu fragen, warum sie nur mich kontrolliert haben und alle anderen nicht. Aber sie waren zu schnell weg.

Was mich auch geärgert hat: Als die Polizisten mich im Stadtgarten gesehen haben, war das erst, nachdem sie mit ihren Fahrrädern an mir vorbei gefahren sind. Sie sind noch einmal umgekehrt, als ob sie ihre Beute gefunden hätten. Das war das aktuellste, was ich erlebt habe. Es gibt aber noch eine Menge ältere Erfahrungen.

Emmanuel Gavi aus Bruchsal: „Was mir passiert ist, erfuhr ich aus der Zeitung.“

„Es geschah vor über 10 Jahren. Ich bin am Samstag, den 17. Oktober 2009 um 23 Uhr nach Karlsruhe in die Diskothek gegangen. Ich war allein unterwegs. Es war viel los in der Diskothek. Ich war irgendwann müde und habe beschlossen, nach zu Hause zu gehen. Da war es schon 1 Uhr morgens.

Ein Diskoabend endete für Emmanuel Gavi im Krankenhaus in Karlsruhe. Foto: privat

Ich ging zur Haltsstelle in der Erzbergerstraße und wartete dort allein auf meine Bahn. Die Haltestelle ist nur ein paar Meter von der Discothek entfernt. Dann erinnere ich mich an nichts mehr.

Ich bin im Krankenhaus in Karlsruhe wach geworden.
Emmanuel Gavi, Bruchsal

Ich bin im Krankenhaus in Karlsruhe wach geworden. Vielleicht kann mir jemand helfen die Lücke in meinem Gedächtnis zu füllen. Ich kann mich bis heute nicht mehr erinnern. Es ist auch vielleicht besser so. Am Montag, den 19. Oktober 2009 stand in den BNN ein Bericht über das, was mir passiert ist:

Das ist eine grausame Tat, ähnlich dem, was jetzt in Amerika passiert ist. Sowas wünsche ich keinem Menschen. Mir wurde nichts gestohlen, aber ich gehe davon aus dass der Täter mich nicht gemocht hat. Sie wissen, was ich damit meine.

Ein Diskoabend endete für Emmanuel Gavi im Krankenhaus in Karlsruhe. Foto: privat

Es wurde Zeugen gesucht, aber der Polizist hat vergessen zu erwähnen, dass ich schwarz bin. Vielleicht hätte man dadurch den Täter finden können. Ich verurteile den Polizist nicht, er hat mich mit Respekt behandelt, als wir uns ein paar Tage später getroffen haben. Ich frage mich aber manchmal, ob der Vorfall damals auch dann in der Zeitung erschienen wäre, wenn drin gestanden hätte, dass das Opfer ein Farbiger ist?”

Madou Diallo, Lehrer, lebt in der Karlsruher Oststadt: „Wenn niemand etwas erzählt, glauben die Leute, dass es nicht passiert.“

„Ich bin 2007 von Guinea nach Deutschland gezogen. Erst habe ich in Grötzingen gewohnt. Inzwischen lebe ich in der Karlsruher Oststadt. Vor Kurzem war ich dort mit dem Fahrrad unterwegs. Um auf die Fahrradstraße zu kommen, muss man an einer Stelle kurz über den Fußgängerweg fahren.

Ein älteres Ehepaar sah mich dabei und ich hörte im Vorbeifahren, wie der Mann zu seiner Frau sagte: ‚Schau mal, der N**** fährt auf dem Fußgängerweg.‘ Daraufhin fuhr ich zurück und stellte das Paar zur Rede. Der Mann sagte: ‚Mir ist das scheißegal, was du sagst. Das ist eine deutsche Straße.‘

Ich hielt dagegen, sagte, diese Straße sei für alle da. Aber er verneinte das weiterhin. Seine Frau unterstützte ihn dabei. Immer wieder rief sie, ich solle mich verpissen. Als N**** hätte ich nichts zu sagen. Irgendwann liefen die beiden dann einfach weiter.

Vor vier Wochen war ich in der Waldstadt auf dem Weg zur Bahn. Ich unterrichte dort als Lehrer. Ein älterer Herr lief hinter mir her und sang die ganze Zeit laut ‚Kunta Kinte, Kunta Kinte‘ (höhnische Anspielung auf eine Sklavenfigur im Roman „Roots“ von Alex Haley, Anm. d. Red).

Über 50 Meter lief er so hinter mir her. Manchmal stellte er sich mir dabei in den Weg. Er stieg auch hinter mir in die Bahn ein und stellte sich dort hinter mich. Niemand von den Fahrgästen in der Bahn hat darauf reagiert. Alle taten so, als hätten sie nichts gehört. Auch ich habe den Mann ignoriert.

Solche Dinge passieren öfter, wenn es keine Zeugen gibt. Aber es geschieht auch so. Ich war einmal mit einem Kollegen in der Bahn unterwegs. Da trat mir eine Frau gegen das Schienbein und sagte, einen Menschen wie mich wolle man hier nicht haben. Mein Kollege wurde dabei richtig sauer. Ich habe versucht, ihn zu beruhigen.

Mein Pflegebruder wurde von einem Busfahrer einmal ‚Affe‘ genannt.
Madou Diallo, Karlsruhe

Es hilft häufig nichts, wenn wir versuchen, uns zu wehren. Mein Pflegebruder wurde von einem Busfahrer einmal ‚Affe‘ genannt. Als er daraufhin die Polizei rief, wurde fast ausschließlich er kontrolliert und befragt. Der Busfahrer war außen vor. Wenn niemand da ist, der Zeuge ist und bereit ist, darüber zu sprechen, dann steht Aussage gegen Aussage. Dann hat man keine Chance.

Es sind nur verhältnismäßig wenige Menschen, die solche Dinge tun. Aber solche Vorfälle passieren trotzdem häufig. Ich erlebe Tausende solcher Dinge in unregelmäßigen Abständen. Aber wenn niemand etwas erzählt, glauben die Leute, dass es nicht passiert. Dabei passiert es nur ihnen nicht.“

Mohamed Farah aus Karlsruhe: „Ich kann meine Hautfarbe nicht ändern“

„Ich lebe seit 25 Jahren in Deutschland. Ich wohne in Karlsruhe, habe eine Frau und eine Tochter. Trotzdem fühle ich mich, als ob ich nicht dazugehöre. Wenn ich nach Hause komme, ziehen die Nachbarn ihre Kinder von mir weg. Wenn ich sie grüße, grüßen sie mich nicht zurück.

Es war aber auch schon schwer, überhaupt eine Wohnung zu finden. Sobald man mein Gesicht sieht, heißt es, die Wohnung sei schon vermietet. Oder man fragt mich, wie ich überhaupt die Miete bezahlen will. Habe ich dann eine Wohnung, versuchen mich Nachbarn wieder hinauszuekeln. Sie rufen die Polizei, weil ich angeblich zu laut Musik hören würde. Wenn sie irgendwo Müll herumliegen sehen, denkt man sofort: ‚Der Schwarze hat das gemacht‘.

Mohamed Farah aus Karlsruhe engagiert sich auch immer wieder auf Demonstrationen gegen Rassismus. Foto: privat

Auf der Arbeit behandeln mich die meisten, als ob ich ein Analphabet wäre. Als wäre ich behindert und könnte den anderen nicht folgen. Die Mitarbeiter behandeln mich, als ob ich niemand wäre.

Dafür werde ich von der Polizei oder von Kontrolleuren in der Bahn umso mehr beachtet. Es kann sein, dass ich am Tag zwei bis drei Mal nach meinem Ausweis gefragt werde. Egal wie viele Menschen sonst noch in der Nähe sind. Ich werde dann aus der Menge herausgepickt.“

Julian Howard, Weitspringer aus Karlsruhe: „Mein Umfeld zeichnet sich durch Vielfalt aus. Mir ist jedoch bewusst, dass dieses Glück nicht jedem in selbem Ausmaß vergönnt ist.“

Ich hatte das Glück, dass ich in einem sehr aufgeschlossenen und heterogenen Umfeld in Mannheim groß geworden bin und meiner Erinnerung nach nie direkt mit Rassismus konfrontiert wurde.

Es waren vielmehr kleine Bemerkungen, die größtenteils sicherlich nicht mit böser Absicht geäußert wurden oder Fragen die gestellt wurden, die erahnen ließen, dass es nach wie vor „besonders“ war, eine andere Hautfarbe zu haben.

Julian Howard, Weitspringer und gebürtiger Mannheimer, startet seit 2012 für die LG Region Karlsruhe. Foto: imago-images

Ich habe mich davon jedoch nie verunsichern lassen oder es den entsprechenden Personen übel genommen. Ich habe es eher als Interesse aufgefasst. Einige wenige unschöne Situationen gab es sicherlich. Jedoch keine, die mir nachhaltig in Erinnerung geblieben sind.

Auch jetzt hier in Karlsruhe zeichnet sich mein Umfeld durch Vielfalt und Offenheit aus. Mir ist jedoch bewusst, dass dieses Glück nicht jedem in selbem Ausmaß vergönnt ist.”

Ahmed Abdi aus Karlsruhe: „Der Vermieter sagte: ‚Ich dachte, da kommt ein richtiger Deutscher.’“

„Ich bin Mitarbeiter bei der Deutschen Bahn. Einmal wurde ich für einen Auftrag nach Offenburg geschickt. Als Angestellter bei der Bahn habe ich ein Mitarbeiterticket, ein Freifahrtticket sozusagen. Im Offenburger Nahverkehr wurde ich von einem Schaffner kontrolliert. Ich habe ihm meine Fahrkarte gezeigt, aber er hat mir nicht geglaubt, dass ich wirklich ein Bahn-Mitarbeiter bin. Er rief die Polizei.

Als die Polizisten kamen, fotografierten sie meine Fahrkarte, meinen Betriebsausweis, meinen Personalausweis. Dann riefen sie meinen Arbeitgeber an, um sich dort zu versichern, dass ich wirklich dort arbeite. Erst als mein Chef sagte, dass das stimmt, durfte ich meinen Weg fortsetzen.

Auch bei der Wohnungssuche gibt es immer Probleme.
Ahmed Abdi, Karlsruhe

Auch bei der Wohnungssuche gibt es immer Probleme. Ich habe mich auf eine Wohnung beworben und dabei meine deutschen Papiere angegeben. Daraufhin wurde ich zur Besichtigung eingeladen. Als ich aber in der Wohnung ankam und der Vermieter mich sah, sagte er: ‚Ich habe gedacht, es kommt ein richtiger Deutscher‘.

Ich lebe jetzt 30 Jahre hier mit meiner Familie in Karlsruhe. Aber wir fühlen uns im Stich gelassen.“

Zweifache Mutter aus Bühl: „Immer wieder hieß es: Geht doch in euer Land zurück!“

„Wir sind eine vierköpfige Familie türkischer Abstammung. Unsere Kinder sind fünf und zwei Jahre alt. Vor knapp zwei Jahren sind wir in diese Straße gezogen. Mein Vater hat das Haus komplett gekauft, wir wohnen als Mieter im Erdgeschoss. Da unsere Straße so eng ist, dass die Müllautos dort nicht hineinfahren können, müssen wir die Mülltonnen immer durch die Gasse nach oben an die Straße bringen.

Einmal wurde der Müll allerdings nicht geleert. Vielleicht war etwas Falsches drin, ich weiß es nicht. Als ich abends nach Hause kam, schrie mich unsere Nachbarin an. ‚Warum wird der Mülleimer nur bei Ihnen nie geleert?‘, fragte sie. Das komme ja immer nur bei unseren Landsleuten vor. Sie warf mir vor, absichtlich etwas Falsches in den Müll geworfen zu haben. Dabei ist das doch absurd.

Immer wieder beschweren sich die Nachbarn auch über unsere Kinder. Die seien zu laut, heißt es immer. Vor einer Weile waren meine Kinder draußen. Ich habe sie durch das Fenster beobachtet. Bei den Nachbarn waren die Enkel zu Besuch und mein Sohn wollten mit Ihnen über den Zaun hinweg spielen. Die Großmutter und die Mutter der Nachbarskinder haben sie aber von meinem Sohn weggezogen.

Immer wieder hören wir: ‚Geht doch endlich weg aus diesem Drecksloch. Bevor ihr da wart, war alles schön. Was seid ihr für Menschen? Geht doch in euer Land zurück.‘ Dabei fühle ich mich doch hier zu Hause. In der Türkei liegt nur meine Abstammung. Das finde ich schade.“

Mustapha Amadu, Profiboxer, lebte ein Jahr lang in Karlsruhe: „Taten machen einen zu einem guten Menschen. Nicht die Hautfarbe.“

„Ich habe ein Jahr lang in Karlsruhe gelebt. Später zog ich in ein Dorf in der Nähe von Aachen. Ich musste jeden Morgen den Zug nehmen, um in die Stadt zu kommen. Ein Mal war ich spät dran und musste rennen. Da kam mir ein Polizeiwagen entgegen, die Straße war ansonsten völlig leer.

Etwa zehn Meter vor mir drückte der Polizist aufs Gaspedal und fuhr in meine Richtung. Ich musste ein Stück nach hinten springen. Etwa zwei Meter vor mir kam das Polizeiauto zum Stehen. Ich und der Polizist haben uns durch die Windschutzscheibe angesehen.

Er sah geschockt aus, als könne er selbst nicht glauben, was er gerade gemacht hat. Er fuhr dann einfach weiter. Aber er dachte sich wohl: Ein Schwarzer, der morgens durch die Straße rennt, der hat etwas verbrochen.

Mustapha Amadu ist Profiboxer und hat eine Zeit lang in Karlsruhe gelebt. Auch er erlebt Rassismus in seinem Alltag. Foto: privat

Das ist das Bild, das häufig von Schwarzen vermittelt wird. Kommt ein Schwarzer in einem Film vor, hat er oft die Rolle eines Kriminellen. Das setzt sich in den Köpfen der Menschen fest. Man muss kein überzeugter Rassist sein, um sich rassistisch zu benehmen. Einmal wurde ich von jemandem gefragt: ‚Kannst du Affengeräusche machen?‘ Die Leute haben ein falsches Bild.

Der Konflikt ist: Menschen gegen Rassisten.
Mustapha Amadu, Profiboxer

Ich bin mit elf Jahren aus Ghana nach Deutschland gekommen und habe hier zum ersten Mal Erfahrung mit Rassismus gemacht. Da war ich schon älter. Aber Freunde von mir, die schon als Grundschüler hier waren, haben als so kleine Kinder von ihren Lehrern Dinge wie ‚du schwarzes Drecksstück‘ hören müssen.

Man kann nicht erklären, wie sowas ist, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Aber der Konflikt ist nicht ‚Weiß gegen Schwarz‘. Der Konflikt ist: Menschen gegen Rassisten. Es sind die Taten, die einen zu einem guten Menschen machen. Nicht die Hautfarbe.“

Ein Mann aus Karlsruhe: „Immer muss ich meine Unschuld und Glaubwürdigkeit beweisen“

„Rassismus begleitet mich seit meiner frühesten Kindheit. Er begegnete mir durch Mitschüler, die mich ärgerten, Lehrer und Hausmeister die mich beleidigten. Kollegen die mir erklärten, dass gewisse Musikgenres nur für weiße Menschen bestimmt seien. Ärzte die mich nicht behandeln wollten. Jobs, die ich nicht bekam, weil die Stelle nur ‚Deutschen‘ vorbehalten war.

Und immer wieder muss ich Kontrollen durch Polizei oder Sicherheitsbeamte über mich ergehen lassen. Auch Kontrollen in der Bahn oder in Eingangsbereichen. Wo die meisten einfach durchgewunken werden, muss ich grundsätzlich mit einer Kontrolle rechnen. Außerdem werde ich als Schwarzer oft besonders lange und gründlich kontrolliert.

Ich bin in Deutschland, in Karlsruhe, geboren und aufgewachsen und kenne auch nur die deutsche Kultur wirklich gut. Trotzdem ist dies eine Welt, in der ich immerzu meine Unschuld und meine Glaubwürdigkeit beweisen muss. Ich könnte ein ganzes Buch über Rassismus schreiben.“

Dana Odovicic-Osiander aus Karlsruhe: „Wohnungsbesichtigungen gab es nur mit deutschem Nachnamen“

„Ich bin halb Deutsche und halb Serbin und habe zwei Nachnamen. Als ich damals mit meinem Mann und meinem Sohn eine Wohnung in Karlsruhe gesucht habe, wurden wir niemals zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen, wenn ich die Vermieter mit meinem vollen Nachnamen angeschrieben habe.

Einmal habe ich daraufhin bei einem Vermieter angerufen und mich nur mit meinem deutschen Nachnamen als ‚Frau Osiander‘ gemeldet. Dann wurden wir sofort eingeladen ohne Probleme. So war es bei jeder Wohnung.

Ich habe schon überlegt, ob ich den Nachnamen meines Sohnes noch nachträglich ändern lasse.
Dana Odovicic-Osiander, Karlsruhe

Als ich dann meinen Sohn in einem Kindergarten in Karlsruhe-Durlach anmelden wollte – was auch sofort klappte – stellte sich heraus, dass dort fast ausschließlich ausländische Kinder aufgenommen wurden. Die Kinder sprachen alle wenig bis gar kein Deutsch und es zeigte sich, dass das wohl auch so gewollt war. Ich habe einige Eltern kennengelernt, die selbst deutsch sind und deren Kinder in diesem Kindergarten nicht angenommen wurden.

Mein Sohn spricht aber gut deutsch. Aufgrund seines Namens wurde aber wohl einfach davon ausgegangen, dass das nicht der Fall sein kann. Ich habe schon überlegt, ob ich den Nachnamen meines Sohnes noch nachträglich ändern lasse. Damit er in der Zukunft weniger Probleme hat.“

Adama Ndure aus Mannheim: „Ein Mann hat zu mir gesagt, dass ich in mein Heimatland zurück soll und wir Dreck sind.“

„Ich komme aus Gambia. Ich war ein Jahr unterwegs in Richtung Liberia, ohne Geld. Ich wollte eigentlich in Liberia bleiben, aber da ist es gefährlich. Ich hatte dort auch kein Zimmer oder eine Wohnung, sondern habe auf der Straße geschlafen. In Italien war ich fünf Monate lang im Gefängnis. Danach hieß es, ich kann nicht in Italien bleiben und dann bin ich nach Deutschland gekommen.

Als ich in Deutschland ankam, war ich 18 Jahre alt. Ich bin auf die Schule gegangen. Das hat zwei Jahre gedauert. Danach hab ich eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker gemacht, habe angefangen Fußball zu spielen. Ich lebe seit sechs Jahren in Deutschland. Meine Familie habe ich seit sieben Jahren nicht gesehen.

In Deutschland habe ich eine Chance und die muss ich nutzen. Wegen meiner Hautfarbe hat in Villingen einmal ein Mann zu mir gesagt: ‚Geh‘ zurück dein Heimatland.‘ Und, dass wir Dreck sind.

Als Mann musst du stark bleiben, hat meine Mama immer zu mir gesagt – egal wie schwierig es ist. Als ich unterwegs war, hat meine Mama immer angerufen und gefragt, ob alles okay sei. Wenn das Handy aus war, hat sie sich Sorgen gemacht. Ich möchte nicht, dass sich meine Mama Sorgen um mich macht.“

Anette Ganter, Leiterin der Diskriminierungsstelle Karlsruhe: „Weiße Personen müssen akzeptieren, dass sie nicht wissen, wie es sich anfühlt, Rassismus zu erfahren.“

„Wichtig ist zunächst einmal, dass weiße Personen akzeptieren, dass sie nicht wissen, wie es sich anfühlt, Rassismus zu erfahren. Als weiße Person Ratschläge an Menschen of Color zum Umgang mit solchen Erlebnissen zu erteilen, kann daher als übergriffig und erneute Rassismuserfahrung empfunden werden.

Ich, als weiße Beraterin, kann daher nachvollziehen wie sich Sexismus anfühlt, aber von Rassismus habe ich keine Ahnung. In der Beratung rate ich Menschen of Color daher immer, sich Schutzräume zu suchen, das heißt, den Austausch mit Personen, die dieselben Erfahrungen machen, zu suchen und sich dadurch selbst zu stärken.

Immer wieder erleben wir aber auch in der Beratung, dass Menschen alltagsrassistische Erfahrungen nicht als solche benennen. Oftmals kann dies darauf zurückgeführt werden, dass diese Menschen in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Das bedeutet, sie sind in einer auf weiße Personen und Erfahrungen zugeschnittenen Welt groß geworden.

Dazu gehört auch, dass Rassismus mit Rechtsextremismus gleichgestellt wird. Wir lernen also in unserer Gesellschaft nicht, dass Rassismus bereits mit bösen Blicken, grenzüberschreitenden Fragen oder scheinbar humorvollen Kommentaren beginnen kann. Für solche Erfahrungen wird dann auch nicht der Rassismusbegriff verwendet.“

Hinweis in eigener Sache

Manche der Menschen, die ihre Geschichte über Rassismus in ihrem Leben erzählen, wollten anonym bleiben. Andere wollten nur mit Namen, aber ohne Bild veröffentlicht werden. Manche stimmten einer Nennung des Namens mit Bild zu. Ob mit Name, Bild oder anonym – alle Geschichten sind gleich wichtig.

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