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Umstrittene Pläne für „d15“

Was der Karlsruher Kunstakademie-Rektor über das Konzept der „documenta fifteen“ sagt

Die Kunstausstellung documenta in Kassel gilt als Weltereignis. Das Konzept für die nächste Ausgabe stellt grundsätzliche Prinzipien der westlichen Kunstszene in Frage, findet der Maler Marcel van Eeden, Rektor der Kunstakademie Karlsruhe.

Farbenfroh präsentiert sich die „documenta fifteen“ in der Vorbereitungsphase. Das Foto entstand am sogenannten "ruruHaus" des indonesischen Kuratorenkollektivs ruangrupa an einem ehemaligen Sportgeschäft in der Kasseler Innenstadt. Foto: Swen Pförtner/dpa

Entspannt, farbenfroh und lebendig geht es in den Video-Veranstaltungen im Vorfeld der „documenta fifteen“ zu. Seit September hat das indonesische Künstler-Kollektiv ruangrupa seine Öffentlichkeitsarbeit intensiviert. Immer wieder werden neue Features hochgeladen.

Ende September begann der Ticket-Vorverkauf, bei dem jeder Besucher Teil des umfassenden Konzepts werden kann. Ein Euro pro Karte geht an nachhaltige ökologische Projekte in Deutschland oder Indonesien.

Damit ist der Grundton gesetzt für ein „Festival“, das sowohl als gesellschaftliches Experiment funktionieren soll als auch als massentaugliche Großveranstaltung.

Mit ruangrupa ist erstmals ein Kollektiv für documenta verantwortlich

Die 1955 gegründete und zunächst alle vier, seit 1972 alle fünf Jahre in Kassel stattfindende documenta ist weltweit die wichtigste Großausstellung für zeitgenössischer Kunst. Sie hat viele Häutungen erlebt, Paradigmenwechsel und kontrovers diskutierte Beiträge.

Die Bekanntgabe der neuen documenta-Leitung und der beteiligten Künstler wie auch des documenta-Konzepts werden von der Kunstwelt mit Spannung erwartet.

Mit dem indonesischen Künstler-Kollektiv ruangrupa wurde erstmals ein Kollektiv mit der Gestaltung des 100-Tage-Events betraut. Und erstmals leiten Akteure das kulturelle Großereignis, die nicht aus dem europäisch-westlichen Kulturbetrieb stammen.

Sticht gesellschaftliches Engagement die künstlerische Qualität aus?

Marcel van Eeden, seit Oktober 2021 Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, sieht der „documenta fifteen“ mit gemischten Gefühlen entgegen.

Einerseits ist jede documenta ein Pool neuer Ideen. Andererseits ist offenkundig, dass das ruangrupa-Konzept mit seinem Fokus auf kollektiven Entscheidungsprozessen die hiesige Kunstwelt irritiert. Gesellschaftliches Engagement und nicht die Qualität der künstlerischen Arbeit wurde zum obersten Kriterium der Künstlerauswahl gemacht.

Marcel van Eeden, Rektor der Kunstakademie Karlsruhe, schätzt an der Kunst die individuelle Freiheit. Das Konzept der nächsten documenta, das ausschließlich Künstlerkollektive in den Mittelpunkt stellt, sieht er mit gemischten Gefühlen. Foto: Lukas Giesler

Im Zentrum der d15 steht das Konzept Lumbung, das ruangrupa seit mehr als 20 Jahren in Jakarta praktiziert und über Biennale-Teilnahmen in viele Länder exportiert hat. Der Begriff Lumbung bezieht sich laut ruangrupa auf die gemeinschaftlich genutzte indonesische Reisscheune.

Sie steht „für Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung“. Irritationen lösen nun nicht diese Wertvorstellungen an sich aus, wohl aber ihre Kollision mit dem Prinzip einer freien, weder Moral noch Weltanschauung unterworfenen Kunst. Denn auch wenn Künstler in Zeiten des Umbruchs gesellschaftlich etwas bewirken könnten, gilt dies bislang nicht als ihre ureigenste Aufgabe.

Ich gehöre zu einer Schule von Künstlern, die das Individuelle ins Zentrum stellt.
Marcel van Eeden, Rektor Kunstakademie Karlsruhe

Die Grundstruktur der „documenta fifteen“ beruht auf dem Kollektiv als organisatorische Einheit. Dementsprechend sind hauptsächlich Künstlerkollektive eingeladen. So entsteht der Eindruck, als sei die einzelne Künstlerpersönlichkeit zweitrangig. „Ich gehöre zu einer Schule von Künstlern, die das Individuelle ins Zentrum stellt“, sagt Marcel van Eeden.

Ist das „zutiefst Eigene“ derzeit nicht angesagt?

Für den konzeptuellen Zeichner ist es das Schönste, „wenn der Künstler ganz er selbst ist“. Jeder Mensch sei total eigen, und wenn man versuche, das zutiefst Eigene in ein Werk umzusetzen, entstünde eine unverwechselbare Kunst. Aber das sei gerade nicht angesagt, konstatiert der Professor.

Im selben Atemzug versichert er: „Aber das heißt jetzt nicht, dass ich nicht weiß, dass es viele andere Kunstauffassungen gibt.“ Natürlich werde er mit seiner Klasse nach Kassel fahren. „Ich würde meinen Studierenden nie meine Kunstauffassung aufdrängen, die müssen die ganze Palette kennenlernen“, betont van Eeden.

Der Zeichner verfolgt eine künstlerische Recherche, die sich mit der Idee der „Nicht-Existenz“ auseinandersetzt. In seinen Graphic Novels verschränkt er weit auseinander liegende Raum- und Zeitdimensionen, seine fiktiven Helden beziehen sich auf reale Orte und Begebenheiten. Die Zeichnungen des 1965 in Den Haag geborenen Künstlers basieren auf Archivmaterial, aus dem er „etwas Neues für die Gegenwart baut“.

„documenta fifteen“ ist auch eine Absage an globalen Kunstmarkt

Was dem Akademieprofessor am Konzept der „documenta fifteen“ gefällt, ist ruangrupas Absage an den globalen Kunstmarkt, für den Kunst zu einem reinen Spekulationsobjekt geworden ist.

Allerdings wäre es auch möglich, dass die Karten nun neu gemischt werden. Die Gruppe ruangrupa verfügt für die documenta fifteen über 48 Millionen Euro. „Mit so einem Riesen-Budget haben sie sehr viel Macht“, findet Marcel van Eeden. „Die sind jetzt zu neuen Gatekeepers geworden.“

Ob es tatsächlich zu einem bloßen Austausch von Namen kommt? Die documenta-Teilnahme gilt in der Kunstwelt als Gütesiegel, das sich auszahlt. Zwar werden auf der Website inzwischen nicht nur die teilnehmenden Kollektive, sondern auch die darüber organisierten Künstler vorgestellt, doch weiß niemand, wie die von den Galerien Auserwählten reagieren.

Das Lumbung-Prinzip sieht vor, dass gut verkaufende Kollektivmitglieder die Gemeinschaft an ihrem Erfolg teilhaben lassen. Die Finanzierung der im Prozess der d15 neugeknüpften Netzwerke soll eine nachhaltige Wirkung haben.

Schaufenster für Vielfalt der Welt

Die documenta fiifteen wird als Schaufenster einer die Vielfalt der Welt spiegelnden Universalkunst in die Geschichte eingehen, als Kritik an den Mechanismen des Kunstmarktes und an der kulturellen Dominanz des Westens.

So gesehen passt das ruangrupa-Konzept in eine Zeit, in der sich viele Menschen nach Vorbildern sehnen, die für eine bessere Welt stehen.

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