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Tote kurz vor Kriegsende

Stelen erinnern in Rheinstetten an die Zerstörung eines Dorfes

Stelen erinnern an die Zerstörung des Dorfes Mörsch vor 75 Jahren. Sie stehen jetzt auf dem Roten Platz des Rheinstettener Stadtteils. Kurz vor Kriegsende starben durch Beschuss im April 1945 in dem damals selbstständigen Dorf 17 Zivilisten.

Stelen auf dem Roten Platz in Mörsch erinnern an die Zerstörung des Dorfes kurz vor Kriegsende 1945 Foto: Stadt Rheinstetten



Seit wenigen Tagen stehen auf dem Roten Platz in Mörsch die Stelen zur Erinnerung an die Zerstörung von Mörsch in den letzten Kriegstagen im April 1945. Die Umsetzung des Projekts hatte der Gemeinderat auf Anregung des Rheinstettener Heimatvereins bereits im vergangenen Jahr beschlossen. Finanziert wurde das Projekt mit maßgeblicher Unterstützung der Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe. Die Gestaltung und Ausführung der Stelen lag bei dem Karlsruher Büro Schwarz-Düser/ Düser. Die inhaltliche Ausarbeitung erfolgte durch den Heimatverein und das Stadtarchiv Rheinstetten.

Feierstunde musste verschoben werden

Geplant war die Feierstunde zur Übergabe der Stelen zum 75. Jahrestag der Zerstörung des Mörscher Dorfkerns am 8. April 2020. Wegen der Corona-Pandemie verschob Oberbürgermeister Sebastian Schrempp, wie berichtet, die Feierstunde zunächst auf den Volkstrauertag.

Der zweite Corona-Lockdown hat nun, so die Darstellung von Stadtbibliothekarin Annelie Lauber, die Verantwortlichen gezwungen, die ganze Feierstunde abzusagen. Dennoch, so der gemeinsame Wille aller Verantwortlichen, solle die Errichtung des seit über einem halben Jahr fertig gestellten Mahnmals nicht mehr weiter herausgeschoben werden. Schließlich erfüllten die Stelen erst dann die ihnen zugedachte Funktion, wenn sie im öffentlichen Raum stehen.

Dramatische Ereignisse kurz vor Kriegsende

Die Zerstörung von Mörsch ist ein für die Geschichte des Ortes einschneidendes und prägendes Ereignis und hat im Ortsbild und in der Geschichte zahlreicher Familien ihr Spuren hinterlassen. Die Auswirkungen Zweiten Weltkrieges bekamen die Mörscher Einwohner unmittelbar zu spüren.

Die dramatischen Ereignisse der letzten Kriegstage im April 1945 trafen die Zivilbevölkerung in bisher nicht dagewesener Weise. Von Karlsruhe kommend nahm die französische Armee zunächst Forchheim, dann Mörsch und Neuburgweier ein. In den folgenden Tagen kam es dort zu heftigen Kämpfen, da die deutsche Wehrmacht ein weiteres Vorrücken der Franzosen unbedingt verhindern wollte. Am 6. April ordneten die Franzosen die Evakuierung der Mörscher Zivilbevölkerung an.

Deutsche Wehrmacht wollte Mörsch zurückerobern

Zwei Tage später begann die deutsche Wehrmacht mit dem Beschuss von Mörsch, mit dem Ziel, die französische Armee zurückzudrängen. Durch den mehrtägigen Artilleriebeschuss wurden im Ortskern 116 Anwesen vollständig zerstört, viele weitere zum Teil schwer beschädigt.

17 Zivilisten starben bei den Kämpfen um Mörsch. Nach dem Rückzug der Wehrmacht und der Beendigung der Kämpfe am 10. April kehrten die Mörscher in den folgenden Tagen in ihren Ort zurück. Dort fanden sie eine Trümmerlandschaft vor.

Es gibt immer weniger Zeitzeugen. Umso wichtiger sei es, so die Initiatoren der Erinnerungsstätte auf dem Roten Platz, das furchtbare Geschehen aber auch dessen Einordnung in den Gesamtzusammenhang auf anderem Wege wach zu halten.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Gemeinde Mörsch, so die Ausführungen von Annelie Lauer weiter, geprägt durch die katholische Kirche und eine starke Arbeiterbewegung. Als Folge der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 wurden aber, so Annelie Lauber, auch in Mörsch fortan alle Bereiche des politischen und gesellschaftlichen Lebens von der nationalsozialistischen Ideologie bestimmt. Die meisten Einwohner hätten sich mit dem System arrangiert, ein Teil unterstützte es auch aus Überzeugung.

Nur wenige leisteten Widerstand

Andere litten unter dem NS-Regime, wurden verfolgt, misshandelt und umgebracht. Nur wenige leisteten Widerstand. Einer der bekanntesten Mörscher Widerstandskämpfer war der Geistliche Anton Fränznick, der mit missionarischem Eifer, für manche mit übertriebener Frömmigkeit, gegen die nationalsozialistische Ideologie kämpfte.

Er war der Gestapo Mitte der 1930er-Jahren bald ein Dorn im Auge und die Erzdiözese musste ihn zu seinem eigenen Schutz in ein kleines Dorf im Kaiserstuhl versetzen. Am 24. Juli 1942 wurde er dort verhaftet und kam in den Priesterblock des KZ Dachau. Dort starb er auch. Eine Gedenktafel in der Sankt-Ulrich-Kirche Mörsch erinnert an ihn. Seinen Grabstein in seinem Herkunftsort gestaltete der Neuburgweierer Künstler und Theologe Emil Wachter.

Die Gedanken hinter der Gestaltungsidee der Stelen beschreibt Anja Schwarz-Düser vom gleichnamigen Büro so „Die Stelenpaare weisen „Bruchstellen“ auf. Eine farbliche Akzentuierung hebt diese hervor, macht sie zum Gestaltungselement und weist ihnen eine signifikante Bedeutung zu. Sie stehen für die Lücken, die durch die massiven Zerstörungen im Stadtbild entstanden sind. Gleichzeitig markieren sie auch die Bruchstellen in den Biografien der betroffenen Einwohner.“

Stelen stehen im Zentrum der damaligen Zerstörung

Die Stelen befinden sich im Zentrum der damaligen Zerstörung, einzelne Fotografien wurden so ausgewählt, dass sie der Betrachtende mit der aktuellen Ansicht vergleichen kann. Besonders augenfällig wird dies anhand eines Fotos mit dem Blick von der Straßenecke auf die zerstörte Kirche, so Annelie Lauber in ihrem Bericht weiter.

Dem Mahnmal liegt die umfangreiche Sammlung von Fotografien über die Zerstörung zugrunde, die Josef Gerstner und Franz Gerstner vom Heimatverein über viele Jahre zusammen getragen haben. Josef Gerstner erinnert sich an die Anfänge seiner Sammlung: „Auslöser war für mich eine Familie, die mir einige Fotos von der Zerstörung von Mörsch, die ich als Kind noch selbst miterlebt habe, zur Verfügung gestellt hat.

Der persönliche Bezug zu dem Thema hat mich angespornt, gezielt nach weiteren Fotografien zu suchen.“ Bei seinen Recherchen stieß er auf Fotografien von Kaplan Koch. Gerstner fand auf einem Dachboden in Elchesheim, einer späteren Pfarrstelle von Theodor Koch, einen großen Teil dessen fotografischen Nachlasses.

Franz Gerstner hat das Kriegsende nicht miterlebt, kann sich aber noch gut an die Kriegsschäden an den Wohnhäusern in seiner Kindheit erinnern, auch der Anblick der Ruine des zerstörten Saals des „Gasthaus Lamm“ beim sonntäglichen Kirchgang ist ihm im Gedächtnis. In den 1970er-Jahren machte er die Bekanntschaft mit Josef Gerstner und von da an pflegten und ergänzten sie gemeinsam die Sammlung der Zerstörungsbilder. Es entstand das „Archiv Franz und Josef Gerstner“.

Idee für Erinnerungsstätte

„Irgendwann entstand die Idee, mit den Bildern in Form einer Ausstellung an die Öffentlichkeit zu gehen“, erinnert sich Franz Gerstner. So wurden die Bilder erstmals im April 1995 im Rathaus Mörsch der Öffentlichkeit gezeigt. 1999 gab die Gemeinde Rheinstetten auf der Grundlage des Archivs von Franz und Josef Gerstner und mit Unterstützung des verstorbenen Heimatforschers Josef Spörl das Buch „Mörsch im April 1945 – Rückkehr in ein ausgebranntes Dorf“ heraus. Bei Überlegungen, wie der anstehende 75. Jahrestag der Zerstörung im April 2020 gestaltet werden könnte, brachte Franz Gerstner einen neuen Gedanken ins Spiel. Er schlug eine dauerhafte Erinnerungsstätte vor.. Der Heimatverein unterstützte diese Idee.

Roter Platz statt Sankt-Ulrich-Kirche

Anstelle des ursprünglich angedachten Standorts im Umfeld der im Krieg komplett zerstörten Sankt-Ulrich-Kirche wählte man den Roten Platz. Das Büro Schwarz-Düser/ Düser wurde mit der Erarbeitung eines Gestaltungsvorschlags beauftragt. Von ihnen stammt die Idee, das Mahnmal in Form der drei Stelen zu errichten. Auch der Gemeinderat unterstützte das Projekt und stellte die beantragten Finanzmittel zur Verfügung.

Die Gesamtkosten liegen bei rund 22.000 Euro, davon werden 14.000 Euro durch die Kulturstiftung der Sparkasse Karlsruhe übernommen. Sparkassendirektor Michael Huber, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Karlsruhe, begründet die Unterstützung durch die Sparkassenstiftung mit folgenden Worten „Ein Bild sagt bekanntlich mehr als tausend Worte. So lässt sich auch die Botschaft, welche die Stelen auf dem „Roten Platz“ in Mörsch vermitteln, kaum in Worte fassen. Das Ausmaß der Zerstörung, das sie zeigen, macht uns auch heute, 75 Jahre später, immer noch tief betroffen und sprachlos.“

Sparkassenstiftung finanziert die Stelen mit

Die Gesamtkoordination des Projektes lag beim Rheinstettener Stadtarchiv. Die Fotografien stellen Franz Gerstner und Josef Gerstner zusammen und wählten sie aus. Größere Schwierigkeiten bereitete die Qualität der fotografischen Vorlagen. Dankenswerter Weise erhielt das Stadtarchiv, so Lauber abschließend, noch originale Fotografien aus dem Nachlass des ehemaligen Mörscher Ortsbaumeisters Josef Neu, durch die qualitativ mangelhafte Vorlagen ersetzt werden konnten.

Die Stelen sind wichtig, um an eine dunkle Zeit und die Zerstörung Mörschs zu erinnern
Christian Spörl Heimatverein Rheinstetten

Christian Spörl, Vorsitzender des Heimatvereins Rheinstetten : „Die Stelen sind wichtig, um an eine dunkle Zeit und die Zerstörung Mörschs zu erinnern. Die Arbeit der Herren Franz Gerstner und Josef Gerstner ist ein unverzichtbarer Baustein, um die Dokumentation der Geschichte Rheinstettens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

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