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Paradies der Kitesurfer

Sal, die Sandkiste der Kapverden

Ein Dutzend Inseln bilden den Archipel der Kapverden. Sal ist die Sandkiste der Inselgruppe und ein Paradies für Sonnenanbeter und Kitesurfer. Zudem zählt das Eiland zu den wichtigsten Nistgebieten gefährdeter Schildkrötenarten.

Paradies für Sonnenanbeter und Naturfreunde: Die Kapverden-Insel Sal hat kilometerlange Sandstrände. Foto: wit
11Sie zählen zu Afrika, und doch bringt sie kaum einer in Verbindung mit dem schwarzen Kontinent: die Kapverden. Unterschiedlicher können Inseln kaum sein. Einige sind stolz auf ihr vulkanisches Erbe, andere wie Sal sind flach wie eine Flunder und eine riesige Sandkiste obendrein. Sie gilt als Paradies für Sonnenanbeter und Surfer.

Eine Erinnerung aus alten Tagen treibt sie an diesen einsamen Ort. Als Kind weilte sie an diesen Gestaden, bevor sie fremde Meere durchpflügte und neue Welten entdeckte. Wie ein Surfer lässt sie sich an Land tragen, robbt sich quälend langsam den kleinen Hang hinauf, sucht sorgsam nach dem besten Platz für ihr Vorhaben.

Die seltsamen Gestalten, die im Sand kauern und im fahlen Licht des Mondes wie leblose Steine wirken, scheinen sie nicht zu stören. Mühsam schaufelt sie den weichen Sand zur Seite, gräbt tiefer und tiefer, bis sie zufrieden mit ihrem Werk ist. Ein Ei nach dem anderen plumpst in die Grube, Hoffnung für eine gefährdete Art.

Die meisten Strände finden sich im Süden der Insel. Foto: wit

Zum Turtle-Walk auf Sal

Es ist ein berührender Moment, dem sich kein Teilnehmer des Turtle-Walks auf der Kapverden-Insel Sal entziehen kann. Kein überflüssiges Wort wird gewechselt, keine falsche Bewegung gemacht: Die kleinste Störung könnte das scheinbar so schwerfällige Tier von der Eiablage abhalten.#

Manche junge Schildkröten-Mutter braucht nur 30 Minuten, manches ältere Tier bis zu drei Stunden

erzählt Meeresbiologin Sandra mit gedämpfter Stimme, während sie die nächtliche Szenerie mit einer roten Lampe ausleuchtet – rot, weil die Caretta Caretta, die Unechte Karettschildkröte diese Farbe nicht erkennen kann. Während die eine Schildkröte in hohem Bogen Sand über ihr Gelege fegt, tragen die Wellen des Atlantiks bereits die nächsten Tiere an Land.

Nistgebiete für den Meeresbewohner

Die kilometerlangen Sandstrände der Kapverden-Insel sind eines der wichtigsten Nistgebiete des stark gefährdeten Meeresbewohners. Weil Wilderer die Tiere töteten und das Fleisch nach China verscherbelten, wo ihm potenzsteigernde Wirkung nachgesagt wird, kümmert sich die Organisation Projeto Biodiversidade seit Jahren um den Schutz der Schildkröten und ihrer Eier.

Freiwillige kontrollieren die Strände, erfassen die einzelnen Gelege und betten sie notfalls um – wenn die Zivilisation mit ihrem verwirrenden Lichtermeer zu nahe ist.

Wenn die kleinen Schildkröten schlüpfen, orientieren sie sich am Licht. Eine hell erleuchtete Hotelanlage würde sie in die Irre führen

erzählt die Meeresbiologin. Die Winzlinge haben es ohnehin schon schwer genug, sich ihrer zahlreichen Feinde im Wasser und auf dem Land zu erwehren. Von 1000 Schlüpflingen wird nur ein einziger das Erwachsenenalter erreichen.

Kapverden: Sehnsuchtsziel der Sonnenanbeter

Auf der touristischen Landkarte hat die Inselgruppe eine erstaunlich flotte Karriere als Sehnsuchtsziel europäischer Sonnenanbeter hingelegt. Noch zur Jahrtausendwende gab es auf Sal nicht einmal eine richtige Straße vom Hauptort Espargos in den Süden nach Santa Maria. Heute reiht sich am Postkartenidyll Ponta Preta ein Luxusresort neben dem nächsten auf, buhlen Restaurants, Diskotheken, selbst ein Casino um Besucher – wobei man sich schon fragt, welcher Urlauber der Marke All inclusive dort sein Geld verspielen will.

No Stress heißt das Lebensmotto

No Stress: Das kapverdische Lebensmotto, das Ungeduld unter gesellschaftliche Ächtung stellt, findet sich auf T-Shirts und Tassen, auf Tüten und Tüchern. Die therapeutische Langsamkeit des Lebens: Sie wird mit Inbrunst an dem kleinen Verkaufsstand im Hafenort zelebriert, wo eine wohlgenährte Mama in typisch afrikanischen Gewändern das Laune verbessernde Nationalgetränk Grogue ausschenkt, einen ziemlichen Rachenputzer für verwöhnte Gaumen.

Sie wird aber auch auf der Handvoll Straßen praktiziert, die sich Ausflugskarossen, blau-gelbe Taxis und die verbeulten Sammelkutschen namens Aluguers teilen. Letztere kennen Fahrpläne nur vom Hörensagen; sie brettern erst los, wenn auch der letzte Platz an den Mann gebracht ist.

Espargos ist die Hauptstadt von Sal. Foto: wit

Die Kapverden: zehn  oder 15 Inseln?

Die Inselgruppe, rund 500 Kilometer von der Küste Westafrikas entfernt, war der Legende zufolge der letzte Akt der Schöpfungsgeschichte. Gott habe sich noch einmal die Hände gerieben;  aus den Sandkörnern, die dabei zu Boden fielen, entstanden die Kapverden. Je nach Zählweise sind es mal zehn, mal 15 Inseln.  Die offizielle Sprachregelung findet sich auf der Flagge des Inselstaates, symbolisiert durch zehn Sterne.

Jedes dieser Eilande, die durch sporadische Flug- und Fährverbindungen miteinander verknüpft sind, hat seinen eigenen Charakter. Santiago mit seiner Hauptstadt Praia ist eine raue Schönheit, gehüllt in einen dichten Pelz aus tropischem Grün. Fogo ist ein heißblütiges Geschöpf, das einen Blick in die Eingeweide der Erde präsentiert.  São Nicolau glänzt als Wanderparadies voll spektakulärer Ausblicke, das sicherlich ein Touristenmagnet wäre, gäbe es eine ordentliche Verkehrsanbindung. Sal ist wie das benachbarte Boavista, die Insel des ewigen Sommers, der erklärte Liebling schläfriger Sonnenanbeter und verwegener Kitesurfer. Hier bläst das ganze Jahr hindurch ein verlässlicher Wind.

Die goldgelben Strände von Sal

Es braucht schon mehrere Blicke, um sich in Sal, diesen winzigen Punkt im Niemandsland zwischen Europa, Afrika und Amerika zu verlieben. Wie ein Schiffbrüchiger schwimmt es in der Einsamkeit des Atlantiks, ein unwirtlicher Flecken, auf dem sich ein buntes Völkchen aus 35 000 Individuen verliert. Geboren aus der ewigen Vermischung von Schwarz und Weiß.

Schon beim Anflug auf den Flughafen, den die seit 1975 unabhängigen Kapverdianer nach Amilcar Cabral, dem Vater ihrer Nation und Befreier vom portugiesischen Joch benannt haben, sieht man das Kapital der Insel: die goldgelben, oft menschenleeren Strände. Der Rest des Salzlandes ist Ödnis pur – eine rot-braune Geröllwüste wie auf dem Mars.

Alles so schön bunt hier: Häuser in der Hafenstadt Palmeira. Foto: wit

Vulkankegel, zernagt und zerfurcht von Wind und Wetter, ragen steil in den Himmel auf. Ein paar schüttere Akazienbäume, vom Atem Afrikas gram-gebeugt, saugen den letzten Tropfen Feuchtigkeit aus dem sandigen Grund. Windhosen fegen wie Derwische über das geschundene, brettflache Land. Auf Sal gibt es weder Landwirtschaft, noch Trinkwasser. Allenfalls ein paar anspruchslose Kühe und Ziegen geben sich mit dem wenigen Grün zufrieden. Das Wasser, das aus den Hähnen tröpfelt, kommt aus Entsalzungsanlagen. Das Fleisch, das Gemüse, das Obst laden Schiffe in Palmeira an.

Keine Insel der Seligen

Eine Insel der Seligen ist Sal, ebenso wie seine Schwestern nie gewesen. Schon eher eine bitterarme Welt, der Wagemutige nur durch Flucht in die Emigration entkommen konnten. Hunderttausende suchten ihr Glück in Europa und den beiden Amerikas, gossen ihre Sehnsucht nach der alten Heimat in melancholische Lieder wie das berühmte „sodade“, das Cesária Évora auf der ganzen Welt berühmt machte

Allein in Boston leben 180 000 Exilanten mit kapverdianischen Wurzeln

erzählt Mamadou, ein Hüne von einem Mann, der Touristen Vergangenheit und Gegenwart seiner Heimat näherbringen will.

Eine Geschichte zum Weinen

Schon der Name Cabo Verde, grünes Kap, ist eigentlich ein Hohn. Denn die Geschichte des Archipels ist eine zum Weinen. Sie erzählt von Blut, Tränen und Unmenschlichkeit auf diesem ausgebeuteten Außenposten des portugiesischen Kolonialreiches. Ende des 15. Jahrhunderts von Diogo Gomes entdeckt waren die Trittsteine im Atlantik für die neuen Herren nur die „letzte Tankstelle“ für Ihre Schiffe, ein praktischer Stopp auf der Route des Sklavenhandels. In Santiago, der Hauptinsel, steht noch immer jene Säule im manuelinischen Stil, wo Abertausende Sklaven aus Westafrika in die Neue Welt verhökert wurden.

Bei Pedra de Lume wurde einst Salz in einem alten Vulkankrater gewonnen. Foto: None

Sal und der Salzhandel

Sal hatte Glück. Oder war dieser öde Ort – ohne Grundwasser, ohne nennenswerte Vegetation, ohne Bodenschätze – einfach zu uninteressant für die Kolonialmacht? Der älteste Ort bringt es auf kaum mehr als 300 Jahre, als Glücksritter die Salzpfannen im Krater eines erloschenen Vulkans bei Pedra de Lume entdeckten und sich an die Ausbeutung des wertvollen Schatzes machten.

Das schneeweiße Kirchlein, die Fördertürme – sie stehen noch immer. Doch der Salzabbau spielt wirtschaftlich kaum mehr eine Rolle. Stattdessen planschen Touristen in dem Salzsee, erleben ein Gefühl wie im Toten Meer. Wie Ping-Pong-Bälle treiben die Körper an der Oberfläche, ein kindliches Vergnügen selbst für ältere Herrschaften. Eine heilsame Wirkung wird der salzigen Brühe zugeschrieben. Wunden sollen schneller verschwinden, Hautkrankheiten gemildert werden. Manch einer sei um zehn Jahre verjüngt aus dem Salzsee gestiegen, erzählt Mamadou mit einem verschmitzten Grinsen.

Hilfe für den Schildkrötennachwuchs

An den Stränden der Ponta Preta neigt sich der Tag dem Ende zu. Zeit für die Freiwilligen von Projeto Biodiversidade, nach ihren Schützlingen zu sehen. Auf der eingezäunten Fläche wurden jene Schildkröten-Nester eingebuddelt, die auf der anderen Inselseite sicherheitshalber ausgegraben wurden. Blaue Schilder zeigen an, wie viele Eier jedes Nest enthält. Nachts, wenn die Gäste des benachbarten Fünfsternehotels selig schlafen, sammeln Helfer den frischgeschlüpften Schildkröten-Nachwuchs ein und entlassen ihn ins Meer. Und mit etwas Glück werden ein paar der Winzlinge in vielen Jahren zu diesem Ort zurückkehren. Getrieben von Erinnerungen aus alten Tagen, getragen von den Wellen des Atlantiks.

Landkarte von Sal Foto: None

Informationen

Anreise: Beste Reisezeit: Pauschalen:

Wer mehr von den Kapverden erleben möchte: Eine siebentägige Rundreise führt nach Boa Vista, Santiago mit der Landeshauptstadt Praia, Santo Antão, São Vicente und Sal. Das Inselhopping kann ab 1629 Euro gebucht werden. Der Flug auf die Kapverden kommt extra.

Schildkröten: Auskünfte:
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