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Diskriminierung im Beruf

Sexismus am Arbeitsplatz: Das haben Menschen aus der Region erlebt

Etwa jede vierte Frau wird an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert. Aus dieser Gruppe gibt jede dritte Frau laut an, wegen ihres Geschlechts benachteiligt zu werden. Das ist Sexismus und noch immer bittere Realität für viele Frauen im Arbeitsleben - auch in der Region. Fünf Frauen und Männer haben von ihren Erfahrungen berichtet.

Bleibt die jetzige Entwicklung unverändert, wird erst im Jahr 2041 ein Frauenanteil von 40 Prozent in den Vorstandsetagen erreicht. Foto: Tobias Kleinschmidt

Etwa jede vierte Frau wird an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert. Aus dieser Gruppe gibt jede dritte Frau laut einer Forsa-Umfrage von 2018 an, wegen ihres Geschlechts benachteiligt zu werden. Das ist Sexismus -und noch immer bittere Realität für viele Frauen, aber auch manche Männer, im Arbeitsleben. Auch in der Region erleben Menschen täglich Sexismus und Diskriminierung an ihrem Arbeitsplatz. Fünf Leser haben uns von ihren Erlebnissen berichtet.

Brigitte Bremer (55), PR-Fachfrau aus Karlsruhe: "Es gab Situationen, in denen die Hand eines Vorgesetzten unter dem Tisch auf mein Knie wanderte"

"Ich habe in vielen verschiedenen Positionen gearbeitet - auch mit Führungsverantwortung - und geriet immer mal wieder in die Situation, durch sexistische Äußerungen bloßgestellt und erniedrigt zu werden. Da gab es einen Vorgesetzten, der während eines Meetings vom letzten Beischlaf mit seiner Frau in allen Details berichtete. Ein anderer erzählte mir, er würde nachts von meinem schönen Körper träumen.

Da gab es Situationen, in denen die Hand eines Vorgesetzten unter dem Tisch auf mein Knie wanderte, als ich eine Präsentation hielt. 'Harmlosere' Bemerkungen wie ich sollte mich sexy anziehen, wenn ein bestimmter Kunde zur Geschäftsbesprechung kommt, gab es ebenso wie den Kollegen, der während eines Gesprächs seine Hose öffnete, um sein Hemd in die Hose zu stopfen.

Geschmackloser war dann schon diese Bemerkung in einem Meeting, als ich mal etwas gereizt auf Äußerungen reagierte: 'Die Kollegin ist heute nicht ernst zu nehmen, sie hat sicherlich ihre Tage'. Darauf folgte dann Gelächter.

Er spürte das "Hab-mich-lieb-Syndrom"

In einem anderen Fall wurde ich beauftragt, ein neues PR-Konzept für ein Altenheim zu entwickeln. Bei der Präsentation erfuhren wir dann viel Gegenwind durch den Geschäftsführer. Hinterher gab es ein klärendes Gespräch, das allerdings nicht durch sachliche Argumente überzeugte: Der Geschäftsführer warf mir vor, ich hätte mich unprofessionell verhalten, er spüre das 'Hab-mich-lieb-Syndrom' im Raum und dann bat er mich, mit externen Geschäftspartnern seriöser umzugehen.

Nach dieser Aktion wurde ich ignoriert, in Meetings mit externen Partnern übergangen und nicht mehr vorgestellt, bekam keine Aufgaben mehr und wurde sozusagen kaltgestellt - bis ich dann kündigte.

In einem früheren Job bekam ich jeden Morgen vom Senior-HR-Consultant einen neuen sexistischen Witz präsentiert. Ich fragte mich täglich, ob ich dabei auf die Probe gestellt werden sollte. Hätte ich meinen Job heute noch, wenn ich mich an den Betriebsrat gewandt hätte? Hätte man mir geglaubt? Hätte ich Unterstützung erfahren oder sollte man solchen Unternehmen einfach umgehend den Rücken kehren?"

Fast die Hälfte aller Befragten bei einer Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes kannte keine Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung im eigenen Betrieb oder Unternehmen. Nur knapp jeder Dritte wusste von einer Ansprechperson. Nur jeder Zehnte erwähnte die Existenz einer Vereinbarung oder eines Leitbildes im Unternehmen.

Gianna Reich (33), "Digitale Nomadin" im Bereich Marketing, Gastdozentin am KIT: Ich habe oft das Gefühl, dass Männer meine Kompetenzen nicht anerkennen."

"Ich arbeite in der IT-Branche einer Softwarefirma im Marketing. Dabei habe ich hauptsächlich mit Männern zu tun. Trotzdem sind meine Erfahrungen hier bislang gut. Aber das war nicht immer so.

Ich habe vor einigen Jahren ein Gründerevent an der Uni in Karlsruhe mitorganisiert. Dort kam ein Herr, der vom Alter her mein Vater hätte sein können, auf mich zu, als ich mich gerade mit einem Arbeitskollegen unterhielt. Er fragte mich, ob ich hier das Promo-Girl sei. Ich antwortete ihm, dass Frauen heutzutage durchaus auch andere Positionen haben könnten. Dann hat er zurückgerudert und gesagt, das finde er ja auch ganz toll.

Ein Arbeitskollege nannte mich einmal 'Mäuschen', obwohl wir uns erst an diesem Tag kennengelernt hatten. Er begründete das damit, dass ich seiner Meinung nach überfordert gewirkt hätte, weil so viele Gäste auf das Event kamen, das an dem Tag stattfand.

Ich gehörte zu den Organisatoren des Events.

"Warum ist man so baff?"

Privat habe ich ja eine große Klappe, aber im beruflichen Kontext fällt es mir manchmal schwer, eine schlagfertige Antwort zu finden. Aber warum ist man in solchen Situationen im Beruf manchmal so baff? Vielleicht ist man überfordert, weil einen solche Aussagen in Situationen treffen, in denen man mit so einem Verhalten nicht rechnet.

In beruflichen Situationen bin ich nicht 'flirty' und ich ziehe mich nicht sexy an. Daher gehe ich davon aus, dass ich als normaler Mensch wahrgenommen werde, aber dann kommt plötzlich so ein Spruch. Wenn ich etwa mein Bild bei Skype ändere und jemand sagt 'Oh, da haben Sie aber ein schönes Bild, Frau Reich', dann mag das zwar als Kompliment gemeint sein, ist in diesem Zusammenhang aber einfach deplatziert.

Am häufigsten erlebt werden verbale Formen sexueller Belästigung. Frauen erleben tendenziell eher physische Belästigungen, Männer eher visuelle Belästigungsformen wie unerwünschte E-Mails, Fotos oder Videos und verbale Formen von sexueller Belästigung.

"Ältere Männer haben oft ein sehr spießiges Weltbild"

Viele fluchen auf die IT-Branche, aber über mein aktuelles Team kann ich nichts Schlechtes sagen. Bei mir sind aber die Kollegen auch Anfang bis Mitte 30. Das sind junge Väter, die auch nicht wollen würden, dass man mit ihren Frauen und Töchtern so umgeht.

Wenn ich Sexismus abkriege, kommt das eher von älteren Männern. Ältere Männer haben oft ein sehr spießiges Weltbild. Ich habe oft das Gefühl, dass Männer meine Kompetenzen nicht anerkennen oder dass sie lieber mit männlichen Kollegen zusammenarbeiten würden. Ich habe oft das Gefühl, dass ich einfach mehr buhlen muss."

29-jähriger Lkw-Fahrer aus Germersheim: "Eine Frau zu sein ist kein Indikator dafür, ob jemand rückwärts fahren kann oder nicht"

"Es spielt keine Rolle, ob die Frau nun jung oder älter ist, zierlich oder kräftig: In den Augen vieler meiner Kollegen kann die Frau kein Auto fahren. Und Lkw schon zweimal nicht. Ich ertappe mich auch selbst dabei, wie mir mal fix 'du parkst wie eine Frau' herausrutscht.

Aber oft geht es auch weit über das Vorurteil 'Frau am Steuer' hinaus. Oft ist das, was passiert, eigentlich sexuelle Nötigung - meiner Meinung nach. Ich habe schon oft mitbekommen, dass eine Auszubildende anzügliche 'Angebote' bekommen hat.

Es gibt auch eine Kehrseite

Es ist auch interessant, was passiert, wenn eine junge Frau mit ihrem Lkw rückwärts an eine Rampe fahren möchte. Unabhängig davon, ob sie das nun blind mit der Hand auf dem Rücken kann oder nicht, kommen nicht selten drei bis vier Fahrer, um ihr zu 'helfen'. Ich als Mann schäme mich für meine Kollegen in so einem Moment. Eine Frau zu sein ist kein Indikator dafür, ob jemand einen Lkw rückwärts fahren kann oder nicht.

Leider gibt es auch noch die Kehrseite: Frauen, die sich selbst so darstellen, wie es die oben beschriebenen Herren tun. Frei nach dem Motto: 'Ich bin genauso hart wie ihr'.

Jeder zweite Befragte gab an, gesetzlich verbotene Belästigungen am Arbeitsplatz schon einmal erlebt zu haben. Jede sechste Frau und jeder 14. Mann stufte das Erlebte explizit als "sexuelle Belästigung" ein. Als Täter benennen sowohl Männer als auch Frauen am häufigsten Männer.

33-jährige Chemietechnikerin aus Karlsruhe: "Ich habe ihm gesagt, dass es mich stört, aber er hat so getan, als ob es Spaß wäre."

"Ich hatte im Büro einmal eine Leggings an. Das ist einem Arbeitskollegen aufgefallen. Er hat seinen Arm um mich gelegt, dann ist die Hand abwärts gewandert. Vielleicht dachte er, die Hose sei eine Einladung. Aber ich war in dem Moment einfach perplex und das war unangenehm. Das ist schon öfter passiert. Immer war ich gehemmt, in Schockstarre sozusagen. Ich habe das dann stillschweigend hingenommen. Mittlerweile kommt da auch eine Art Scham. Auch weil viele Frauen nicht über solche Vorfälle reden.

"Er wurde ja nicht handgreiflich ..."

Einmal musste ich mit einem Arbeitskollegen etwas aus dem Lager holen. Dort hat er mich gefragt, ob ich ihn oral befriedigen würde. Ich habe 'Nein' gesagt und wir gingen wieder raus. Gemeldet habe ich ihn aber nicht.

Danach gab es immer mal wieder doppeldeutige Sprüche. Er fragte auch mehrmals, ob wir uns nicht einmal treffen wollen. Ich habe ihm immer wieder gesagt, dass ich kein Interesse habe. Aber er hat bis heute nicht aufgehört, mir ab und zu SMS mit sexuellen Anspielungen zu schreiben. Ich habe ihm gesagt, dass es mich stört, aber er hat so getan, als ob es Spaß wäre.

Andere Kollegen haben nichts davon mitbekommen und ich habe es niemandem erzählt. Es war zwar unangenehm, aber ich bin noch klar gekommen. Er wurde ja nicht handgreiflich, deswegen war es für mich in Ordnung.

Die Männer sind übrigens alle verheiratet und haben Kinder.

Sexuelle Belästigung wird meistens durch Personen aus dem Kollegium (auf gleicher Hierarchiestufe) erfahren - insbesondere von Männern. Frauen werden im Vergleich zu Männern häufiger durch Kollegen oder Vorgesetzte einer höheren Hierarchiestufe sexuell belästigt.

Angestellter im öffentlichen Dienst in Karlsruhe: "Meine Chefin machte Bemerkungen, die nicht nur ein Kompliment waren"

"Meine deutlich ältere Vorgesetzte hat mir gegenüber anzügliche Bemerkungen gemacht. Meist waren es Bemerkungen über meine Kleidung, die offensichtlich nicht nur als Kompliment gedacht waren. Ich habe mit Verwunderung reagiert, bin aber nicht darauf eingegangen.

Danach wurden meine Leistungen regelmäßig massiv kritisiert. Wegen 'mangelhafter Arbeitsleistung' wurde mein befristeter Arbeitsvertrag schließlich nicht entfristet. Ich bin der Einzige, dessen Vertrag ausläuft, obwohl ich meiner Meinung nach deutlich bessere und mehr Arbeit abgeliefert habe als andere.

Leider gibt es ja keinen Männerbeauftragten. Der Personalrat knickt vor der Chefin ein und es gibt viele personelle Überschneidungen. Daher sehe ich da keinerlei Chancen auf Gerechtigkeit.

Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz: Das können Betroffene tun

Wer an seinem Arbeitsplatz sexuell belästigt wird, kann auch rechtlich gegen Kollegen oder Vorgesetzte vorgehen. Welche genauen Handlungen illegal sind, erklärt unter anderem dieser Flyer der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

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