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Familienplanung auf Eis

Social Freezing: Das Einfrieren von Eizellen soll der biologischen Uhr ein Schnippchen schlagen

Mit dem Einfrieren von Eizellen können Frauen ihren Kinderwunsch realisieren, wenn es zeitlich besser passt. Stimmt das? Was ist aus dem Hype geworden? Und was empfehlen Ärzte, wenn eine medizinische Behandlung die Fruchtbarkeit bedroht?
6 Minuten
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Kind oder Karriere? Diese Frage müssen sich in Deutschland noch immer viele Frauen stellen, trotz aller Bemühungen, Männer in Elternzeit zu bringen. Weltweit Schlagzeilen machte 2014 der Vorstoß der amerikanischen Unternehmen Apple und Facebook, ihren Mitarbeiterinnen das Einfrieren von Eizellen zu bezahlen, wenn sie das Kinderkriegen hinausschieben.

Dieses „Social Freezing“, also das Einfrieren von Eizellen aus sozialen Gründen, ist seit 2012 auch in Deutschland möglich – aber bei weitem nicht so häufig, wie noch vor ein paar Jahren erwartet.

„Die Zahlen stagnieren auf niedrigem Niveau“, teilt der Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren nach einer Erhebung mit. Auch in großen Zentren seien es nicht mehr als 15 Fälle im Quartal, so ein Ergebnis. Die „Hotspots“ seien Großstädte wie München, Berlin und Hamburg, wo es jeweils mehrere Zentren gibt, so der Verband.

Im Kinderwunschzentrum Karlsruhe gehört das Social Freezing seit 2016 zum Angebot. Die Möglichkeit, der biologischen Uhr ein Schnippchen zu schlagen, ist auch im Badischen für viele Frauen eine Option.

Die Gründe: „Weil sie noch nicht den richtigen Partner haben oder noch eine Weile an ihrer Karriere arbeiten wollen und es deshalb zeitlich momentan nicht möglich ist“, weiß Hans-Jürgen Graeber aus vielen Beratungsgesprächen. Der Frauenarzt und Inhaber des Kinderwunschzentrums Karlsruhe rät in diesen Gesprächen aber häufiger ab als zu.

Viele Frauen kommen erst, wenn es fürs Social Freezing eigentlich schon zu spät ist

Hauptgrund ist das Alter der Interessentinnen. „Frauen sind mit 20 Jahren auf dem Höhepunkt ihrer Fruchtbarkeit“, gibt er zu bedenken. „Mit 40 liegt die Chance, auf natürlichem Wege schwanger zu werden, bei zirka fünf Prozent – und zwar bei einer Fehlgeburtenrate von etwa 50 Prozent“, erklärt er.

Mit 20 haben die Frauen das Geld nicht und mit 40 nicht mehr die Eizellen.
Hans-Jürgen Graeber, Kinderwunschzentrum Karlsruhe

Möchte also eine Frau mit Ende 30 ihre Eizellen einfrieren lassen, ist es entsprechend langwierig, genügend intakte Eizellen zu entnehmen – was die ohnehin hohen Kosten, die die Patientinnen aus eigener Tasche bezahlen müssen, weiter nach oben treibt.

Pro Entnahme mit den erforderlichen Medikamenten und dem Einfrieren, der sogenannten Kryokonservierung, sind gut 6.000 Euro fällig. Bei den durchschnittlich drei Behandlungszyklen und allen weiteren Kosten kommt man auf rund 25.000 Euro für die Chance auf ein Kind, rechnet Graeber vor.

Viel Geld also und nur von einer bestimmten Klientel bezahlbar; von jüngeren Menschen seltener als von älteren, die schon länger an ihrer Karriere gearbeitet haben. „Salopp gesagt: Mit 20 haben sie das Geld nicht und mit 40 nicht mehr die Eizellen“, umreißt Graeber das Dilemma.

Wie auch bei künstlicher Befruchtung wird die Patientin mit Hormonen behandelt, damit möglichst viele Eizellen heranreifen. Nach acht bis 16 Tagen werden diese der Frau unter Narkose entnommen, untersucht und in flüssigem Stickstoff auf minus 196 Grad Celsius schockgefroren („Vitrifikation“).

Vor dieser Kryokonservierung muss das Zellwasser im Inneren gegen ein Kryoprotectivum ausgetauscht werden. Das ist ein Gefrierschutzmittel, das verhindert, dass sich Eiskristalle bilden und die Zellen zerstören, erklärt Frank Tetens. Der promovierte Biologe leitet das Labor des Kinderwunschzentrums.

Gelagert werden die Eizellen in speziellen Kryobanken. Das Karlsruher Kinderwunschzentrum arbeitete beispielsweise mit der Bank im Krefeld zusammen. Neunmal wurden bislang Eizellen Karlsruher Social-Freezing-Patientinnen hier eingelagert.

Schockgefroren: Die Eizellen lagern in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad – und werden vielleicht nie genutzt. Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Die meisten Eizellen lagern noch - und werden vielleicht nie genutzt

Wie hoch die Erfolgsrate ist, kann man schwer abschätzen – das meiste Material lagert noch. Manches wird womöglich nie genutzt, sondern schlummert nur als eiserne Reserve und persönliche Versicherung im Eis.

Bei etwa 70 Prozent liegt die Überlebensrate der Eizellen nach dem Auftauen, so Graeber, und davon können etwa 60 Prozent befruchtet werden. Ausschließlich künstlich übrigens und auch nicht per herkömmlicher In-vitro-Fertilisation, sondern mit dem ICSI-Verfahren, erklärt der Reproduktionsmediziner.

Hierbei wird die Samenzelle direkt in die Eizelle injiziert. Erforderlich ist das, weil die Eizellen von ihrer Ernährungsschicht, der „Cumulus oophoricus“ befreit wurden, so Graeber.

Nur so: Nach dem Auftauen müssen die Eizellen durch Injizieren der Spermien befruchtet werden Foto: Klaus-Dietmar Gabbert, dpa

Wir bieten eine Hoffnung an, die sich vielleicht nicht erfüllt.
Hans-Jürgen Graeber, Kinderwunschzentrum Karlsruhe

Aus etwa fünf Prozent der befruchteten Eizellen wird letztlich ein Kind geboren, so die Statistik. Auf zirka 50 Eizellen käme dann eine Geburt. Ob es tatsächlich klappt, hängt aber wieder vom Alter der Frau ab.

Je älter sie auch beim Einsetzen der befruchteten Eizelle ist, desto größer sind die körperlichen Risiken; beispielsweise die Gefahr einer „Schwangerschaftsvergiftung“, erklärt Graeber. „Wir bieten eine Hoffnung an, die sich vielleicht nicht erfüllt“, stellt er klar.

Trotz Verbot in Deutschland: Die Eizellenspende ist etabliert

Große Zukunft gibt er dem Social Freezing auch aus einem anderen Grund nicht: „Die – in Deutschland verbotene – Eizellenspende ist inzwischen so etabliert, dass sich die ausländischen Zentren bei mehreren Kongressen im Jahr vorstellen und mit Erfolgsquoten von 60 bis 80 Prozent werben“, sagt er.

Medical Freezing: Einfrieren vor der Chemotherapie

Freilich gibt es auch medizinische Gründe, die Familienplanung auf Eis zu legen. Wer sich einer Chemotherapie oder einer Strahlenbehandlung unterziehen muss und noch Kinder möchte, wird heute auch über die Möglichkeiten informiert, seine Fruchtbarkeit – die durch die Behandlung beeinträchtigt werden kann – durch repromedizinische Maßnahmen zu erhalten, schildert Andreas Müller. Der Professor leitet die Frauenklinik im Städtischen Klinikum Karlsruhe und hat an der Universität Erlangen zum Thema geforscht, das ihn auch weiterhin beschäftigt.

Noch vor zehn Jahren war diese Beratung in Deutschland nicht üblich. Die Interessenvertretungen der Patienten haben dann immer wieder darauf gedrungen, so Müller. „Selbstverständlich ist die Therapie das Wichtigste, aber das Wohl der Menschen nach der Genesung hat man nun auch stärker im Blick“, sagt er.

„Und wer sich Sorgen um seine Fruchtbarkeit macht, lässt sich sonst vielleicht nicht auf die Behandlung ein“, nennt er einen weiteren guten Grund, vor einer Krebsbehandlung auch über die Möglichkeiten der Kryokonservierung zu sprechen.

Die Entnahme von Eierstock-Gewebe ist definitiv die bessere Wahl.
Andreas Müller, Leiter Frauenklinik im Städtischen Klinikum Karlsruhe

Behandlungen wegen Brustkrebs oder Tumoren im Lymphsystem (Hodgkin-Erkrankungen) sind die häufigsten Ursachen für das „Medical Freezing“, das Einfrieren aus medizinischen Gründen. Eizellen zu entnehmen und zu konservieren sei hier aber nicht die beste Methode, stellt Müller klar.

Für Frauen, die vor einer Krebsbehandlung stehen, ist schon die hormonelle Stimulation vor der Entnahme der Eizellen eventuell kritisch. Zudem haben sie auch nicht unbedingt die nötige Zeit: Bereits für die Entnahme aus einem Zyklus sind schließlich zwei bis drei Wochen erforderlich. „Die Entnahme von Eierstock-Gewebe ist definitiv die bessere Wahl“, sagt Müller.

Mit Eierstock-Gewebe: Schwanger auch auf natürlichem Weg

Mit einer Laparoskopie (einer Bauchspiegelung ) geschehe dies, und drei Tage später könne die Krebsbehandlung beginnen. Weiterer Vorteil: Nach der Genesung kann die Frau nicht nur durch künstliche Befruchtung, sondern auch auf natürlichem Weg schwanger werden.

Das Gewebe wird bei einer kurzen OP wiedereingesetzt, erklärt er. Komplikationen bei der Transplantation wie Abstoßungen oder Unverträglichkeiten seien nahezu ausgeschlossen – schließlich handelt es sich um körpereigenes Gewebe. Nicht schlechter als bei anderen Frauen seien dann die Chancen auf eine Schwangerschaft. „In den Fachgesellschaften wird es als etabliertes Standardverfahren gesehen – über 100 Kinder sind so in Deutschland schon zur Welt gekommen“, weiß der Klinikchef.

Anders als die Konservierung von Eizellen oder Spermien vor Behandlungen, die die Fertilität beeinträchtigen können, ist die Entnahme von Eierstockgewebe aber noch keine Kassenleistung

Kostenübernahme ist noch im Gespräch

„Das Verfahren ist noch nicht ausreichend standardisiert“, befand der zuständige Gemeinsame Bundesausschuss von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken. Es sei aber weiter Gegenstand der Beratungen. Auch vor dem Hintergrund, dass Minderjährigen keine Medikamente zur Stimulierung der Eizellen verabreicht werden dürfen: Das Einfrieren der Eizellen ist für sie also keine Option.

In der Diskussion ist zudem, ob durch den Retransfer des Eizellengewebes auch Krebszellen in den Körper zurückkommen könnten – was die ersten Studien aber nicht bestätigten.

2011 kam in Deutschland das erste Baby nach dem Retransfer von Eierstock-Gewebe zur Welt

In Deutschland wurde 2011 das erste Baby nach einer Retransplantation von Eierstock-Gewebe geboren. Eine 25-jährige Frau war 2003 an einem Hodgkin-Lymphom erkrankt und hatte nach einer Chemotherapie zwei Jahre später einen Rückfall. Vor den weiteren Therapiemaßnahmen wurde ihr Eierstock-Gewebe entnommen und kryokonserviert, berichtet Andreas Müller.

2012 hat er mit Kollegen zum Thema veröffentlicht. Neben den Universitätskliniken in Dresden und Bonn war die Uniklinik Erlangen beteiligt: Nach fünf beschwerdefreien Jahren und weiter bestehendem Kinderwunsch wurde der Patientin dort das aufgetaute Gewebe wieder eingesetzt.

Sechs Monate später und nach Stimulation zum Auslösen des Eisprungs wurde die Frau auf natürlichem Weg schwanger und letztlich per Kaiserschnitt von einem gesunden Jungen entbunden.

Die Eizelle stammt definitiv aus dem Transplantat

Nachweisbar war dabei auch, dass die Eizelle, die zur Schwangerschaft führte, nur aus dem Transplantat stammen konnte. „Da die Eierstöcke aber bei der Krebsbehandlung auch intakt bleiben können, darf man in Deutschland maximal einen halben Eierstock entnehmen“, erklärt Müller die Rechtslage. In Dänemark hingegen werde die Entnahme eines kompletten Eierstocks empfohlen.

Im Städtischen Klinikum Karlsruhe entscheidet sich gut die Hälfte der Frauen, für die das Verfahren infrage kommt, für die Entnahme des Eierstock-Gewebes. 50 bis 60 waren es in den vergangenen Jahren, so Müller.

Wie beim Einfrieren der Eizellen gilt freilich auch hier: Mit zunehmenden Alter sinkt die Zahl der intakten Eizellen und damit auch die Chance auf eine Schwangerschaft.

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