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Weltweit 25 Millionen Tote

Spanische Grippe: Frau aus Wiesloch arbeitet tragische Familiengeschichte auf

Zwischen 25 und 50 Millionen Menschen starben vor hundert Jahren an der Spanischen Grippe. Über die Tragödien ist heute kaum mehr etwas bekannt. Karin Hirn aus Wiesloch hat recherchiert - und stieß auf einen tragischen Tod, der ihre Familie jahrzehntelang belastete.

Karin Hirn Foto: None

„Gänsehaut.“ Das fühlt Karin Hirn, wenn sie daran denkt, was vor hundert Jahren in ihrem Haus passiert ist. Monatelang hat die 59-Jährige aus Wiesloch ihre Familiengeschichte recherchiert. „Das hat mich getroffen wie ein Keulen-Schlag“, sagt Hirn und legt einen Sterbe-Schein, eine Bibel und ein Foto von Anna auf den Tisch ihres Esszimmers. „Anna eins“ wird sie später sagen. Die junge Frau starb am 17. Oktober 1918 in diesem Haus und prägt die Familie noch heute.

Anna starb an der Spanischen Grippe. Zehn Tage lang lag sie auf dem heimischen Sofa und wurde immer schwächer. Kein Arzt konnte ihr helfen, ihr Mann auch nicht. „Mein Großvater saß nebendran und hat buchstäblich beobachtet, wie sie schwarz wurde“, sagt Hirn. Die Körper der Infizierten verfärbten sich stark, sie spuckten Blut und erstickten – manchmal innerhalb eines Tages.

„Es sind persönliche Tragödien“

„Mein Großvater hat nie darüber gesprochen – das kann man auch nicht“, sagt Hirn. „Anna war immer ein Tabu-Thema.“ Durch ihre Recherchen fand Hirn heraus, dass die Frau ihres Großvaters Georg Ritzhaupt nicht an einer gewöhnlichen Grippe starb, wie es immer hieß. Mindestens 25 Millionen Menschen sollen an der Pandemie gestorben sein, manche Experten sprechen von 50 Millionen.

Ein Denkmal soll auf dem Wieslocher Friedhof an die Spanische Grippe erinnern und Angehörigen beim Gedenken helfen. Foto: hora

Hirn möchte die Geschichte erzählen, weil noch heute Angehörige von den Folgen der Spanischen Grippe betroffen sind. Nachdem ihre Recherchen bekannt wurden, sind Menschen aus Wiesloch mit einer ähnlichen Familiengeschichte auf sie zugekommen. „Es sind persönliche Tragödien.“ Hirn versteht nun, warum ihr Großvater ein gebrochener Mensch war. Sie selbst ist die Enkelin von Ritzhaupt und seiner zweiten Frau, „Anna zwei“.

Die Bitte: Heirate meine Freundin

An der Wand des Familienhauses hängt bis heute nur ein Foto von „Anna eins“. „Er hing ein Leben lang an ihr“, sagt Hirn. Vom Kriegseinsatz an der Westfront in Belgien kam Ritzhaupt mit einem zerschossenen Auge zurück. Er fragte seine Anna vom Lazarett der Augenklinik in Heidelberg aus, ob sie ihn so überhaupt noch heiraten wolle. Sie zögerte nicht, die beiden freuten sich schon bald darauf über eine Schwangerschaft.

Georg Ritzhaupt (r.) heiratete seine Anna (r.) und nach ihrem Tod die gemeinsame Freundin, ebenfalls Anna (l.). Foto: Raviol

Nur wenige Monate später schreibt Ritzhaupt in die familieneigene Bibel: „Am 17. Oktober 1918 wurde mir meine treue Gattin Anna-Katharina Ritzhaupt infolge einer kurzen, schweren Krankheit (Grippe) unerwartet durch den Tod entrissen. Nur kurz war unser Glück bemessen.“

In den letzten Zügen ihres Lebens gab ihm die Sterbende mit auf dem Weg, was zu tun ist: Heirate meine Freundin, Anna.

"Das wurde bewusst heruntergespielt"

1919 war die Hochzeit, und spätestens mit dem ersten gemeinsamen Kind zwei Jahre später, so glaubt Hirn, konnte sich ihr Großvater auf sein neues Leben zumindest einlassen. „Meine Oma hatte aber immer Konkurrenz durch die schöne, elegante, tote Frau. Ich verstehe, dass sie als so grantig war.“

Ritzhaupt hat alles aufgehoben, was er noch von seiner ersten Frau Anna hatte. Die Fälle der Spanischen Grippe sind selten so gut dokumentiert.

Aber es gab in der Region zahlreiche Erkrankte, weiß Andreas Welker vom Gesundheitsamt Rhein-Neckar-Kreis. „Die Grippe und ihre Auswirkungen wurden aber bewusst heruntergespielt“, erklärt er. „Es wurde darauf geachtet, dass Informationen, die die ’Wehrkraft’ der Bevölkerung weiter beeinträchtigen hätte können, nicht erfasst oder veröffentlicht wurden.“

Aderlass wurde wieder eingeführt

Zudem seien die Toten nicht zwangsläufig der Spanischen Grippe zugeschrieben worden. „Es wurde vielmehr Herz- oder Lungenversagen eingetragen“, so Welker. Im Fall der toten Anna ist die Todesart auf dem Sterbe-Schein gar nicht erst ausgefüllt. Historische Schreiben belegen aber, dass auch Panik herrschte. Gemeinschaftliche Einrichtungen wie Schulen wurden mancherorts geschlossen.

Ritzhaupt schrieb in die familieneigene Bibel: „Am 17. Oktober 1918 wurde mir meine treue Gattin Anna-Katharina Ritzhaupt infolge einer kurzen, schweren Krankheit (Grippe) unerwartet durch den Tod entrissen. Nur kurz war unser Glück bemessen.“ Foto: Raviol

Es war Zeit für Wundermittel: Ein Gebräu aus Tollkirschen, Kräuterschnäpse oder auch Aspirin waren angesagt. Der Aderlass wurde wieder eingeführt, berichtet die Heidelberger Medizin-Historikerin Karen Nolte. „Obwohl wir uns da im Zeitalter der naturwissenschaftlichen Medizin bewegen.“

Die Spanische Grippe trat in drei Wellen auf und traf auf geschwächte Menschen. Nach dem Steckrübenwinter und während des Krieges waren die Menschen mangelernährt.

426.000 deutsche Opfer

Während beim Coronavirus vor allem ältere Erkrankte gefährdet sind, starben an der Spanischen Grippe vermehrt junge Menschen. 426.000 deutsche Opfer soll es gegeben haben. „Die Westfront und die Seeblockade trugen als Riegel dazu bei, dass Deutschland weniger betroffen war als andere Länder“, sagt Nolte.

Da in Spanien über die Fälle frei berichtet werden konnte, bekam die Spanische Grippe ihren Namen. Der Ursprung wird aber in den USA vermutet. Karikaturen aus mehreren Ländern zeigten vor allem Hilflosigkeit und den unbarmherzigen Tod durch die Grippe.

Die Geschichte wartet daheim auf sie

Karin Hirn zeigt den Grabstein von Anna Ritzhaupt. Friedhof Wiesloch, durch das große Haupttor, erster Gang rechts. 458 Kilogramm Granit, weiße Inschrift. „Gottes Wille ist gescheh’n. Unser Trost ist Wiedersehn.“ Wer will, könne Blumen ablegen, sagt Hirn. Es sei das einzige Denkmal für die Spanische Grippe in Deutschland.

60 Jahre lang stand der Grabstein im heimischen Garten. Wie ihn ihr Großvater dorthin gebracht hatte, ist ihr bis heute ein Rätsel. Hirn ließ den Stein zurück zum Friedhof bringen, steht nun vor ihm. Der Grabstein ihres Großvaters liegt ein paar Reihen weiter. „Vielleicht habe ich das zu Ende gebracht, was er wollte“, sagt sie.

Sie wird noch öfter herkommen, als ihr lieb ist.

Doch auch daheim wartet die Familiengeschichte auf sie. Der alte Waschtisch im Esszimmer, die Kommode von damals, das Foto an Anna. Manchmal fühlt sich Hirn von der Geschichte erdrückt, doch sie kann die Dinge von früher nicht wegwerfen. Ein Zimmer im Haus steht noch leer. Das möchte Hirn modern einrichten. Weiße Möbel kommen da rein, sagt sie.

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