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Im Landtag

Empörung nach AfD-Anfrage zu Nationalität von Theaterkünstlern

Irritation und Empörung hat eine AfD-Anfrage im Landtag zur Nationalität von Theaterkünstlern ausgelöst. Die Antragsteller sagen, sie wollten die Qualität deutscher Nachwuchskünstler international vergleichen. Die Theater hingegen fühlen sich fatal an die Zeit der "Ariernachweise" erinnert und betonen die Internationalität ihrer Arbeit.

International besetzt sind die Opern- und Ballettensembles im Land. Szene mit Harriet Mills und Blythe Newman aus dem Ballett "Ein Sommernachtstraum" am Staatstheater Karlsruhe. Foto: Klenk

Update: Inzwischen hat das Badische Staatstheater Karlsruhe mit einem Plakat und in einem Facebook-Post den eigenen Standpunkt zum Thema klargemacht.

„Kunst war schon immer international“, sagt Peter Spuhler, Generalintendant des Staatstheaters Karlsruhe, und verweist auf Georg Friedrich Händel. „Der komponierte in London und holte für die Aufführungen seiner Oper Sänger aus Italien. Schon damals ging es darum, die besten Künstler zu versammeln, und nicht um Nationalitäten.“ Umso irritierter zeigen sich die beiden Staatstheater des Landes von einem Vorstoß der AfD Baden-Württemberg: Mit dem parlamentarischen Mittel einer Kleinen Anfrage forderte die Partei dazu auf, die Nationalitäten der Balletttänzer und -tänzerinnen, Orchestermusiker und Opernstudio-Mitglieder an staatlichen Theatern und deren Ausbildungsstätten mitzuteilen.

Theaterchef sieht rassistische Tendenz

Der Bad Schönborner Abgeordnete Rainer Balzer erklärte als Mitunterzeichner, die Anfrage ziele auf eine realistische Einschätzung der Qualität der eigenen Nachwuchskünstler im internationalen Vergleich. „Wenn man das wissen wollte, könnte man auch direkt danach fragen“, befindet Peter Spuhler, der in der Anfrage eine rassistische Tendenz sieht: „Genauso könnte man nach den Nationalitäten der Spieler in der Fußball-Bundesliga fragen.“

"Fatale Erinnerung an Ariernachweise"

Thomas Koch, Kommunikationsleiter der Staatsoper Stuttgart, wird deutlicher: „Die Anfrage sieht zwar so aus wie eine der üblichen Provokationen der AfD, aber wenn man sie in Verbindung mit den Aussagen zur Kulturpolitik im Parteiprogramm bringt, dann erinnert das auf fatale Weise an die Zeiten des Nationalsozialismus, als nach Ariernachweisen gefragt wurde.“

Warnung vor Kulturkampf

Die Anfrage ist die erste dieser Art in Westdeutschland. In ostdeutschen Bundesländern gab es bereits offensiv gegen Theater gerichtete AfD-Anfragen. In Sachsen sei bereits ein regelrechter Kulturkampf im Gange, erklärt Carsten Ramm, Intendant der Badischen Landesbühne Bruchsal, für den die auch diese Anfrage auf die „Spaltung unserer Gesellschaft“ zielt.

Keine "Migranten-Listen"

Medienberichte darüber, dass die Staatsoper Stuttgart „Migranten-Listen“ zur Beantwortung der Frage anfertigen solle, lösten dementsprechend eine Welle der Empörung aus. Ebenso gab es auf die Twitter-Mitteilung des Theaters, über solche Listen nicht zu verfügen und sie auch nicht zu erstellen, zahlreiche Solidaritätsbekundungen. Die Beantwortung der Anfrage obliegt dem Kunstministerium, das der Erstellung solcher Listen ebenfalls eine Absage erteilt hat. Zur Beantwortung werde man Daten „auf Grundlage der vorhandenen Informationen“ zuliefern.

Stolz auf Internationalität

Konkret heißt das: Mitgeteilt wird, wie viele internationale Bühnenangehörige aus wie vielen Nationen an einem Haus beschäftigt sind. Diese Auskunft wollen die Theater nicht verweigern. Peter Spuhler betont: „Die Gewaltenteilung mit der Möglichkeit, die Regierung durch Anfragen parlamentarisch zu kontrollieren, ist ein hohes demokratisches Gut, auch wenn es hier von der AfD krass missbraucht wird.“ Zudem sei die Internationalität des Staatstheaters kein Geheimnis: „Ohne unsere Mitarbeiter aus 46 Nationen wäre unsere Arbeit nicht möglich", sagt Spuhler und fügt hinzu: "Es zählt die Qualität, nicht die Herkunft."

Rund 50 Nationen am Theater

Menschen aus 50 Nationen arbeiten an der Oper Stuttgart, auf deren Homepage Intendant Viktor Schoner zur Oper „Mefistofele“ wie folgt zitiert wird: „Ein deutscher Stoff wird zur italienischen Oper. Ein katalanisches Kollektiv inszeniert in Frankreich und bringt diese Produktion nach Stuttgart. Ein Finne, eine Moldawierin, ein Italiener, ein Amerikaner und eine Kolumbianerin stehen mit einem Chor aus verschiedensten Nationen auf der Bühne. Ein Italiener dirigiert das internationale Staatsorchester. Sinnfälliger lässt sich die Internationalität unserer Kunstform nicht anschaulich machen!“

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