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Stillen in der Öffentlichkeit

Stillende Mütter demonstrieren vor dem Café Brenner in Karlsruhe: Café-Besitzer lenkt ein

Rund 25 Mütter und Väter haben sich am Mittwochmittag vor dem Café Brenner in Karlsruhe zu einer "Still-Demo" versammelt, um für mehr Akzeptanz für stillende Mütter in der Öffentlichkeit zu werben. Die Café-Besitzer hatten zuvor zwei Mütter, die ihre Kinder im Café gestillt hatten, gebeten, nicht mehr wiederzukommen. Nun gab es eine überraschende Wende in der Debatte.

Rund 25 Mütter und Väter haben sich in Karlsruhe vor dem Café Brenner zusammengefunden, um für mehr Akzeptanz für Stillen in der Öffentlichkeit zu werben. Foto: Mori Monteiro
Mitarbeit: Sarah Nagel

"Stillen in der Öffentlichkeit darf kein Thema sein", sagt Hebamme Anja Lehnertz, als sie die Mütter und Väter zu Beginn der Demonstration direkt vor den Schaufenstern des Cafés begrüßt. Zuvor hat sie dort eine Bank aufgestellt, auf der immer wieder Mütter Platz nehmen, um ihre Kinder öffentlich zu stillen. Am Rande der Veranstaltung haben zwei Polizisten Stellung bezogen und beobachten die demonstrierenden Mütter und Väter.

Sie habe in den sozialen Medien davon erfahren, dass stillende Mütter im Café nicht willkommen seien, sagt Lehnertz. Daraufhin habe sie auf Facebook zur "Still(en)-Demo" aufgerufen - um ein Zeichen zu setzen.

Im Vorfeld der Demonstration hatte es in den sozialen Netzwerken bereits Kritik an der Aktion gegeben. Es sei unverhältnismäßig, das Café Brenner nun mit einer Demo an den Pranger zu stellen, hieß es vermehrt. "Aber ab wann ist solch eine ,Stille Demo' denn dann angebracht?", hatte Lehnertz bereits vor der Aktion gesagt.

"Es gibt Demos gegen jedes Thema. Die Gesellschaft soll doch immer laut werden und ihre Meinung sagen. Aber wenn man es dann tut, ist es wieder verkehrt, weil es nach bestimmten Normen geschehen soll."

Lehnertz: Stillen ist nicht berechenbar

Die Ernährung eines Kindes habe überall zu funktionieren, so Lehnertz. Es sei nun mal nicht berechenbar, wann ein Kind gestillt werden müsse. "Wenn ich als stillende Mama ein Café verlassen muss, finde ich das nicht okay."

Dass ältere Menschen mit dem Anblick stillender Mütter Probleme hätten, könne sie zwar schon verstehen, sagt Lehnertz. Aber trotzdem könne man da "schon eine respektierende und akzeptierende Ebene erreichen".

Nach einer Weile mischt sich ein Mann unter die Demonstrierenden, der sich selbst als Stammkunde des Cafés vorstellt. Von einem Still-Verbot im Café habe er noch nie gehört, sagt er. Die Aussage der Chefin, dass Stillen dort nicht gewollt sei, sei eine Überreaktion gewesen.

Die Still-Demo im Video: Das sagt der Café-Betreiber

Still-Verbot im Café: Nur ein Missverständnis?

Hinter den großen Fenstern des Cafés sitzen an diesem Mittwoch besonders viele Gäste bei Kaffee und Kuchen. Café-Chef Michael Brenner hat viel zu tun. Dass nun Mütter vor seinem Café demonstrieren, empfindet er als Provokation. "Ich war jetzt das Opfer, um das Thema hochzuschaukeln", sagt er.

Dass Mütter im Café nicht stillen dürften, sei ein Missverständnis gewesen, so Brenner. "Ich habe ja auch einen Wickeltisch und einen Hochstuhl", führt er an. Und es gebe eine Stillecke. Bei dem Vorfall im Dezember, bei dem zwei Mütter gebeten wurden, das Café nicht mehr zu besuchen, sei es nicht um das Stillen gegangen, sondern um den Lärm, den zwei Kleinkinder gemacht hätten.

"Wenn die kleinen Gäste zu lange bei uns im Café sind, dann verlieren die halt die Lust und werden laut", sagt Brenner. Und dann gebe es einen Interessenkonflikt mit den älteren Gästen, die sich dann dadurch gestört fühlten. Im Dezember hätten sich wegen der lärmenden Kinder mehrere Gäste beschwert und angekündigt, das Café nicht mehr besuchen zu wollen.

Berlinde Schmitt, eine der beiden Mütter, die damals im Café gestillt hatten und anschließend gebeten wurden, nicht wiederzukommen, führt allerdings an, dass sie und ihre Schwägerin Ilana Miller nur ihre beiden Säuglinge im Café dabei gehabt hätten. Die beiden älteren Kinder seien mit ihren Vätern im Schwimmbad gewesen. "Keines der Babys hat auch nur ein Mal geweint", so Schmitt.

Dehoga: Gastronomen müssen Interessen ihrer Gäste ausgleichen

Auch Michael Kant, Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbands Baden-Württemberg, ist am Mittwoch vor Ort. Es gebe zwar ein Hausrecht, Gaststättenbetreiber müssten aber selbst darauf hinweisen, welche Gepflogenheiten in ihrem Betrieb herrschten, so Kant.

Die Frage, ob stillende Mütter im Rahmen des Hausrechts eines Cafés verwiesen werden dürften, stelle sich nicht, so der Dehoga-Geschäfsführer. Denn: "Es wäre nicht im Interesse eines Gastronomen, stillende Gäste auszuschließen."

Bald "Stillkugeln" im Café Brenner?

Nach dem Ende der "Still-Demo" kommt Initiatorin Anja Lehnertz ins Café Brenner. Sie hat ein Rezept für "Stillkugeln" – Pralinen, die die Milchbildung unterstützen – dabei, das sie dem Café-Betreiber überreichen möchte. Eine Art Friedensangebot. "Die geben stillenden Müttern Energie und sind sehr lecker", sagt Lehnertz.

Michael Brenner nimmt das Rezept entgegen und gibt der Demo-Initiatorin die Hand. Ob es dann demnächst auch Stillkugeln für die stillenden Mütter im Café Brenner gibt?

"Schauen wir mal", sagt Brenner.

Unter den Müttern und Vätern ist die Stimmung nach der Demo gelöst. "Ich wollte ein Zeichen dafür setzen, dass es ganz natürlich ist, in der Öffentlichkeit zu stillen", sagt Natascha Friedmann, die mit ihrer kleinen Tochter aus Kandel angereist ist. Der Vorfall im Café Brenner sei der Auslöser dafür gewesen, dass sie sich nun auch dafür stark mache, dass Stillen in der Öffentlichkeit in der Gesellschaft akzeptiert wird.

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