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Initiative kümmert sich seit 25 Jahren

Streuobstwiesen verschwinden: Droht Äpfeln und Birnen im Landkreis Karlsruhe das Aus?

Entweder sie verwahrlosen oder sie werden bebaut: Die Streuobstwiesen gelten zwar als immaterielles Kulturerbe. Dennoch ist ihr Erhalt Arbeit. Zeit, die nicht alle Besitzer aufbringen können oder wollen.

Nur mit der richtigen Pflege ist eine Streuobstwiese reich an Tieren und Pflanzen: Die Bäume am Weingartener Kirchberg beginnen zu blühen. Inhaber von Streuobstwiesen können ihr Obst an die Initiative verkaufen und dort verwerten lassen. Dafür bekommen sie Unterstützung beim Erhalt. Foto: Rake Hora /BNN

Die Knospen der Zwetschgen beginnen zuerst, sich zu öffnen. Es folgen Blüten um Blüten: die Kirschen, Birnen und zuletzt die Äpfel. Zwischen April und Mai zeigen sich die Streuobstwiesen von einer besonders schönen Seite. Sie gelten als immaterielles Kulturerbe.

„Sie sind Teil unserer Heimat“, betont Ökologe Hans-Martin Flinsbach. Als Vorsitzender der Streuobstinitiative im Stadt- und Landkreis Karlsruhe schickt er zugleich eine Warnung hinterher: Ein Drittel der Bestände sei in den vergangenen 25 Jahren verloren gegangen.

Mangelnde Pflege vernichtet Streuobstbestände

So lange ist es auch her, seit sich im Mai 1996 Menschen in der Region zur Initiative zusammenschlossen. Das hätten die Verantwortlichen diesen Frühling gerne gefeiert, so Flinsbach. Das Fest muss pandemiebedingt jedoch warten.

Flinsbach vergleicht die Initiative mit Blick auf den Rückgang der Bestände mit „einem Tropfen auf den heißen Stein“.

Der negative Trend halte an, sagt der Ökologe. Es gebe einen direkten Verlust durch den Siedlungs- oder Straßenbau, aber auch durch mangelnde Pflege. „Wenn die Bäume nicht geschnitten, die Wiesen nicht gemäht werden, geht der Bestand auch zurück.“

Initiative kauft Obst ab und schafft finanzielle Anreize

Die Streuobstwiesen stehen inzwischen unter gesetzlichem Schutz. Wenn eine Wiese mit mehr als 1.500 Quadratmetern bebaut werde, müsse diese im Umkehrschluss an anderer Stelle ersetzt werden, sagt Flinsbach.

Diese Regeln schüren Hoffnung, die Streuobstwiesen zu erhalten. Um keine Verluste zu verzeichnen, müssen die Bestände dennoch umsorgt werden. Dafür schaffe man seit Beginn Anreize, so Flinsbach.

Nur mit der richtigen Pflege ist eine Streuobstwiese reich an Tieren und Pflanzen: Die Bäume am Weingartener Kirchberg beginnen zu blühen. Inhaber von Streuobstwiesen können ihr Obst an die Initiative verkaufen und dort verwerten lassen. Dafür bekommen sie Unterstützung beim Erhalt. Foto: Rake Hora /BNN

290 Abgeber mit rund 1.200 Grundstücken stehen bei der Initiative unter Vertrag – Privatpersonen, über 30 Vereine und 31 der Landkreis-Kommunen. „Es gibt den doppelten Marktpreis für das Obst, vergünstigte Bäume und Hilfe bei der Pflege“, erklärt Flinsbach das Geschäftsmodell. Über 90 Prozent der Flächen seien bio-zertifiziert.

Zwischen 300.000 und 400.000 Liter Apfelsaft pro Jahr entstehen

Das Obst landet bei der Kelterei Zumbach in Kraichtal, wird dort verarbeitet und schließlich von der Initiative vermarktet – in Handelsketten, Hofläden oder Getränkemärkten in der Region.

Allein beim Apfelsaft komme man laut Angaben auf der Website auf zwischen 300.000 und 400.000 Liter im Jahr. „Dadurch finanziert sich das Konzept“, so Flinsbach. Ohne die ehrenamtliche Arbeit würde die Rechnung jedoch nicht aufgehen.

Letztlich ist die Streuobstwiese aber mehr als ein Ort, um Obst für Säfte zu produzieren. Über 5.000 Arten haben nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) dort ihr Zuhause. Studien zufolge seien die Baumbestände von neun auf rund sieben Millionen landesweit geschrumpft.

Mehr als die Hälfte der Wiesen in Baden-Württemberg gehörten Privatbesitzern. Werden sie nicht mehr gepflegt, verwahrlosen sie und verlieren ihren Reichtum, so der BUND-Landesverband weiter.

Sie gehört zum gewohnten Bild. Und alles, was gewohnt ist, wird irgendwann gewöhnlich.
Hans-Martin Flinsbach, Vorsitzender der Streuobstinitiative im Stadt- und Landkreis Karlsruhe

„Sie ist der vielfältigste Lebensraum in unserer Region“, so Flinsbach. Doch: „Sie gehört zum gewohnten Bild. Und alles, was gewohnt ist, wird irgendwann gewöhnlich.“ Das Artenreichtum der Streuobstwiese werde nicht mehr wahrgenommen. „Das Erwachen kommt dann erst, wenn sie verschwunden ist“, befürchtet er.

Das Wissen über die Pflanzen stirbt mit den Wiesen aus

Mit den Streuobstwiesen gingen nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern auch wertvolles Wissen verloren. „Diese Sortenvielfalt etwa bei Äpfeln bekommt man im Supermarkt nicht“, sagt er. Darüber hinaus gebe es bei den Besitzern viele offene Fragen, wie man eine Streuobstwiese und die Natur dort pflege. Mit Veranstaltungen und Kursen versuche man, gegenzusteuern.

Aber man erfreut sich an der Blüte, an der Ernte und kann diese sogar verwerten.
Günter Kolb, Fachwart bei der Streuobstinitiative und Wiesen-Besitzer

Fachwart Günter Kolb vermittelt sein Wissen unter anderem für die Initiative an angehende neue Experten. In seiner Funktion als Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Bruchsal bildete er gemeinsam mit dem Landwirtschaftsamt Bruchsal in den vergangenen 15 Jahren rund 380 Fachwarte aus.

Sie sind erste Ansprechpartner sowie Unterstützer für alle, die ihre Streuobstwiese erhalten wollen. „Aus finanzieller Sicht lohnt sich Streuobst nicht“, sagt Kolb deutlich. „Der Wert in der Bevölkerung ist nicht der, der er sein sollte.“

Dass einige Wiesen nicht länger bearbeitet werden, überrascht ihn daher nicht. Zu tun gebe es mit Mähen, Ernten und weiteren Aufgaben schließlich das ganze Jahr über genug. Das stünde anderen Interessen gegenüber. „Aber man erfreut sich an der Blüte, an der Ernte und kann diese sogar verwerten“, so Kolb. Welche Auswirkungen der Frost in den vergangenen Tagen auf den diesjährigen Ertrag hat, könne man noch nicht absehen. Wenige Grad seien schon entscheidend.

Die Frosttage für dieses Jahr seien noch nicht endgültig vorbei, vermutet Kolb. Für die langfristige Zukunft der Streuobstwiesen hegt er einen Hoffnungsschimmer: Die Beschäftigung mit der Natur locke vermehrt wieder jüngere Leute, sagt er. „Mir begegnen wieder Familien, die ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen.“

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