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Homeoffice nicht möglich

Systemrelevant in der Corona-Krise: Ohne diese Helden läuft in Karlsruhe nichts

Wer kann, geht ins Homeoffice. In den eigenen vier Wänden schützen sich die Menschen derzeit bestmöglich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus – und folgen damit dem Aufruf der Politik. Es gibt aber viele Berufsgruppen, die nicht einfach von daheim aus arbeiten können. Ohne sie bräche die Gesellschaft zusammen.

Hebamme bei der Arbeit. Foto: Sina Schuldt/Archivbild Foto: None

Wer kann, geht ins Homeoffice. In den eigenen vier Wänden schützen sich die Menschen derzeit bestmöglich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus – und folgen damit dem Aufruf der Politik. Es gibt aber viele Berufsgruppen, die nicht einfach von daheim aus arbeiten können – ohne sie bräche die Gesellschaft zusammen.

Die BNN stellen beispielhaft sechs Menschen vor, ohne deren Einsatz es nicht gehen würde. Sie sprechen über ihre Arbeit, ihre Angst vor Corona und über Optimismus.

Der Feuerwehrmann

Die Feuerwehrleute sind auf dem Weg zum Brandort, dann kommt über Funk die Durchsage: „Es gibt vor Ort einen Corona-Verdacht.“

Wir können die Menschen nicht in Notlagen lassen, nur weil wir Angst haben
Branddirektor Markus Pulm

Feuerwehrmann Markus Pulm Foto: pr

Der Karlsruher Branddirektor Markus Pulm gibt zu: „Darüber ist man nicht glücklich. Aber wir können die Menschen nicht in Notlagen lassen, nur weil wir Angst haben.“ Bei der Feuerwehr gebe es von Haus aus hohe Schutzstandards, betont der 57-Jährige.

„Wir sind es gewohnt, mit erkrankten Menschen umzugehen.“ Und doch ist Vorsicht geboten: „Wir wollen nicht, dass unsere Kollegen krank werden.“ In Feuerwehrsprache heißt es zudem: „Wir müssen vor der Lage bleiben.“ Vorkehrungen für das treffen, was noch nicht ersichtlich ist. „Ein bisschen wie ein Schachspieler“, sagt Pulm.

Wenn die Menschen nur noch daheim bleiben, denkt er an Dinge wie Aggression, Suizidpotenzial oder einsame Menschen. „Auch darauf bereiten wir uns vor.“ Pulm rechnet nicht mit einer steigenden Brandgefahr. Er weiß auch, dass schon ein Quarantäne-Fall in den eigenen Reihen problematisch wäre. „Das kann uns den Dienstplan über den Haufen schmeißen.“

Übungen mit den freiwilligen Feuerwehren gibt es daher derzeit nicht, und die Feuerwehrleute der Berufsfeuerwehr achten auf größtmögliche Distanz untereinander. „Wir machen uns weniger Sorgen um uns selbst“, sagt Pulm. „Aber viele Kollegen haben alte Menschen um sich herum, die sie pflegen müssen.“

Die Polizistin

Zu normalen Zeiten ist Jessica Paschkes Schutzanzug blau. Polizei steht in dicken silbernen Lettern auf dem Rücken, auf den Schulterklappen hat die Polizeiobermeisterin zwei Sterne. Tatsächlich schafft die Polizeiuniform automatisch ein bisschen mehr Distanz und im besten Fall auch Respekt.

Jessica Paschke Foto: Peter Sandbiller

In Zeiten einer unsichtbaren Bedrohung wie der durch das Coronavirus ist das natürlich etwas anderes. Da bedeutet die Uniform, dass Jessica Paschke raus muss. Die 26-jährige Ehefrau und Mutter eines kleinen Kindes kann sich nicht in einem Homeoffice verkriechen und warten, bis die Gefahr vorbei ist.

Im Polizeirevier Karlsruhe-Durlach muss die Frau tagtäglich ihren Mann stehen. Gar nicht so einfach, oder? „Ich versuche nicht allzuviel darüber nachzudenken“, sagt Paschke. „Ich habe diesen Job gewählt und er muss nun mal gemacht werden“, fügt sie hinzu.

In Zeiten allgemeiner Panik hält sie es für ihre Pflicht, die Situation ernstzunehmen und dennoch ruhig und besonnen zu bleiben. „Ich trage keinen Mundschutz, wenn ich draußen herumlaufe. Aber wenn ich merke, dass die Situation brenzlig wird, dann schon.“

Hygiene gehört für die Polizistin im Streifendienst ohnehin zum täglichen Geschäft. In der Ausbildung schon werden die Polizeianwärter mit Sicherheits- und Hygieneregeln vertraut gemacht. Hände waschen – desinfizieren – das gehört zur täglichen Arbeitsroutine für einen Beamten auf der Straße.

Die Bestatterin

„Gottseidank ist mein Mann schon seit eineinhalb Wochen tot.“

Bestatterin Melanie Haas Foto: Sebastian Raviol

Den Satz einer Kundin, so skurril er klingt, kann Bestatterin Melanie Haas verstehen. Waren bei manchen Beerdigungen 300 Gäste üblich, dürfen in vielen Gemeinden nur noch 30 oder gar zehn Gäste der Beerdigung beiwohnen.

„Für die Menschen ist das furchtbar. Ich mache mir meine Gedanken“, sagt Haas. „Die Menschen wollen trotzdem ihren Abschluss haben.“ Die 45-jährige Bestatterin aus Friedrichstal trägt neben Handschuhen mittlerweile auch einen Mundschutz – aber erst im letzten Moment, wenn sie Verstorbene aus Wohnungen holt.

„Wir wissen noch nicht, wie lange der Keim in Verstorbenen überlebt. Auch bei ihnen kann restliche Luft aus den Lungen entweichen.“ Sorgen um ihre Gesundheit macht sich Haas nicht. „Meine Devise: Ich bekomme es oder ich bekomme es nicht – ich könnte mich auch im Supermarkt anstecken.“

Ich muss weiter machen, egal wie
Bestatterin Melanie Haas

Privat hat Haas schon immer Lebensmittelvorräte angeschafft – berufsbedingt. „Ich bin immer auf Abruf und weiß nie, wann ich zum Einkaufen komme.“ Für die Arbeit hat sie auch vorgesorgt, kürzlich zufällig eine Menge Särge bestellt. Bei drohenden Lieferengpässen könnten sich Bestatter auch nur eine Zeit lang aushelfen, schätzt Haas.

Sie hofft weiter auf das Verständnis ihrer Kunden – auch dann, wenn sie eine Anwesenheitsliste bei den Trauerfeiern auslegen sollte, damit Kontaktpersonen im Falle von Corona-Erkrankungen im Nachhinein klar sind. Unsichere Zeiten. „Bei mir weiß man normal immer, was möglich ist – momentan kann ich fast gar nichts sagen.“ Die Anordnungen aus den Stadtverwaltungen könnten sich fast stündlich ändern, sagt Haas. „Aber ich muss weiter machen, egal wie.“

Die Hebamme

„Verunsichert, wie der Rest der Bevölkerung auch, aber irgendwie auch hochmotiviert bei allem Durcheinander, das gerade herrscht.“ So fasst Hebamme Jutta Eichenauer die Situation zusammen. Als Vorsitzende des Landesverbandes der Hebammen in Baden-Württemberg kennt sie die Sorgen und Nöten ihrer Berufsgruppe nicht nur aus eigener Erfahrung.

Seitdem das Virus sich in alle Bereiche des Lebens eingeschlichen hat, steht bei ihr das Telefon nicht mehr still. „Es gibt so viele Fragen zu klären “, sagt Jutta Eichenauer. Die beträfen nicht nur die Ausübung des Berufs, die durch Besuchsverbote in Krankenhäusern , mangelnde Desinfektionsmittel und Sorgen um Hausbesuche gekennzeichnet ist. „Viele unserer Hebammen stellen auch ganz praktische Fragen, wie zum Beispiel die nach der Betreuung ihrer eigenen Kinder.“

Hebamme Jutta Eisenauer Foto: pr

Viele selbstständige Hebammen sehen auch ihre Existenz auf dem Spiel. „Plötzlich können sie keine Kurse mehr abhalten und sollen die Hausbesuche reduzieren.“ Dabei sieht sie jetzt schon den Bedarf an Wochenbettbetreuungen steigen, da die Mutter-Kind-Paare ja möglichst schnell wieder die Kliniken verlassen sollen.

Doch Kreativität, Flexibilität und eine gehörige Portion Idealismus kennzeichneten seit je her den Beruf der Gebursthelferinnen und -helfer. „Wir sind auch jetzt wie immer sehr schnell dabei uns umzustellen, um möglichst viel auf anderem Weg zu erledigen.“

Homeoffice sei keine Alternative. „Aber genau deshalb haben viele von uns denn Beruf ja auch gewählt. Wir wollen für die Schwangeren, die jungen Mütter und ihre Kinder da sein. Ihr Schutz geht für uns, nach dem Schutz von uns selber, vor. Dabei sind wir auch in schwierigen Zeiten hochmotiviert. Das ist ganz typisch für unseren Beruf.“

Der Abwasserspezialist

„Wenn Sie ihre Toilette problemlos benutzen können, haben wir unseren Job gut getan“: Was aus dem Mund von Albrecht Dörr so flapsig herüberkommt, ist ein ernstes Thema. Für die Gesundheit einer Stadt ist es kritisch wichtig, dass deren Klärwerke funktionieren. Karlsruhe betreibt die zweitgrößte Anlage im Land. Täglich werden hier 100.000 Kubikmeter Abwasser gereinigt.

Corona hin oder her, der 61-jährige Bereichsleiter Dörr muss dafür sorgen, dass alles rund um die Uhr rund läuft. Der Spezialist ist seit 35 Jahren bei den Stadtwerken Karlsruhe an Bord und nennt die Epidemie eine Riesenherausforderung. „Wir gingen bei unseren Notfallplänen immer davon aus, dass Maschinen ausfallen können, jedoch nicht ganze Gruppen von Menschen, die sie bedienen“, sagt er.

Der Kapitän geht als Letzter von Bord
Abwasserspezialist Albrecht Dörr

Dörr koordiniert die Arbeit von Teams, die in der Kläranlage zwangsläufig mit Ausscheidungen und giftigen Krankenhausabfällen in Berührung kommen. Auch er muss dort nach dem Rechten sehen. „Die hohe Infektionsgefahr ist uns bewusst“, sagt er. Die komplexe Anlage dürfe jedoch aus Sicherheitsgründen nicht ferngesteuert werden.

„Computer können alles, trotzdem braucht man zwei Hände, die den Schieber bedienen“, kommentiert Dörr. Sollte in Karlsruhe alles stillstehen, wird er trotzdem raus müssen, um seinen Job zu tun: „Wie auf schwerer See: Der Kapitän geht als Letzter von Bord“.

Der Strom-Aufseher

An seinem Arbeitsplatz in der Netzleitstelle der Karlsruher Stadtwerke hat Rolf Schützendübel einen guten Überblick über das sensible Geflecht der Versorgungsadern in der Großstadt: Fließen Gas und Strom normal? Wenn nicht, liegt es beim 45-jährigen Elektrofachmann, schnell zu reagieren und die Panne zu beheben.

Elektrofachmann Rolf Schützendübel Foto: pr

„Eine Mittelspannungsstörung lässt schon mal ein paar tausend Haushalte im Dunkeln sitzen“, sagt er. Seit Beginn 2020 gab es fünf solcher Störungen in Karlsruhe. Schützendübel geht davon aus, dass dies auch während der Corona-Epidemie passieren wird.

Immer aktuell:

Darum hat sich der Vize-Abteilungsleiter Netzbetrieb Strom-, Gas und Wassernetze auf Notfälle vorbereitet. Schützendübel arbeitet im Homeoffice, er muss aber auch immer wieder ins Büro, um den Einsatz seiner Mitarbeiter zu organisieren und Probleme zu lösen „Morgens“, sagt er, „steppt immer der Bär“.

Seine Abteilung hält jetzt zwei räumlich getrennte Leitwarten im Parallelbetrieb besetzt, so dass sich die Mitarbeiter nicht gegenseitig infizieren können. „Es ist sehr ungewohnt“, sagt Schützendübel. „Aber wir haben ein gutes Gefühl. Das kriegen wir schon hin“.

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